Arbeitsstelle Holocaustliteratur am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen
Tageschronik 26.07.1944Tagesbericht von Mittwoch, den 26. Juli 1944 Tageschronik Nr. 207
Das Wetter: Tagesmittel 18 – 30 Grad, morgens kühl, dann heiss.
Sterbefälle: 12, Geburten: 1 m.
Festnahmen: Verschiedenes: 1
Bevölkerungsstand: 69,317
T a g e s n a c h r i c h t e n:
Die 200 O.D. Männer welche von der Kripo verlangt wurden /siehe Bericht v. 24. ds. Mts./, haben heute in den frühen Morgenstunden ihre Aufgabe durchgeführt. Es handelte sich um eine, im Auftrage der deutschen Kriminalpolizei durchgeführte[n] Durchsuchung des ganzen Friedhofgeländes in Marysin, nach Menschen. Die Aktion wurde vom Chef der deutschen Kriminalpolizei im Getto, Neumann
[1], geleitet.
Die Suche verlief ergebnislos und der Leiter der Kripo dankte dem Ordnungsdienst für die klaglose Lösung ihrer Aufgabe.
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Frohe Nachricht für´s Getto. Postkarten aus Leipzig. Von Personen die im Zuge der letzten Aussiedlung zur Arbeit ausserhalb des Gettos abgereist sind, sind heute die ersten Nachrichten im Getto eingetroffen. Es kamen 31 Postkarten, die durchwegs den Poststempel vom 19. Juli 44 tragen. Aus diesen Karten geht erfreulicherweise hervor, dass es den Leuten gut geht und hauptsächlich, dass die Familien beisammen sind. Einzelne Karten sprechen von guter Verpflegung. Eine, an einen Küchenleiter gerichtete Karte sagt in einfachen jiddischen Worten „mir lachen vun eiere Suppen“ !
Man ist überglücklich im Getto und man hofft, dass nun auch bald von allen anderen Ausgesiedelten ähnliche Berichte eintreffen werden. Es bestätigt sich also, dass
tatsächlich Arbeiterkolonnen für das Altreich gebraucht wurden.
Wir erinnern daran, dass vor Abgang des I. Transportes davon gesprochen wurde, dass er nach München gehen soll. Wahrscheinlich dürfte auch eine Gruppe dorthin gegangen sein.
Zu bemerken ist noch, dass aus den Nachrichten hervorgeht, dass die Menschen in bequemen Baracken untergebracht sind.
[2]
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Eine deutsche Kommission besichtigte die Lebensmittel- und Gemüse-Verteilungsstelle des Gettos.
A p p r o v i s a t i o n:
Der Präses bewilligte allen jugendlichen Arbeitern aus eigenen Beständen 1 kg Zwiebeln.
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Kraut läuft weiter in beträchtlichen Mengen ein.
Weitere Kraut-Ration. Heute wurde folgende Krautration publiziert:
Ab Donnerstag, den 27. Juli 1944, werden an alle auf Coupon Nr. 75 der Gemüsekarte
10 kg Weisskohl pro Kopf
für den Betrag von Mk. 5.-- ausgefolgt.
Die Einzahlung für obige Weisskohlzuteilung kann ab Donnerstag, den 27. Juli 1944 in den zuständigen Kolonialwaren-Verteilungsstellen vorgenommen werden. Der Weisskohl wird ebenfalls ab Donnerstag, den 27.7.44 an den von den Kolonialwaren-Verteilungsstellen angewiesenen Plätzen zur Verteilung gebracht.
Es wird darauf hingewiesen, dass der Weisskohl u n b e d i n g t
e i n g e l e g t /eingesäuert/ werden muss.
Betr.: Zuteilung von Gemüsesalat an die gesamte Gettobevölkerung.
Ferner werden ab Mittwoch, den 26. Juli 1944 an alle in den für sie zuständigen Milch-Verteilungsstellen auf Coupon Nr. 52 der Brot-Karte
250 Gramm Gemüsesalat pro Kopf
für den Betrag von Mk. 1.-- herausgegeben.
Litzmannstadt, den 26.7.1944 Gettoverwaltung.
Die Bevölkerung wird aufgefordert dieses Kraut als Reserve nach Möglichkeit einzulegen. Wenn es sich auch um Frühkraut handelt, so muss doch diese Art der Bevorratung erfolgen, da es unmöglich ist diese Quantitäten zu verzehren, andrerseits kann sich das Kraut – im natürlichen Zustande – nicht länger als eine Woche halten.
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Preissturz in Suppen. Die Ressortsuppe kostet heute nur noch 2 – 3 Mk. Das ist seit einem Jahr der niedrigste Stand.
Bezeichnend ist, dass jedoch Kolonialwaren und Brot das alte Preisniveau halten, während Gemüse ebenfalls stark gefallen ist.
Die Schwarzhandelspreise des heutigen Tages sind:
Brot 700 Mk, Mehl 500-550 Mk, Grütze 500 Mk, Erbsen 450 Mk, Zucker 750 Mk, Suppenpulver 360 Mk je kg. Oel 12 Mk je dkg. Rote Rüben gross mit Blätter 15 Mk, kleine 8 Mk je kg. Möhren 25 Mk, Kraut 8-10 Mk je kg. Saccharin 8 Stück für 5 MK.
S a n i t ä t s w e s e n:
Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:
Die Todesursache der heutige Sterbefälle: [keine Angaben]
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[1] Bei diesem Beamten handelt es sich nicht um den Chef der Kripoaussenstelle Getto, sondern offenbar nur um einen „Wachtmeister der Polizei in Litzmannstadt“ (Diamant, S. 174). Leiter der Getto-Kripo zu diesem Zeitpunkt war der Kriminalsekretär Ludwig Sievers (1904-1960).
[2] Die Karten waren Fälschungen – sie waren zwar mit dem Leipziger Poststempel versehen worden, doch waren die genannten Personen niemals nach Leipzig, sondern direkt ins Vernichtungslager gebracht worden und zu diesem Zeitpunkt bereits lange tot. Durch ihre Spitzel waren die Deutschen immer sehr genau über die Stimmungen im Getto informiert, so war ihnen auch die Unruhe nach den letzten Transporten nicht entgangen. Um nun die bevorstehenden Deportationen nach Auschwitz zu verdecken bzw. die Bevölkerung erneut über die wahren Ziele zu täuschen, entschlossen sich die Deutschen zu diesem groß angelegten Betrug.