Arbeitsstelle Holocaustliteratur am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen
Pressestimmen zu Hilda Stern Cohen: Genagelt ist meine ZungeFrankfurter Rundschau, 28.05.2005:Die Kraft des Aufbegehrens im Hörspiel
Gießener Anzeiger, 31.03.2005: Erfolgreicher Lyrikband nun als Hörbuch
Gießener Allgemeine Zeitung, 31.03.2005: Leid, Angst und Hoffnung werden lebendig
Frankfurter Rundschau, 18.03.2005: Stiftung veröffentlicht Texte einer Überlebenden als Hörbuch
Frankfurter Rundschau, 26.04.2004: Niemand erzählt meine Geschichte
Gießener Anzeiger, 18.12.2003: Über Hilda Stern Cohen im Internet recherchieren
Oberhessische Zeitung, November 2003: Erinnerung ans „Schlachthaus KZ"
Alsfelder Allgemeine Zeitung, 25.09.2003: Eine Stunde dem Holocaust eine Stimme gegeben
Mücker Stimme, 25.09.2003: Empfang der Gemeinde Mücke für Dr. Werner Cohen und Prof. Erwin Leibfried
Frankfurter Rundschau, 24.09.2003: "Es stammelt meine Seele ihre Pein"
Gießener Allgemeine Zeitung, 24.09.2003: "Natürlich, intelligent, aufgeschlossen"
Gießener Anzeiger, 23. 09.2003: Zunge an die Sprache der Täter genagelt
Gießener Anzeiger, 09.09.2003: Unscheinbare Kladden mit zutiefst bewegendem Inhalt
Gießener Anzeiger, 08.06.2002: "Genagelt ist meine Zunge": Texte von Hilda Stern Cohen
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Aus: Frankfurter Rundschau, 26.04.2004:
Niemand erzählt meine Geschichte
Überlebende des nationalsozialistischen Terrors schreiben sich ihr Martyrium von der Seele / Arbeitsstelle Holocaustliteratur
Von Georg Kronenberg
Seit fünf Jahren widmet sich die Gießener Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Aufbereitung und Veröffentlichung von Zeitzeugenberichten der Nazi-Gräuel. Die Licher Chambré-Stiftung will eine halbe Juniorprofessur finanzieren, um die Einrichtung an der Gießener Uni dauerhaft zu sichern.
Giessen 25. April. Die sieben Schulhefte lagen in der untersten Schublade. Aufgefallen waren sie Werner Cohen zunächst nicht, als er nach dem Tod seiner Frau 1997 ihren Nachlass sortierte. Irgendwann begann er die alten Kladden duchzublättern und die verblichene Bleistiftschrift seiner Frau zu entziffern.
„Was ich da las, zog mich unwiderstehlich in eine Welt, in eine Wirklichkeit, von der ich bislang keine Ahnung hatte", berichtet der 82-Jährige aus Baltimore. „Es stammelt meine Seele ihre Pein", schreibt seine Frau im Gedicht „Gebet", erzählt vom „beinahen Hungertod" und dem „Massengrab Maryschin". Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als die Auschwitz-Überlebende in Österreich auf die Ausreise in die USA wartete, hatte Hilda Stern Cohen versucht, sich ihr Martyrium von der Seele zu schreiben. Rund 150 Gedichte und Prosatexte brachte die Anfang 20-Jährige zwischen 1945 und 1947 zu Papier, erzählte niemandem davon, nicht einmal ihrem Mann während der fast 50-jährigen Ehe.
Für Werner Cohen war schnell klar, dass er das ausdruckvolle literarische Werk veröffentlichen wollte. Nur wo? Über das New Yorker Goetheinstitut bekam er Kontakt zur Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Gießener Universität. Vergangenen Herbst wurde der Band "Genagelt ist meine Zunge" von der Arbeitsstelle publiziert. „Solche Texte sind früher oft zwischen die Fachgrenzen von Geschichte und Literatur gefallen", sagt der stellvertretende Leiter Sascha Feuchert. Vor gut fünf Jahren wurde die einzige Arbeitsstelle dieser Art in Deutschland von dem Giessener Germanistikprofessor Erwin Leibfried und Feuchert gegründet.
Ziel ist die literaturwissenschaftliche und -didaktische Untersuchung und Aufbereitung von Texten aus dem Holocaust. „Unsere Grundüberzeugung ist, dass die Texte nicht nur als Quelle für geschichtliche Daten, sondern auch auf ihre literarische Form untersucht werden müssen", sagt Mitarbeiterin Charlotte Kitzinger. Mit rund 15 Zeitzeugen USA, England, Israel, Polen, Australien oder auch Deutschland sind die Gießener Germanisten permanent in Kontakt. Neun Bücher mit Berichten von Überlebenden sind bisher publiziert worden.
Zentrales Projekt ist die wissenschaftliche Aufarbeitung und Veröffentlichung der Ghetto-Chronik der polnischen Stadt Lodz. Rund ein Dutzend Journalisten und Wissenschaftler aus den unterschiedlichsten Disziplinen, die zwischen 1941 und 1944 im Lodzer Ghetto eingepfercht waren, haben an dem 2000 Seiten starken Wert gearbeitet - Theologen genauso wie der österreichische Theaterkritiker Oskar Rosenfeld, der 1944 in Auschwitz getötet wurde. In der fast 60 Jahre kaum beachteten Chronik wird das Leben und Sterben von rund 250 000 Juden in dem am längsten existierenden Großghetto der Nazis akribisch dokumentiert. In den in Polnisch und Deutsch verfassten Texten werden Sterbefälle, Epidemien, Anzahl der Festnahmen und auch Einzelschicksale festgehalten - wie der "Tod auf der Brücke", wo ein Insasse vor Entkräftung leblos zusammenbricht. Im August, wenn sich die Liquidation des Ghettos zum 60. Mal jährt, soll ein erster Teil der Chronik erscheinen. Weil sich die Arbeitsstelle fast nur aus Projektmitteln finanziert und die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit rund 270 000 Euro finanzierte Aufarbeitung der Gettochronik 2006 endet, sei die Zukunft noch ungewiss, sagt Feuchert. Um sie dauerhaft zu sichern, will die Licher Ernst-Ludwig Chambré-Stiftung die Hälfte einer Juniorprofessur - rund 150 000 Euro für sechs Jahre - zur Verfügung stellen.
Dazu stehen zurzeit Gespräche mit der Hochschule an. „Diese erste umfassende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Holocaustliteratur in Deutschland hat Auswirkungen bis in die Lehrerausbildung", sagt Klaus Konrad-Leder, Geschäftsführer der Chambré-Stiftung. So ist die Arbeitsstelle auch mit Pädagogikseminaren oder öffentlichen Lesungen und Vorträgen präsent.
Auch die Lesung aus Hilda Stern Cohens Werk in ihrem Geburtsort, dem kleinen Dorf Nieder-Ohmen am Rande des Vogelsbergs, hat zur Aufarbeitung lange verdrängter Ortsgeschichte geführt. Die Schüler der nahen Gesamtschule in Mücke wollen ihre Schule inzwischen nach der Auschwitz-Überlebenden umbenennen.
„Holocaustliteratur" umfasst nach der Definition der Gießener Arbeitsstelle alle literarischen Texte über die nationalsozialistische „Rassen"- und Vernichtungspolitik. Die Texte sind jeweils „subjektive" Interpretationen des Holocaust. Dazu gehören können neben Tagebüchern und Chroniken, die zur Zeit des Geschehens entstanden, auch Memoiren und Erinnerungen, die nach den Ereignissen von Betroffenen verfasst wurden oder fiktionale Bearbeitungen (Romane, Gedichte, Dramen), die den Holocaust zentral behandeln. Die Verbindung des Autors zum Geschehen spielt eine zentrale Rolle. Die Texte können von Opfern, Angehörigen, Unbeteiligten, aber auch Tätern stammen.
Textbeispiele und eine Einführung in das Thema Holocaustliteratur bietet der von Sascha Feuchert herausgegebene Band „Holocaustliteratur. Auschwitz" mit Arbeitsmaterialien für den Schulunterricht ab der neunten Klasse. Der 232 Seiten starke Band ist 2000 bei Reclam erschienen.
ISBN: 3150150477 Informationen zur Arbeitsstelle Holocaustliteratur im Internet unter www.holocaustliteratur.de oder unter Telefon 0641/9929075. kro
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Aus: Gießener Anzeiger, 18.12.2003
Über Hilda Stern Cohen im Internet recherchieren
Homepage anlässlich Veröffentlichung von Lyrik und Prosa
Giessen (V). Unmittelbar nach dem Tod seiner Frau mit der er 50 Jahre verheiratet war, fand Dr. Werner Cohen 1997 eine Reihe von alten Schulheften ganz unten in einer Schublade. Diese unscheinbaren Kladden enthielten rund 150 Gedichte und eine Reihe Prosatexte, über die seine Frau Hilda Stern Cohen nie mit ihm gesprochen hat. Im September nun sind die Texte unter dem Titel „Genagelt ist meine Zunge" erschienen. Das hat Werner Cohen mit seinem anrührenden Einsatz für das Vermächtnis seiner Frau und durch die Zusammenarbeit mit dem Goethe Institut Washington und der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Justus-Liebig-Universität erreicht. Und beide Institutionen haben jetzt eine Homepage zum Leben und Werk Hilda Stern Cohens – sie wurde in Mücke geboren – erstellt, heißt es in einer Pressemitteilung.
Die Homepage ist sowohl in englischer als auch in deutscher Sprache gestaltet. Neben Informationen zur Biografie Hilda Stern Cohens sowie einer Fotogalerie stehen ihre Gedichte im Vordergrund – im Original in deutscher Sprache sowie in englischer Übersetzung. Dabei werden die Besucher der Homepage dazu eingeladen, über die vorliegenden Übersetzungen nachzudenken und ihre eigenen Übersetzungsvorschläge mitzuteilen.
Die Gedichte sind in zwei Abschnitte eingeteilt. Der erste Teil beinhaltet sechs Gedichte, die Hilda Sterns Glauben und ihre Überlebensängste im Getto in Lodz und im KZ Auschwitz zum Ausdruck bringen. Zudem geht es um das Problem, an eine Sprache und Kultur gebunden zu sein, die versuchte, einen zu zerstören. Der zweite Teil enthält sechs Gedichte, in denen Hilda Stern Cohen über das Leben in den österreichischen DP-Lagern reflektiert, wo sie auf ihr Immigranten-Visum für die USA warten musste. Im Anschluss erzählt sie von ihrem Leben in den USA. In diesen Gedichten schildert sie die Schwierigkeiten, als KZ-Überlebende in ein „normales" Leben zurückzufinden. Das Buch „Genagelt ist meine Zunge" ist im Bergauf-Verlag erschienen und kostet 15 Euro.
Weitere Infos im Internet:
www.hildasterncohen.org/
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Aus: Oberhessische Zeitung, November 2003:
Erinnerung ans „Schlachthaus KZ"
Die verstorbene Jüdin Hilda Stern hinterlässt ein Buch mit Schilderungen vom Holocaust
Nieder-Ohmen (nst). Als Hilda Stern 16 Jahre alt war, stürmten SS-Männer ihr Haus. „Ihr habt eine Stunde, um zu packen", herrschten die Nazis ihre Familie an. Kurz darauf brachten sie die junge Frau aus Nieder-Ohmen fort ins Ghetto der polnischen Stadt Lodz. 1500 Juden pferchte die Gestapo in einen Transport, dessen Endstation der Tod war. Einzig Hilda Stern-Cohen überlebte. Diesem Wunder setzt jetzt ein Buch ein Denkmal für die Ewigkeit: „Genagelt ist meine Zunge" schildert die Erinnerungen der 1997 verstorbenen Jüdin.
Eigentlich sind es sogar zwei Wunder. Einerseits machte eines Hilda Stern-Cohen zur alleinigen Holocaust-Überlebenden ihres Deportationszuges, andererseits ermöglichte ein zweites erst die Entstehung des Buches. Niemand wusste bis vor kurzem, dass niedergeschriebene Erinnerungen der Nieder-Ohmenerin existierten. Erst nach ihrem Tod fand ihr Ehemann Dr. Werner V. Cohen in einer Schublade mehrere Schulhefte, in denen Hilda über ihre Leidensgeschichte während der NS-Zeit detailliert Buch geführt hat. Mit diesem Fund wandte sich Cohen, heute 81-jährig und in Baltimore lebend, an Dr. William Gilcher vom Washingtoner Goethe-Institut. Gilcher wiederum stellte den Kontakt zum Giessener Universitätsprofessor Erwin Leibfried her, dessen „Arbeitsstelle Holocaustliteratur" nunmehr in zweijähriger Arbeit das Werk „Genagelt ist meine Zunge" veröffentlicht hat.
Unterstützung fanden die Herausgeber Gilcher und Leibfried bei der Gemeinde Mücke, die jetzt Gastgeberin der Buchvorstellung in Nieder-Ohmen war: Dort, wo Hilda Stern 1924 das Licht der Welt erblickt hat, begrüßte Joachim Legatis, Vorsitzender des Fördervereins zur Geschichte des Landjudentums im Vogelsberg, am Dienstag zahlreiche Gäste zur Präsentation eines ergreifenden Zeitzeugendokuments.
Die US-Schauspielerin Gail Rosen brachte dem Publikum Auszüge aus dem Werk näher. Seit mehreren Jahren rezitiert die „Storytellerin" in ihrer Heimat die Leidensgeschichte der Jüdin. Damit entspricht sie deren persönlichem Wunsch: Zeitlebens hat die Jüdin selbst Vorträge über ihr Schicksal in Lodz und Auschwitz gehalten, kurz vor ihren Tod bat sie Gail Rosen, an ihre Stelle zu treten, um ihre Geschichte weiterzutragen.
„Das schreckliche Leiden berührt mich tief", sagt Gail Rosen selbst. Das spürten die Gäste am Dienstag, als sie die Erinnerungen der Hilda Stern-Cohen lebendig werden ließ. Noch mit fünf Jahren dominierten „idyllische Erinnerungen" an den kleinen Bauernhof und das liebe Vieh. Ganz einfache Dorfkinder waren Hilda und ihre Schwester Karola, bis 1933 das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte begann: Adolf Hitler kam an die Macht.
Schon zwei Jahre später musste sie die Dorfschule verlassen, wenngleich Freunde Hitler noch immer nicht ernst nahmen: „Der Wandmaler wird es nur bis zur nächsten Wahl bringen." Doch zu einer Wahl kam es nicht mehr. Stattdessen sollte die systematische Judenvernichtung unaufhaltsam ihren Lauf nehmen: der Holocaust.
Das Regime beschlagnahmte Haus und Hof; notgedrungen siedelte die Familie nach Frankfurt über. 1941 erfasste die Sterns die Welle der Gestapo-Inhaftierungen: Zusammen mit 1500 anderen Juden brachten die Nazis sie ins Ghetto. Hilda Stern-Cohen erinnert sich in ihren Aufzeichnungen an das große Tor mit der Inschrift „Ghetto Lodz: Kein Eingang – Kein Ausgang": „Kleine Straßen voller Dreck" im Ghetto und „Skelette, die noch lebten".
Über all das hat sie bewegend Buch geführt: über die menschenverachtenden Zustände im Ghetto, über das „große Schlachthaus KZ", in dem sie sich wie Vieh gefühlt hat, über das schreckliche Gefühl, die eigenen Mutter sterben zu sehen und den Gedanken, „niemals mehr Tochter zu sein". Aber sie hat auch über solche Momente geschrieben, die damals für sie wie Juwelen waren : das tränenreiche Wiedersehen mit der Schwester im Arbeitslager etwa.
Gemeinsam mit Werner V. Cohen sprach Gail Rosen Gedichte und Gebete aus der Feder Hilda Stern-Cohens, die Prosa-Beiträge übersetzte William Gilcher ins Deutsche. „Viel Interessantes, Erschreckendes und Nachdenkliches" zu offenbaren, bescheinigte Mückes Bürgermeister Matthias Weitzel dem Buch. Er wertete die Publikation zugleich als wertvollen Denkanstoß: „Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn man aus der Geschichte nicht lernt!"
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Aus: Alsfelder Allgemeine Zeitung, 25.09.2003:
Eine Stunde dem Holocaust eine Stimme gegeben
Erinnerungen von Hilda Stern Cohen vorgestellt – Eindrucksvolle Darstellung von Leid in Getto und KZ – Leben in USA
Mücke (jol). „Ich bin nicht Hilda Stern", sagte sie, beim Vortrag von Gail Rosen hätte man eine Nadel auf dem Boden aufschlagen hören. Die amerikanische Erzählerin und Dr. Werner Cohen erinnerten am Dienstagabend im Gemeinschaftshaus Nieder-Ohmen und am Mittwochmittag in der Gesamtschule an das Leben der Holocaust-Überlebenden Hilda Stern aus Nieder-Ohmen – Schmutz, Krankheit, Hunger und Tod im Getto Lodz sowie im Konzentrationslager Auschwitz vor Augen und dennoch davon gekommen. Rosen und Stern-Ehemann Cohen zogen mit Übersetzter Dr. William Gilcher (Goethe-Institut) das Publikum in ihren Bann. Beeindruckend, wie die faszinierende Erzählweise Rosens, die kongenialen Übersetzungen Gilchers sowie die Gebete und Erinnerungen Cohens jeweils für zwei Stunden die Besucher einbanden. Erzählungen und Gedichte Hilda Stern Cohens sind unter dem Titel „Genagelt ist meine Zunge" dieser Tage in Gießen erschienen.
„Ich frage mich, wie ein Mensch so etwas überstehen kann", so formulierten viele Schüler ihren Eindruck nach der Erzählung in der Schulaula. In der Tat hat Hilda Stern einen Leidensweg hinter sich: Aufgewachsen in Nieder-Ohmen, erlebt sie ab 1933 als Kind mit, wie Juden schikaniert werden. Ihre Familie wird nach Frankfurt vertrieben, unter Schlägen werden ihre Eltern und sie 1941 in Waggons getrieben und nach tagelanger Fahrt ins Getto Lodz gebracht. Von den 1500 Juden dieses Transports aus Frankfurt überlebt sie als einzige den Krieg. In Lumpen gehüllte Skelette empfangen die (noch) gut gekleideten deutschen Juden – nach einigen Monaten ist auch Familie Stern vom Hunger in der drangvollen Enge des Gettos gezeichnet. März 1944 sterben die Eltern Meyer und Hedwig Stern an der Auszehrung, im Getto haben fast alle Menschen Tuberkulose als Folge der Auszehrung.
Im selben Jahr wird die 20-Jährige ins KZ Auschwitz gebracht, die meisten Ankommenden werden gleich vergast. Hilda wird in eine Arbeitskolonne eingeteilt und überlebt sogar noch den „Todesmarsch" der ausgemergelten Häftlinge im eisigen Februar 1945, scharf bewacht von der SS. Im Lager für Vertriebene (Displaced Persons) in Österreich schreibt sie sich das Grauen von der Seele – ohne es los werden zu können.
Gail Rosen erinnert an die Persönlichkeit Hilda Stern Cohen, die sie bei einem Vortrag in den USA kennen lernte. Deren Leben war geprägt von tiefer Religiosität, sie befolgte streng die Gesetze des orthodoxen Judentums. Aber auch die Gebete verhinderten nicht, dass ihr oft die Bilder der vergangenen Pein hochkamen. In der Rückschau schien es ihr, dass sie in einer dicken Schlammschicht gelebt hat, die die Erde bedeckte und Juden wie Nazis einhüllte. Schuldig fühlte sie sich oft, da sie überlebte, wo viele andere starben. Nach dem Krieg dauerte es Jahre, bis sie den Mut fand, Kinder zu bekommen – vorher waren für sie Kinder mit Tod verbunden.
Die lebendige Schilderung Gail Rosens schlug die rund 50 Besucher am Dienstag im Gemeinschaftshaus und die etwa ebenso vielen Schüler am Mittwoch in ihren Bann. Unterstrichen wurde dies durch Gebete, die Dr. Cohen vortrug – Gebete, die dem Leben seiner Frau die Orientierung gaben, die ihr so wichtig wurde. Ihr eigenes Überleben und die drei Kinder sowie zwölf Enkel – jüdische Kinder, wie sie betonte – waren ihr ein Zeichen, dass sie gegen Hitler-Deutschland gewonnen hat.
Die Lesung hatte mehrere Besonderheiten: So machte der 81-jährige Werner Cohen einen lebhaften, fröhlichen Eindruck, um später zu sagen, dass eine solche Erinnerungsarbeit für die Zuhörer ein Drama sei, für ihn aber „ein Trauma". Überraschend war auch, wie schnell sich die Zuhörer an das Wechselspiel von englischem Text und seiner Übersetzung durch William Gilcher gewöhnte. Dabei hatten die Schüler den Vorteil, dass sie fast mühelos den Text Gail Rosens verstehen konnten. Schlichte Mittel reichten für eine besondere Atmosphäre, so gedachte Gail Rosen mit drei Kerzen der besonderen Persönlichkeit Hilda Stern Cohens.
Die Veranstaltung am Dienstag im Gemeindehaus wurde vom Förderverein zur Geschichte des Judentums im Vogelsberg organisiert. Vorsitzender Joachim Legatis übernahm die Begrüßung und dankte der Kirchengemeinde für die Unterstützung. Bürgermeister Matthias Weitzel verwies darauf, dass es wichtig sei, mit solchen Erinnerungen wie Hilda Stern Cohens aus der Geschichte zu lernen. Prof. Erwin Leibfried war für die Uni Gießen Mitherausgeber des Buches „Genagelt ist meine Zunge". Er sagte, dass Dr. Werner Cohen selbst über die fünf Jahrzehnte der Ehe nichts von den Erzählungen und Gedichten der jungen Hilda Stern gewusst habe. Cohen sagte, dass seine Frau „imponierend" gewesen sei. Er hatte 1938 Nazi-Deutschland verlassen können, zuvor wurde er im KZ Dachau gequält.
An die Qualen und Hoffnungen seiner Frau erinnern nun ihre Texte. Wie meinte Gail Rosen: "Ich bin nicht Hilda Stern" – aber durch die Geschichten-Erzählerin hat der Holocaust eine Stunde lang Gesicht und Stimmer erhalten.
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Aus: Mücker Stimme, 25.09.2003:
Empfang der Gemeinde Mücke für Dr. Werner Cohen und Prof. Erwin Leibfried
Erinnerungen der Hilda Stern-Cohen im Rathaus Nieder-Ohmen
Nieder-Ohmen (gdr). Es betonte Bürgermeister Matthias Weitzel bei dem Empfang der Gemeinde Mücke für Dr. Werner Cohen und Prof. Erwin Leibfried von der Universität Gießen aus Anlass der Vorstellung des Buches „Genagelt sei meine Zunge" – Erinnerungen der Hilda Stern Cohen – im historischen Rathaus in Nieder-Ohmen, dass sich die Gemeinde Mücke seit Jahrzehnten um eine herzliche Freundschaft zwischen den ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern und deren Nachkommen bemühe. Gerade in den folgenden Generationen und bei der Jugend werde darauf geachtet, dass der Holocaust nicht vergessen werde. Eine der letzten Veranstaltungen in diesem Sinne habe auf dem jüdischen Friedhof am 9. November 2002 stattgefunden.
Im Kreis der Beteiligten mit Bürgermeister Matthias Weitzel, Dr. Werner Cohen, Prof. Erwin Leibfried, Ortsvorsteher Gerhard Semmler, Gail Rosen, Dr. William Gilcher (Goethe-Institut, Washington!), Dr. Sascha Feuchert (Arbeitsstelle Holocaustliteratur, Uni Gießen), Charlotte Kitzinger und Heinrich Reichel drehte sich das Gespräch um ein freundliches und friedliches Leben der Juden in Nieder-Ohmen.
Als Zeitzeuge berichtete Heinrich Reichel, der mit Hilde Stern zusammen sechs Jahre gemeinsam die Schule in Nieder-Ohmen besucht hat. Er führte auch an, dass Hilda nach Geburtseintrag Hilde heiße. Es übergab Heinrich Reichel das von ihm verfasste Buch „Juden in Nieder-Ohmen".
Aus dem Leben von Hilda Stern wurde berichtet, dass sie am 1.1.1924 in Nieder-Ohmen geboren wurde und 1997 in den USA verstarb. Im Standesamt in Nieder-Ohmen wurde sie als Hilde eingetragen. Sie änderte den Vornamen in Amerika wegen der im Englischen praktischeren Form Hilda um. Hilde Stern wohnte in Nieder-Ohmen in der Hintergasse, der jetzigen Rathausgasse Nr. 5. Sie heiratete in den Vereinigten Staaten Dr. Werner Cohen, der aus Essen stammte.
Sie schrieb als 15-Jährige über das furchtbare Geschehen der Reichspogromnacht in Nieder-Ohmen und als 21-jährige über die Grausamkeit des Gettos Lodz Texte in einfachen Heften auf und legte sie in der Schublade ab. Im Getto Lodz starben ihre Eltern, Großeltern und ihr Freund.
Nach ihrem Tod im Jahre 1997 fand ihr Ehemann Dr. Werner Cohen diese Aufzeichnungen in sieben Schulheften in der untersten Schublade und übergab sie Prof. Erwin Leibfried für die Universität Gießen.
Dr. Werner Cohen und Prof. Erwin Leibfried verfassten nach diesen Texten dann das vorliegende Buch „Genagelt ist meine Zunge" – Erinnerungen der Hilda Stern-Cohen – in Lyrik und Prosa in zweijähriger Arbeit.
Bürgermeister Matthias Weitzel und Ortsvorsteher Gerhard Semmler stellten anschließend ihren Gästen in einem Rundgang das Dorf Nieder-Ohmen vor.
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Aus: Frankfurter Rundschau, 24.09.2003:
"Es stammelt meine Seele ihre Pein"
Lyrik als Überlebensmittel: Arbeitsstelle Holocaustliteratur veröffentlicht Texte der Jüdin Hilda Stern Cohen
Von Georg Kronenberg
Mit ausdrucksvollen Gedichten und Prosatexten hat die Auschwitz-Überlebende Hilda Stern Cohen versucht, die Gräueltaten des Holocaust zu verarbeiten. Erst nach ihrem Tod 1997 wurden die 1945 und 1946 entstandenen Texte entdeckt. Als "einzigartigen literarischen Nachlass zwischen Martyrium und Lebenszuversicht" hat die Giessener Arbeitsstelle Holocaustliteratur jetzt das Werk der in Nieder-Ohmen aufgewachsenen Autorin veröffentlicht.
GIESSEN. Ihre Gedichte handeln vom "Hungerlied", von "Knochen", dem "Massengrab Maryschin", aber auch von "Hoffnung". Ihre Texte beschreiben die Gewalt und den "beinahen Hungertod", eingepfercht im Ghetto der polnischen Stadt Lodz. Hilda Stern Cohen beschreibt die Schrecken im Konzentrationslager Auschwitz, wo die junge Frau nach vier Jahren ihre Schwester traf - die nicht wusste, dass Eltern und Großeltern die Entbehrungen im Lodzer Ghetto nicht überlebt hatten.
Im Oktober 1941 war die 17-Jährige mit ihren Eltern und Großeltern in das Ghetto verschleppt worden. August 1944 folgte die Deportation nach Auschwitz. Nach schrecklichen Monaten in dem Konzentrationslager wurde sie bei dem Herannahen der sowjetischen Armee auf einen der berüchtigten "Todesmärsche" geschickt. Sie überlebte die Tortur und konnte mit ihrer Schwester Karola nach der Befreiung durch die Sowjetarmee nach Österreich fliehen. Dort begann Hilda Stern, die 1924 im kleinen mittelhessischen Dorf Nieder-Ohmen am Rande des Vogelsbergs geboren war, mit dem Schreiben, berichtet Germanist Sascha Feuchert von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Gießener Universität. Während Stern als "Displaced Person" monatelang auf die Auswanderung in die USA wartete, entstanden rund 150 Lyrik- und Prosatexte. "Es stammelt meine Seele ihre Pein", schreibt die 21-Jährige im Gedicht "Gebet".
"In diesem jungen Alter war sie bereits ein enormes literarisches Talent", sagt Feuchert. "Gekettet" an ihre Muttersprache - die auch die Sprache der NS-Verbrecher war - habe die Frau, die immer Dichterin werden wollte, mit der literarischen Verarbeitung der Gräuel begonnen. "Ihre Lyrik war für Hilda Stern Cohen ein Überlebensmittel", berichtet Feuchert.
In Amerika angekommen habe sie mit ihrer schriftstellerischen Arbeit aufgehört, und nicht einmal ihrem Mann während ihrer fast 50-jährigen Ehe von den Texten berichtet. "Ich habe die handschriftlichen Kladden erst beim Aufräumen nach ihrem Tod 1997 gefunden", erzählt Werner Cohen.
Bei seiner anschließenden Suche nach einer Publikationsmöglichkeit stellte das Goethe Institut Washington den Kontakt zur Arbeitsstelle Holocaustliteratur her. Nach zweijähriger Arbeit in Gießen sind die Gedichte und Prosatexte von Hilda Stern Cohen im September in einer Schriftenreihe der Ernst-Ludwig Chambré-Stiftung und der Arbeitsstelle erschienen.
Das Buch "Genagelt ist meine Zunge" (ISBN-Nr.3-00-010499-2) kostet 15 Euro und ist über die Giessener Arbeitsstelle Holocaustliteratur erhältlich. Infos im Internet unter www.holocaustliteratur.de oder unter Telefon 0641/9929075.
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Aus: Gießener Allgemeine Zeitung, 24.09.2003:
"Natürlich, intelligent, aufgeschlossen"
Dr. Werner Cohen stellte bei der Arbeitsstelle Holocaustliteratur Leben und Werk seiner Frau Hilda Stern Cohen
Dr. Werner Cohen (Baltimore/USA) würde seine 1997 verstorbene Frau Hilda Stern Cohen mit den Attributen "natürlich, intelligent, aufgeschlossen, nicht aufdrängend" beschreiben. Am 1. Januar 1924 in Mücke/Nieder-Ohmen als Kind der im oberhessischen Landjudentum verwurzelten Eltern, Hedwig und Meyer Stern, geboren, besuchte sie die Volksschule ab 1930 und 1936 für ein Jahr die Samson-Raphael-Hirsch-Schule in Frankfurt/Main. Im Frühjahr1937 wechselte Hilda Stern in die Israelitische Lehrer-Bildung-Anstalt nach Würzburg bis zu deren Schließung im November 1938. Da jedoch nach dem Willen der Nazis das kleine Dorf am Rand des Vogelsbergs "judenfrei" sein sollte, mussten die Sterns nach Frankfurt/M. umsiedeln.
Im Oktober 1941 folgte von dort aus die Verschleppung in das Ghetto Lodz, im August 1944 nach Auschwitz. Beim Herannahen russischer Befreier wurde Hilda Stern auf einen der berüchtigten Todesmärsche mit Ziel KZ Malchow (bei Berlin) geschickt, überlebte aber mit ihrer Schwester Karola. Die Eltern waren bereits März 1944 im Ghetto Lodz gestorben. Die Flucht führte nach Österreich, wo sie in einem Camp für "Displaced Persons" bis Juli 1946 auf ihre Auswanderung zu Verwandten nach Amerika warteten. Aus der Ehe mit Dr. Werner Cohen (1948), einem aus Essen nach den USA ausgewanderten jüdischen Bürger, gingen drei Töchter und zwölf Enkel hervor.
Nach dem Tode seiner Frau hatte Cohen ihm bis dahin völlig unbekannte Texte gefunden. Rund 150 Gedichte und Prosawerke in deutscher Sprache, überwiegend entstanden in den Jahren der Vertreibung bis 1946. Cohen erkannte das außergewöhnliche Talent der Autorin, transkribierte diesen nach eigenen Angaben "literarischen Schatz", suchte über das Goethe-Institut in Washington D.C. (Dr. William Gilcher) zwecks Buchveröffentlichung Kontakte nach Deutschland. Via Internet wurde man auf die Arbeitsstelle Holocaustliteratur der JLU aufmerksam (www.holocaustliteratur.de).
Nun waren also Cohen und Gilcher aus den USA angereist, um das kürzlich in Italien gedruckte Werk vorzustellen, am Montagmorgen im Philosophikum, abends bei der Lesung im Margarete-Bieber-Saal. Allerdings hätte das literarische Zeitzeugnis nicht ohne Sponsoring der in Lich ansässigen Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung verwirklicht werden können.
Cohen berichtete von einem Besuch in Nieder-Ohmen während seines Gießen-Aufenthalts. Im Dorf sei die Familie Stern auch nach über 60 Jahren noch ein Begriff, die kleine Hilda der Inbegriff eines klugen aufgeweckten Kindes. Hilda habe sich wohl mittels ihrer Aufzeichnungen über die Ghetto-Situation erheben können. Bis in die 80er Jahre sei in den USA nicht viel über Nazi-Deutschland im Allgemeinen geredet worden "dann wollte man plötzlich etwas davon hören", so Cohen. Seine Frau wurde zu Vorträgen eingeladen. Bedingt durch ihren ungewöhnlichen starken Charakter habe Hilda aber keine Hasstiraden versprüht. "Sie hatte auch beim Vortragen einen literarischen Stil, der das Geschehene in großem Verständnis sublimierte".
Seine Frau sei eine Macherin gewesen, ohne weiblichen Gleichberechtigungstick.
Gilcher resümierte "Mit Kultur kann Zivilisation überleben. Es ist eine Ehre für unser Goethe-Institut, dass wir bei der Entstehung eines solchen Buchs mithelfen konnten". vh
"Genagelt ist meine Zunge", Hilda Stern Cohen, ISBN 3-00-010499-2. 170 S., 15 Euro.
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Aus: Gießener Anzeiger, 23. 09.2003:
Zunge an die Sprache der Täter genagelt
Lyrik und Prosa von Hilda Stern Cohen (1924-1997) - Kindheit in Nieder-Ohmen verbracht – Auschwitz überlebt
Von Heidrun Helwig
GIESSEN. Die Texte sollten gelesen werden. Denn sonst hätte sie die unscheinbaren Kladden nicht mehr als 50 Jahre lang aufbewahrt. Von ihrem Mann, ihrer Schwester und vielleicht auch von den drei Töchtern. An eine Veröffentlichung aber hat sie sicherlich nicht gedacht. Davon ist Werner Cohen überzeugt. Dann nämlich "hätte die Hilda das auch getan". Doch das hat sie eben nicht. Hilda Stern Cohen hat ihrer Familie noch nicht einmal von den Gedichten und Berichten in der untersten Schublade ihres Schreibtisches erzählt. Erst nach ihrem Tod im August 1997 hat ihr Ehemann diesen "Schatz" entdeckt. Und er hat darum gekämpft, dass die "Lyrik und Prosa einer Holocaust-Überlebenden" unter dem Titel "Genagelt ist meine Zunge" als Buch erschienen ist.
Dabei hatte er tatkräftige Mitstreiter: Das Goethe-Institut in Washington, die Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Gießener Justus-Liebig-Universität (JLU) und die Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung zu Lich. Denn nicht nur Werner Cohen war "gefesselt" von den in Bleistift geschriebenen und nur schwer zu lesenden Worten, die "mich unwiderstehlich in eine Welt, in eine Wirklichkeit, von der ich bisher keine Ahnung hatte" hineinzogen haben. Auch Prof. Erwin Leibfried war "elektrisiert" als er vor rund zweieinhalb Jahren in seinem Büro an der JLU eine E-Mail aus Amerika mit einem der Gedichte von Hilda Stern Cohen erhielt. Zum einen ob der "bemerkenswerten literarischen Qualität des Werkes" und zum anderen ob der Tatsache, dass Hilda Stern Cohen aus Nieder-Ohmen bei Mücke stammt. "Sie war eine hessische Jüdin, hat hessisch ,gebabbelt‘ und ihre Eltern haben ganz in der Nähe als Bauern gelebt", fasst der Germanist zusammen. "Gerade wegen dieses lokalen Bezuges wird das Buch auf große Resonanz stoßen."
Geboren wurde Hilda Stern 1924 in Nieder-Ohmen. In dem kleinen Dorf verbrachte sie ihre Kindheit, dort besuchte sie die Volksschule. Später wechselte sie auf ein Internat nach Frankfurt und dann auf das Lehrerseminar nach Würzburg. "Meine Eltern, die bis zur ,Kristallnacht' noch in unserem Heimatdorf gelebt hatten, mussten endgültig von zu Hause weggehen. Vorher hatte man sie gezwungen, den Bauernhof und das Haus zu verkaufen", schreibt Hilda Stern Cohen. Und fügt hinzu: "Nach dem Verkauf des Hauses erlaubte der neue Eigentümer meinen Eltern, ein Zimmer darin zu mieten. Da meine Eltern als erfahrene und harte Arbeiter wohl bekannt waren, gaben ihnen ihre Nachbarn Arbeit auf ihren Bauernhöfen." Später wohnte die Familie in Frankfurt und von dort wurden Hilda, ihre Eltern und ihren Großeltern sowie ihr Freund Horst im Oktober 1941 zusammen mit rund 1300 jüdischen Deutschen in Güterwagen gepfercht und ins Ghetto nach Lodz deportiert. Erlagen dort der "galoppierenden Schwindsucht" oder dem "Hunger im Endstadium". Von diesen 1300 Menschen überlebte nur Hilda. Überlebte nur sie drei Jahre lang die unvorstellbaren Qualen: "Innerhalb der Stacheldrähte kamen uns verlehmte, überkotete Gassen entgegen. Ringsum baufällige, schmutzstarrende Budiken – halb verfallen Holzhütten –, zerbrochenes Gerät lag allenthalben an den Ecken herum: Haufen Unrat, verkrüppelte, geduckte Sträucher, die nackten verstümmelten Äste armselig in die Gegend langend. Dazwischen aber Menschen, Frauen, Kinder, unendlich viele Kinder – in Lumpen gewickelte Skelette, barfüßig von Kot überkrustet", beschreibt Hilda Stern ihre ersten Eindrücke vom Getto rückblickend 1946 im "Displaced-Person- Camp" am Attersee in Österreich, während sie auf die Auswanderung in die Vereinigten Staaten wartet. Aus Lodz wurde die jüdische Mittelhessin im August 1944 nach Auschwitz verschleppt. Auch das Vernichtungslager sowie den sich anschließenden Todesmarsch überlebt sie. Dabei widerfährt ihr das "wunderbarste und unvorstellbarste Ereignis" inmitten der Barbarei von Auschwitz: "In der großen Halle, in der sich alle entkleiden mussten und dann ,geschoren‘ wurden" traf sie ihre Schwester Karola wieder, die bereits im Februar 1941 gezwungen worden war, in einer Munitionsfabrik in Berlin zu arbeiten. Auch die Jüngere von beiden entkommt dem fast sicheren Tod. Sie lebt übrigens heute in Florida. In rund 150 Gedichten und mehreren Berichten hat Hilda Stern nach der Befreiung ihrem Erleben und Empfinden Worte gegeben. Dabei reflektiert sie in dem Gedicht "Genagelt ist meine Zunge" eindringlich ein generelles Problem: Das Gebundensein an die Sprache der Täter. Deshalb gibt sie das Schreiben und Dichten gemeinsam mit ihrer einstigen Muttersprache auf als sie die USA erreicht. Als sie im Frühjahr 1947 Werner Cohen in Baltimore kennen lernt, den sie ein Jahr später heiratet.
"Es war für sie notwendig, eine neue seelische und intellektuelle Welt zu gründen", schildert Werner Cohen, der gemeinsam mit William Gilcher vom Goethe-Institut in Washington zur Präsentation des Buches nach Gießen gekommen ist. Eine neue Welt mit einer neuen Sprache. Dafür hat sie auch ihren Traum aufgegeben, Schriftstellerin zu werden. Wenngleich sie 1992 noch einen Bericht über ihr Überleben in Deutschland in englischer Sprache verfasst. Dieser dient ihr als Grundlage für einen Vortrag. Denn "Hilda wurde häufig eingeladen, um über ihre Erlebnisse zu sprechen", sagt ihr Ehemann. Meistens zur Zeit des "Yom Ha Shoah", des Holocaust-Tages im April. Gesprochen wurde natürlich auch innerhalb der Familie über die Vergangenheit. Denn auch Werner Cohen kommt aus Deutschland. In Essen lebte er mit seiner Familie und war als 16-Jähriger im Konzentrationslager Dachau interniert. "Doch Hilda war sehr zurückhaltend", beschreibt er und eine anrührende Zärtlichkeit schwingt in seiner Stimme. "Sie wollte die Kinder nicht als Krücke benutzen." Die drei Töchter "wissen was vorgegangen ist, aber das hat nicht im Zentrum gestanden." Die Gedichte ihrer Mutter aber werden sie - noch nicht – lesen können. Die drei sprechen nämlich kein Deutsch. Eine von ihnen aber ist "daran interessiert" eine englische Ausgabe auf den Weg zu bringen. Zunächst aber stellt Werner Cohen "Genagelt ist meine Zunge" in Deutschland vor. Gestern Abend hat er gemeinsam mit Gail Rosen, einer professionellen Geschichtenerzählerin, im Margarete-Bieber-Saal in Gießen eine Lesung in deutscher und englischer Sprache gestaltet. Und heute Abend werden beide um 20 Uhr im Gemeinschaftshaus in Nieder-Ohmen zu Gast sein.
Den Ort ihrer Kindheit hat auch Hilda Stern Cohen noch einmal besucht. 1986 gemeinsam mit ihrem Ehemann. Aber selbst da erzählt sie nichts von den Gedichten und berichten in der untersten Schublade. Was also würde sie wohl zu deren Veröffentlichung sagen? "Wenn ich sie dort anrufen könnte, würde sie bestimmt sagen, das ist doch ein nettes Geschenk", sagt Werner Cohen. Vermutlich aber würde sie ihn auch ein wenig tadeln, dass "ich mich da eingemischt habe".
Hilda Stern Cohen: "Genagelt ist meine Zunge". Lyrik und Prosa einer Holocaust Überlebenden. In Zusammenarbeit mit Werner V. Cohen herausgegeben von Erwin Leibfried, Sascha Feuchert und William Gilcher. Band 2 der Reihe Memento. Gemeinsame Schriftenreihe der Ernst-Ludwig Chambré-Stiftung zu Lich und der Arbeitsstelle Holocaustliteratur. Bergauf-Verlag Frankfurt 2003. 15 Euro.
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Aus: Gießener Anzeiger, 09.09.2003:
Unscheinbare Kladden mit zutiefst bewegendem Inhalt
"Genagelt ist meine Zunge: Gedichte und Prosa einer Holocaust-Überlebenden" – Hilda Stern Cohen (1924-1997) überlebte Getto Lodz und Auschwitz
Giessen/Washington (V). Unmittelbar nach dem Tode seiner Frau, mit der er fast 50 Jahre verheiratet war, fand Dr. Werner Cohen 1997 eine Reihe von alten Schulheften ganz unten in einer Schublade. Diese unscheinbaren Kladden enthielten rund 150 Gedichte und eine Reihe Prosatexte in deutscher Sprache, über die seine Frau Hilda Stern Cohen nie mit ihm gesprochen hatte.
Seite für Seite hat er die Schulhefte danach übertragen und hat dabei eine wahrlich talentierte Schriftstellerin entdeckt, die ihm bis dahin verborgen war. Mehr noch: Er konnte völlig neue und zutiefst bewegende Einblicke in die Erfahrungen seiner Frau als Kind in Deutschland und als junge Frau im Lodzer Getto und in Auschwitz gewinnen. Als er dann nach einer Möglichkeit suchte, das Werk Hilda Stern Cohens einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, hat Werner Cohen, selbst deutscher Abstammung, sich an das Goethe-Institut in Washington gewandt, das schnell die bemerkenswerte literarische Qualität des Werkes sowie die historische Bedeutung erkannte.
Als nächstes folgte die Kontaktaufnahme mit der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Giessener Justus-Liebig-Universität, die in der Nähe von Mücke/Nieder-Ohmen liegt, der kleinen Landgemeinde, in der Hilda Stern 1924 geboren wurde. Dank dieser Umstände werden diese Texte, die den Kampf einer jungen deutsch-jüdischen Frau zeigen, sich von den durch die Nazis zugefügten Wunden zu heilen, nun veröffentlicht, heißt es in einer Pressemitteilung des Goethe-Instituts und der Arbeitsstelle Holocaustliteratur.
1945 kam Hilda Stern als Flüchtling nach Österreich, wo sie darauf wartete, in die Vereinigten Staaten auszuwandern. Die tief gläubige junge Frau hatte ihre Eltern und Großeltern verloren, konnte selbst aber das Lodzer Getto und Auschwitz überleben. Während der Monate, die Hilda Stern auf ihr Visum für Amerika in der österreichischen Provinz wartend zubrachte, schrieb sie Gedichte und viele andere Texte: Darunter Stücke, die sie bereits früher ersonnen und bis dato noch nicht zu Papier gebracht hatte, aber ebenso ganz neue Gedichte, die ihre Gefühle über das Leben im "weder-hier-noch-dort" der "Displaced Persons"-Camps ausdrückten. Als sie endlich in den USA war, schrieb Hilda Stern noch eine ganze Zeit lang weiter, gab es aber schließlich zusammen mit ihrer einstigen Muttersprache Deutsch auf: auch als Teil ihrer Anpassung an ein neues Leben.
Der Titel der Textsammlung ist einem Gedicht entnommen, in dem Hilda Stern Cohen bitterlich darüber klagt, wie ihre eigene Selbstwahrnehmung an eine Sprache und Kultur gebunden ist, die versuchte, sie zu zerstören. Genagelt ist meine Zunge, wird als zweiter Band in der Schriftenreihe "Memento" der Arbeitsstelle Holocaustliteratur und der Ernst-Ludwig Chambré-Stiftung zu Lich veröffentlicht. Die Publikation ist ein gemeinsames Projekt der Arbeitsstelle Holocaustliteratur und des Goethe-Instituts Washington/CD, in Zusammenarbeit mit Werner V. Cohen, Baltimore/Maryland.
Herausgegeben wird der Band von Prof. Erwin Leibfried und Dr. Sascha Feuchert, von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität sowie William Gilcher vom Goethe-Institut Washington mit Unterstützung der Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung zu Lich.
Die Texte und Gedichte sind versehen mit einem Vorwort von Werner V. Cohen und einem Epilog über die Geschichte jüdischen Lebens in Oberhessen von Klaus Konrad-Leder.
"Genagelt ist meine Zunge" wird Mitte September im Frankfurter Bergauf-Verlag erscheinen.
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Aus: Gießener Anzeiger, 08.06.2002:
"Genagelt ist meine Zunge": Texte von Hilda Stern Cohen
Arbeitsstelle Holocaustliteratur will Hinterlassenschaft von Mücker Autorin veröffentlichen
Gießen (sfe). "Wir betreten absolutes Neuland mit dieser gemeinsamen Aktion". Prof. Erwin Leibfried, Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Justus-Liebig-Universität Gießen war sichtlich begeistert, als er zusammen mit dem stellvertretenden Leiter der Einrichtung, Sascha Feuchert, ein Publikationsvorhaben unter "Dach und Fach" bringen konnte, das sowohl lokale als auch internationale Dimensionen besitzt: Die beiden Literaturwissenschaftler fungieren nämlich als Herausgeber der Texte von Hilda Stern Cohen, die aus Mücke/Nieder-Ohmen stammte und die das Getto Lodz und das Vernichtungslager Auschwitz überlebte. Begleitet wird die Buchausgabe, die für März 2003 geplant ist, von einem breiten Internet-Angebot, das durch das Washingtoner Goethe-Institut bereitgestellt wird.
Besprechung in Gießen

TREFFEN IN GIESSEN: Sascha Feuchert, Dr. Bill Gilcher, Dr. Werner Cohen und Prof. Erwin Leibfried (von links) freuen sich über das gemeinsame Publikationsprojekt.
Die Gedichte sowie einige Prosatexte, die in der Edition enthalten sein werden, stammen überwiegend aus dem Jahre 1946, als Hilda Stern Cohen nach ihrer Befreiung aus der Gewalt der Nationalsozialisten in einem amerikanischen "Displaced Person"- Camp auf ihr weiteres Schicksal wartete.
Die Autorin, die nach dem Krieg nach Amerika übersiedelte, ist leider mittlerweile verstorben. Ihre Texte wurden von ihrem Witwer, Dr. Werner Cohen, erst nach ihrem Tod gefunden. Er war sich sicher, daß "Hilda’s Voice", wie er die literarischen Hinterlassenschaften seiner Frau nannte, unbedingt gehört, sprich: publiziert werden müsse. Der Kontakt zwischen den Mitarbeitern der Arbeitsstelle und Werner Cohen kam im vergangenen Jahr dann über die Internet-Seite der Arbeitsstelle zustande. "Wir bekommen oft auch Anfragen von Überlebenden, die uns ihre literarischen Erinnerungen vorstellen wollen oder uns um Vermittlung bei Publikationsvorhaben bitten", erläutert Sascha Feuchert, dass diese Form der Kontaktaufnahme durchaus keine Seltenheit ist. Im vorliegenden Fall war es Dr. Bill Gilcher vom Washingtoner Goethe-Institut, der mittels einer E-Mail an die Gießener Literaturwissenschaftler herantrat und ihnen von den bislang unveröffentlichten Texten von Hilda Stern Cohen berichtete. Das Interesse war natürlich groß, ist es doch auch eines der erklärten Anliegen der Arbeitsstelle Holocaustliteratur, gerade auch Erinnerungstexte von Autoren zu fördern, die einen lokalen Bezug aufweisen. "Die uns vorgelegten Gedichte und Erzählungen, die Hilda Stern Cohens Leidenszeit - beginnend in Oberhessen und endend in Auschwitz - thematisieren, aber auch manchmal "nur" Ausdruck von Überlebenswillen und wiedergefundener Lebensfreude sind, waren unheimlich beeindruckend. Wir haben eigentlich spontan beschlossen, daß wir sie unbedingt veröffentlichen wollen. Dazu kommt, daß wir mit der Schriftenreihe "Memento", die wir zusammen mit der Ernst-Ludwig Chambré-Stiftung herausgeben, ein geeignetes Organ zur Verfügung haben, um die Materialien anspruchsvoll zu edieren", so Leibfried. Zunächst vereinbarte man, die Texte, die die Autorin in Schulheften niedergeschrieben hatte, komplett zu übertragen. Leibfried übernahm diese philologische Arbeit in enger Kooperation mit Cohen. Parallel dazu wurde von Gilcher und von Feuchert zum einen das Editionskonzept entwickelt und zum anderen beraten, inwieweit das Internet-Angebot des Washingtoner Goethe-Instituts die Publikation begleiten kann. Bei einem Arbeitsbesuch von Cohen und Gilcher in Gießen wurden nun die Weichen für die endgültige Realisierung gestellt: Der Memento-Band ist nun als Lesebuch konzipiert, das neben Gedichten und Prosatexten auch zahlreiche Bilder aus dem bewegten Leben von Hilda Stern Cohen enthält. Die Netz-Seite stellt dazu parallel Interviews mit der Autorin zur Verfügung, die sie in Amerika als Zeitzeugin gegeben hat, führt einen "Blick in die Werkstatt" der Dichterin vor (d.h. zeigt anhand ausgewählter Beispiele, wie sie an ihren Texten gearbeitet und sie mehrfach geändert hat) und will auch helfen, die Texte im Schulunterricht nutzbar zu machen. Beide sich ergänzenden Projekte tragen im übrigen als Titel eine Zeile aus einem Gedicht von Hilda Stern Cohen: "Genagelt ist meine Zunge".