Arbeitsstelle Holocaustliteratur am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen
Der Tod von Litzmannstadt-Gettovon Oskar Singer
Litzmannstadt-Getto, 27. Juli 1942
Ein Fremdling in Europa ist der Tod von Litzmannstadt-Getto. Vielleicht haben unsere Vorfahren ähnliches erlebt. Der neuzeitliche Mensch aber hat solch einen Tod nicht gekannt, nicht gesehen, nicht erlebt. Nur ein ganz kurzer Lebensabschnitt musste aus der alten Bahn geraten und schon hat auch der Tod sein Antlitz geändert. Die Wandlung des Lebensstandards hat sich mit einer Rasanz vollzogen, die auch die kühnste Phantasie nicht erahnen konnte. Fremd ist das Leben geworden. Fremd also auch der Tod. Die überlebende Welt wird kaum eine plastische Darstellung haben vom Leben und Sterben in Litzmannstadt-Getto. Schon jetzt hört man immer wieder die dumpfe Frage: Wird je ein Mensch der Nachwelt sagen können, wie wir hier gelebt haben und gestorben sind?
Es gibt wirklich ein Grauen, das sich der formenden Hand des Dichters widersetzt. Ich weiss nicht, ob unter den Lebenden hier ein Dichter ist, der diese Aufgabe meistern wird und wenn, ob er ein Überlebender sein wird.
Nicht alles was hier geschieht, lässt sich auf die eine einfache Formel: Krieg bringen. Wir haben Kriege erlebt und wissen, dass wohl das Leben ein andres Antlitz bekommt, wenn einmal die Kanonen das Wort haben. Die Grundformen aber, die Elemente des täglichen Lebens haben sich doch erhalten. Die Moral hat Risse bekommen, aber die Ethik ist geblieben. Die Gesetze des sozialen Lebens wurden nicht aufgehoben, höchstens, schlimmsten[s] wurden sie novelliert. Die Familie, dieser mächtige Pfeiler des menschlichen Lebens stürzte nicht zusammen. Es vollzog sich nur eine Evolution des Denkens im Kriege. Das merkten wir auch nur an der Jugend.
Anders hier im Getto. Hier seht alles Kopf. Dabei sind wir noch fern von der Peripherie des Krieges. Das Getto ist ohne Übergang entstanden und darum klafft zwischen uns und der übrigen Welt ein unüberbrückbarer Abgrund. Das ist nicht allein mit der strengen Abgeschlossenheit zu erklären. Für uns Juden ist das Getto eine Elementarkatastrophe.
So können wir auch nicht mehr sterben wie andere Menschen, wir haben nicht mehr die Möglichkeit auf ein edles Ende. Der Tod von Litzmannstadt-Getto ist ein fremder, hässlicher Tod. Ihn will ich zeichnen, wie er ist. Keine Novellen, keine erdachten Geschichten. In einigen erlebten Bildern soll er ohne jedes literarische Beiwerk an uns vorüberziehen.
Mordche K. arbeitet im Tischler-Ressort
[1]. Gelernter Möbeltischler, hatte er schon in Lodsch eine gutgehende Werkstatt, bewohnte eine Vier-Zimmer-Wohnung und führte ein anständiges bürgerliches Haus. Eine brave, fleissige Frau stand ihm zur Seite, zwei Jungens waren da, hübsche, gutgewachsene Burschen.
Im Getto hat sich natürlich auch für ihn die Welt gewandelt. Jetzt haust er in einem Häuschen, ganz nahe an den Drähten, an der Peripherie des Gettos. Die Frau, der 19jährige Icek und der 13jährige Chajmek arbeiten in verschiedenen Fabriken des Arbeitsressorts. Mordche K. ist ein grundbraver Mann, der ehrlich arbeitet. Aber der Winter war hart und der Vorfrühling grausam. Er klagt über Müdigkeit, allgemeine Schwäche. Die Füsse, vor allem die Füsse wollen nicht recht. Sie sind so schwer geworden und die Kniegelenke sind merkwürdig unbeweglich. Aber das wird vorübergehen. Er hat ja keine Schmerzen. Es gab schon vor dem Kriege mal solche Zustände, besonders im Sommer.
In der Stube sieht es verzweifelt aus. Wer sollte auch auf Ordnung schauen? Die zarte Frau putzt um die Hunde. Zur Not kann sie die Betten richten, aber Staub wischen oder gar den Fussboden schrubben, das ist unmöglich. Die Kräfte reichen einfach nicht. Es muss auch so gehen. Man darf nicht die geringste Energie verbrauchen, die nicht auf Ernährung abzielt. Jetzt erst versteht sie, was sie früher nie begreifen konnte: den hoffnungslosen Dreck in den Wohnungen der Ärmsten. Ihr ganzes Denken kreist nur um einen Punkt: um die Abendsuppe!
Die jämmerliche Wassersuppe im Ressort füllt für ein paar Stunden den Bauch. Woher nimmt man etwas Gemüse, Kartoffel, einen Löffel mehr für eine Suppe? Hol der Teufel die Sauberkeit! Schmutz tötet nicht so schnell wie Hunger.
Mordche fühlt, dass eine Füsse noch schwerer werden. Sind das die ausgetretenen Schuhe mit den Löchern in den Sohlen und den abschüssigen Absätzen? Geht man davon so schwer? – Er muss die Füsse auffrischen, ein warmes Bad wird helfen. Er will einfach nichts davon wissen, dass die Füsse an den Gelenken geschwollen sind. Das muss noch nicht vom Hunger sein, Füsse schwellen doch auch aus anderen Ursachen an. Man steht so lange an der Maschine, und der lange Weg zur Arbeit – nein, das muss nicht Hungerödem sein, wie bei so vielen Gettomenschen.
Mordche versucht, das Wasser in den Füssen zu ignorieren. Er schleppt sich nur noch, das ist schon kein Gehen mehr. Plötzlich merkt er, dass ihm das Werkzeug nicht mehr so sicher in der Faust sitzt. Die Hände zittern – oft fällt ihm der leichte Hammer, der Hobel aus der Hand. Was ist das, zum Teufel, mit 45 Jahren so eine Schwäche in den Händen? Er studiert die Hände, sie sind nicht gar so mager – im Gegenteil, die rechte Hand ist sozusagen fettig, dicker geworden, die Finger haben ganz mollige Polster. Das ist doch merkwürdig, so eine Hand müsste doch schaffen können! – Mordche möchte das Wasser in den Händen ignorieren. Er weiss schon, geschwollen, richtig geschwollen sind die Hände... aber Hände können doch auch aus anderen Ursachen anschwellen, zum Beispiel durch Überanstrengung, durch Verletzung! Besonders die letzte Verletzung hat eine Entzündung verursacht, das wird wohl auch in die Finger gegangen sein. Man muss die Hände warm baden, das hilft bei Entzündungen. Es hilft bei Entzündungen, aber: Wasser ist Wasser! Es lässt sich aus den Geweben nicht von warmem Wasser vertreiben.
Mordche erklärt seiner überängstlichen Frau, er habe sich beide Hände verätzt und nun seien sie geschwollen. Die Frau weiss Bescheid! Auch die Füsse hat er nicht von Überanstrengung geschwollen, sie weiss schon was los ist: Hungerödem! Sie sagt nichts. Warum soll sie ihn ängstigen? Und wenn er selbst es wissen sollte, warum diesen Selbstbetrug aufdecken? Nein, nicht sprechen, man muss etwas tun!
Sie teilt die Brote morgens und abends zu. Jeder bekommt sein Gewicht. Sie wollen ja nicht, die drei Männer, aber doch schielen sie hinüber zur Mutter, wenn sie mit den Gewichten fingert: 28 Deka
[2] pro Tag, 14 morgens, 14 abends – einfache Rechnung. Sie muss jetzt bisschen schwindeln, die Manipulation muss etwas schneller gehen, der Mann darf nicht merken, dass seine Scheibe etwas dicker geworden ist. Freilich, den Kindern kann man es nicht abschwindeln. Frauen brauchen weniger, hat sie oft gehört, halten leichter durch. Die paar Deka werden ihr schon nicht fehlen, und ihm kann es helfen.
Wirklich, es ging etwas besser. Paar Deka Brot im Tag machen sich doch bemerkbar. Er merkte schon, wie das kam. Brotschwindel merkt jeder im Getto, und wenn es nur ein paar Deka sind. Aber soll er dagegen etwas tun? Ängstlich beobachtet er die Frau. Ob sich nicht am Ende gar bei ihr dieselben Symptome zeigen werden. Er will es ja nicht aus Egoismus annehmen, er möchte sich doch am Leben erhalten für die Familie! Es müssen doch noch bessere Zeiten kommen. Einmal wird dieser Krieg ein Ende nehmen, dann kann er doch noch den Kindern eine Erziehung geben und der Frau ein leichteres Leben – einmal, wann? Wann? – Bis dahin muss man sich halten, „durchhalten“, sagen hier die Leute.
Zwei Wochen geht das so. Die Scheibe Brot ist noch immer so dick und auch die Margarine ist höher gestrichen. Wieso die Margarine? – Mordche ist nicht blind. Das Bündel in der alten Einkaufstasche ist ihm nicht entgangen. Schon zweimal am Donnerstag, wenn das Brot gefasst wurde. Das Herz blieb ihm stehen bei der Entdeckung: Mutter verkauft ein Viertel Brot, daher die Margarine auf seiner Scheibe. Er sagt kein Wort. Ist das nicht furchtbar? Mutter verkauft ein Viertel Brot. Die paar Deka für mich machen schon mehr als ein Viertel aus, was bleibt ihr da noch? Darüber muss man sprechen, das geht zu weit!
In der Nacht sagt ihr Mordche, er dulde das nicht. Er fühle sich schon wesentlich besser und es sei nicht mehr notwendig. Aber Mutter leugnet: Keine Spur von einem Brotverkauf, er habe sich geirrt! Mordche lässt sich so gerne beruhigen...
Aber die Schwellungen kommen wieder. Er geht zum Arzt. Er kennt einen tüchtigen Arzt noch aus der Stadt. Der zuckt mit den Achseln, kann nichts verschreiben. Keine Injektionen, keine Medikamente. Vielleicht könnte sich K. auf Schleichwegen ein paar Ampullen Campolon beschaffen – das würde helfen. Man kann es beschaffen, aber das kostet ein Vermögen. Soviel Geld gibt es ja gar nicht. Hundert Mark vier Ampullen und weniger hätte doch keinen Sinn. Das kann er der Frau gar nicht sagen. Weiss Gott, was sie von ihrer Ration verkaufen würde, um die Ampullen beschaffen zu können. Und Hefe hat der Arzt verschrieben. Aber woher Hefe nehmen? Die Apotheke gibt keine mehr aus. Aus privater Hand kann man wohl etwas bekommen, das Deka drei Mark. Wie oft kann man das kaufen, wenn man knapp drei Mark täglich verdient. Immerhin, Hefe wird man eben kaufen müssen. Und er kauft. Die Schwellungen gehen wieder etwas zurück, Mordche fühlt sich wieder besser. Oder ist das nur Einbildung? Macht nichts. Ob
subjektiv oder objektiv: besser ist besser. Nach zwei Wochen kann man wieder mit der Hefe aussetzen.
Mordche hat Pech. Ein Furunkel auf der Hand hindert ihn an der Arbeit. Aber krank melden geht nicht. Der Stichtag, der unheilvolle Stichtag zwingt ihn, weiterzuschuften.
[3] Die Hand wird schlimmer. Marsch ins Ambulatorium. Der Arzt kann nichts machen. Schneiden geht. Im Getto schneidet man Furunkel nicht, die wollen denn erst recht nicht heilen, dem Körper fehlen die Abwehrstoffe. Hefe nehmen! Gut, schon wieder Hefe nehmen. Das muss man doch der Frau sagen. Seine letzten paar Pfennige sind ja verbraucht. Frau K. beschafft Hefe. Wir wollen gar nicht fragen, was sie verkauft hat, das Herz würde uns brechen. Dass ihre Füsse anschwellen, wissen wir schon, doch mit ihr wollen wir uns ja gar nicht befassen. Sie ist eine der zahllosen unbekannten Soldaten des Gettos. Ihr Heldentum gehört auf ein anderes Blatt.
Das Furunkel wird grösser. Mordche hat arge Schmerzen, kann viele Nächte nicht schlafen. Schliesslich öffnet es sich. Er atmet auf. Aber schon zeigt sich ein zweites, tags darauf ein drittes Eiterpünktchen, bis der ganze Körper übersät ist. Eine schlimme
Furunkulose, konstatiert der Arzt. Nur Hefe, immerfort Hefe. Jetzt ist gottseidank die Beschaffung kein so schweres Problem. Die Kolonialwarenabteilung des Präses hat grössere Mengen davon für Heilzwecke hereingebracht und je Woche sind 5 Deka zu haben. Das lässt sich schon erschwingen. Mordche isst Hefe, roh und zubereitet. Sie wächst ihm schon zum Hals hinaus. Aber sie ist vitaminreich. Und alle diese Erkrankungen nennt der Arzt Avitaminose
[4]. Also immerzu Hefe um Hefe.
Richtig. Die Furunkulose heilt, doch der Körper ist noch elender geschwollen. Die schlaflosen Nächte haben die Kräfte verbraucht. Das Geld
[5], das für die Hefe ausgegeben werden musste, fehlt für die Rationen, die doch die primitivsten Lebenserhaltung sichern sollten. Man muss immer etwas Wertvolles davon verkaufen, um nachzukommen. Ohne Fett kann der schwache Organismus nicht zu sich kommen. Frau K. rennt sich die Füsse wund um einen Krankentalon für ihren Mann. Endlich ist es so weit. Mordche kann sich paar Tage anessen. Er wird richtig satt. Aber das ist nun der schreckliche Kreislauf des Unglücks: Magen und Darm sind den neuen Zufuhren nicht gewachsen, rebellieren. K. erkrankt an Durchfall. Der Arzt kann nicht die sonst in solchen Fällen übliche Diät verschreiben, der Organismus kann nicht einen Tag auf volle Nahrung verzichten. Im Getto nicht. Essen, essen, um jeden Preis essen. Anfangs zwingt sich der Patient zur Nahrungsaufnahme. Mit Widerwillen schluckt er, was man ihm reicht. Und jede Stunde jagt ihn der kranke Darm aus dem Bett. Er fällt hin wie ein Stock. Der Körper magert entsetzlich ab. Die Füsse sind nur noch mit Haut überzogene Knochen. Die Schwellung im Gesicht ist gewichen, dafür aber bleibt die Haut wie dünnes Leder an Stirn und Jochbein. Die Abstände werden immer kleiner und kleiner, bald muss er alle 15 Minuten hinaus. Hinaus! Der Europäer hat in solcher Lage alles zur Verfügung, da aber steht ein Eimer im Zimmer. – Ein Eimer für vier Personen. Und Frau K. ist so schwach und die Nahrung der vier Menschen so flüssig. Früher hat K. selbst den Schmutzeimer hinausgetragen, jetzt muss er es schon seiner Frau überlassen. Er ist zu schwach.
Sie möchte in ihn hineinstopfen, was nur aufzutreiben und essbar ist. K. möchte sogar schon essen. Zu gut weiss er, dass er sich nur so bei Kräften erhalten könnte. Doch eine erschreckende Appetitlosigkeit stellt sich ein. Vielleicht ein Leckerbissen – Bratkartoffeln – können noch schmecken. Aber Kartoffeln sind nicht zu haben oder für schändliches Geld. Das hat man nicht mehr. Er möchte nur eine Stunde ohne Unterbrechung ruhen, aber der Darm versagt den Gehorsam. Alle zehn Minuten muss er aufstehen. Mutter K. beschafft endlich eine Schüssel. Erst wehrt er sich gegen diese Bequemlichkeit. Man kann doch nicht der Frau zumuten... Sie bringt es ihm schliesslich bei. Er lässt sie gewähren. Schlafen, nur schlafen. Er bittet um Schlafmittel. Vielleicht beruhigt der Schlaf den Darm, das kann die Rettung sein. In der Apotheke gibt es keine Pulver mehr. Sie treibt es bei Bekannten auf, die noch aus Berlin etwas Medikamente mitgebracht haben. Er nimmt die Mittel mit der Inbrunst des Gläubigen, des Hoffenden.
Nein, der Darm bleibt trotzig. Er will nicht mehr. K. liegt nur noch im Halbschlummer in den kleinen Pausen, die das Leiden ihm lässt. Gut, dass die Furunkulose ihn nicht mehr plagt. Das wenigstens ist besser geworden. Er ahnt ja nicht, dass es zu Ende geht. Nun kann man ihn nicht mehr dazu bringen, etwas zu essen. Hie und da einen Schluck Kaffee, das ist alles. Unvorstellbar, woher der Darm die Sekrete nimmt, wo doch nichts in den Magen kommt. Frau K. sieht ängstlich nach, ob es nicht etwa Disenterie ist. Nein, es ist kein Blut zu sehen. Der Arzt kommt endlich wieder ins Haus. Er kommt, obwohl er weiss, dass der Weg überflüssig ist. Nichts kann er verschreiben. Es gibt vielleicht Mittel, die helfen würden, starke Opiate zum Beispiel. Aber die kommen ja nicht ins Getto. Wozu auch, die Stadt soll ja sterben...
Mordche kann kaum noch sprechen. Er weiss, was im Zimmer vor sich geht. Man muss vorsichtig sein, er hört alles. Nur müde Zeichen mit dem Finger kann er noch geben. Er möchte dem Arzt etwas sagen. Er kann nicht.
Draussen sagt der Doktor, es könne noch Stunden, vielleicht einen Tag dauern. Mordches Energie bringt es auf zwei Tage. Dann schlummert er ein... So sterben die Menschen massenweise an der sogenannten Gettokrankheit, dem Durchfall. Der Arzt stellt den Totenschein aus: Todesursache: Herzschwäche! Niemand darf im Getto verhungert sein.
[1] Mit „Ressort“ werden die Arbeitsabteilungen bezeichnet, in denen die Getto-Bewohner verschiedene kriegswichtige Güter für die Deutschen produzieren mußten. Diese Zwangsarbeit sollte „durch die Schaffung von Werten zur Bereicherung des Deutschen Reiches beitragen [...].“ (Florian Freund, Bertrand Perz, Karl Stuhlpfarrer: „Das Getto in Litzmanstadt (Lodz).“ In: „Unser einziger Weg ist Arbeit. Das Getto in Lodz 1940-1944“. Red. Hanno Loewy und Gerhard Schoenberner. Wien: Löcker 1990, S. 23). Für die im Getto produzierten Waren erhielten die Getto-Insassen im Tausch
Nahrungsmittel von der deutschen Gettoverwaltung zugeteilt: Natürlich setze diese erstens den Gegenwert fest und liefert zweitens
vorzugsweise „qualitativ minderwertigste Ware“ (Aktennotiz Ernährungs- und Wirtschaftsstelle Getto, Palfinger vom 25.10.1940 zur Sitzung beim Regierungspräsidenten am 24.10.1940; hier zitiert nach Freund/Perz/Stuhlpfarrer a.a.O.)
[2] 1 Deka (eigentlich "Dekagramm") entspricht 10 Gramm.
[3] Wer am – willkürlich festgesetzten – Stichtag nicht arbeitete, verlor eine ganze Ration seiner Nahrungsmittelzuteilung. Oskar Singer führt in seiner Reportage „Gedanken über Gedanken“ dazu aus: „[...] die Arbeiterration [ist] an einen Stichtag gebunden, an welchem der Arbeiter oder
Angestellte anwesend gewesen sein muss. Dieser Stichtag ist unbekannt. Erst bei der Kundmachung der Ration erfährt man, welcher Tag eben der schicksalsschwere war. Denn der Verlust dieser Ration ist ein Schicksalsschlag!“
[4] Die „Getto-Enzyklopädie“, die ebenfalls von der "Statistischen Abteilung" angefertigt wurde, führt zu diesem Stichwort u.a. aus: „Avitaminose – Durch Magel an verschiedenen Vitaminen hervorgerufene Erkrankungen. Im Getto fehlten fast alle D-Vitamine, die in Lebertran, Fisch, frischer Butter u.ä. enthalten sind. Auch der Ersatz durch Sonnenbestrahlung war nicht möglich, da die meisten Gettobewohner bis 5 Uhr nachmittags in den Ressorts arbeiteten und der arbeitsfreie Sonntag mit der Einholung von Lebensmitteln,
Holz, Kohle etc. und mit häuslichen Verrichtungen ausgefüllt war. Dieser Mangel führte zu Rachitis / bei Kindern / und Erkrankungen der Knochen, welche sich mit Schmerzen in den Beinen ankündigte. Zur Abhilfe gab es geringe Mengen von Tran, Vigantol und Bestrahlung mit künstlicher Höhensonne.“
[5] Das Getto verfügte über eine Ersatzwährung, die sogenannte Gettomark. Sie war offiziell aber nur eine „Quittung“ für einen Reichsmarkbetrag und daher außerhalb des Gettos faktisch nichts wert.
(N. Zonabend collection, RG 241, folder 868)