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HOST=mysql.hrz.uni-giessen.de Arbeitsstelle Holocaustliteratur
Arbeitsstelle Holocaustliteratur am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen
Porträts der wichtigsten Chronisten der Getto-Chronik


Dr. Oskar Singer

Der Schriftsteller und Journalist Dr. Oskar Singer (1893-1944) gehörte vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in Prag zu den führenden Persönlichkeiten des jüdischen Lebens. Engagiert hatte er sich als Zionist profiliert und war v.a. auch künstlerisch als entschiedener Nazi-Gegner aufgetreten: Nicht nur sein 1935 uraufgeführtes Drama „Herren der Welt. Zeitstück in drei Akten" belegt dies. 1941 wurde Singer – zu dieser Zeit Chefredakteur des „Jüdischen Nachrichtenblatts" – zusammen mit seiner Familie nach Lodz deportiert. Dort gelang es ihm, Anstellung in der sogenannten „Statistischen Abteilung des Judenältesten" zu finden. Die Aufgabe dieser Abteilung war es, Quellen bereitzustellen „für zukünftige Gelehrte, die das Leben einer Jüdischen Gemeinschaft in einer ihrer schwersten Zeiten studieren", wie es Henryk Neftalin, der Gründer des Archivs, formulierte. Mehr noch: Eine „Schatzkammer für zukünftige Historiker" sollte sie sein – so der erste Direktor der Abteilung, Jozef Klementynowski. In ihren Zielen ähnelte die Statistische Abteilung durchaus jenen der Oneg Schabbat-Gruppe um Emanuel Ringelblum im Warschauer Getto – allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Die Mitarbeiter der Statistischen Abteilung in Lodz waren anders als die Warschauer Archivare ganz offiziell „Beamte" der scheinbaren jüdischen Selbstverwaltung und damit auch deren Sicht der Dinge weitgehend verpflichtet. Das bedeutete vor allem, dass in den erstellten Texten der von den Nazis ernannte „Älteste der Juden", Mordechai Chaim Rumkowski, kaum kritisiert werden konnte.

Besonders die ab dem 12. Januar 1941 täglich erstellte „Getto-Chronik" diente den skizzierten Zielen. Julian Cukier wurde der erste Leiter des Projektes. Unter der Ägide des unter dem Pseudonym Stanislaw Cerski in Polen populären „Republika"-Journalisten wurden Tag für Tag Bevölkerungsstand, Versorgungslage, Wetter und vieles mehr in polnischer Sprache notiert – ob mit Wissen der deutschen Gettoverwaltung ist nicht mehr ganz klar. Lucille Eichengreen, die im Getto als Sekretärin für Dr. Oskar Singer arbeitete, berichtet von der ständigen Angst, die Deutschen könnten zu Kontrollen kommen und die erstellten Texte lesen. Sie ist überzeugt, dass zumindest Biebow, der Leiter der deutschen Administrative, von dem Projekt wusste. „Durch seine Spitzel war er bestens über alles informiert", erinnert sie sich. Auch Rumkowski nahm Einfluss und kontrollierte nicht selten die Texte – die deutschen Passagen ließ er sich übersetzen.

Cukier, der erste Leiter, wurde wie viele andere ernsthaft krank: Die ständige Unterernährung, die Kälte und die hygienischen Bedingungen setzten ihm derart zu, daß er aufhören mußte zu arbeiten. Die Chronik wurde nunmehr vier Monate lang in deutscher und polnischer Sprache weitergeführt, Dr. Oskar Singer übernahm zunächst kommissarisch, schließlich endgültig die Leitung der Abteilung. Unter seinem Einfluss wurden die Texte feuilletonistischer, zu den rein statistischen Angaben traten immer mehr kurze Skizzen, der „Kleine Getto-Spiegel" wurde als wiederkehrende Rubrik etabliert, ebenso die Kolumne „Man hört, man spricht". Singer selbst wurde zum Hauptautor der Chronik, unermüdlich war er im Getto unterwegs, recherchierte, führte Gespräche. „Er war, wie man sich einen Journalisten vorstellt. Ein wenig rastlos, immer auf der Suche nach Neuigkeiten und Informanten", erinnert sich seine ehemalige Sekretärin Eichengreen. Dieser, im eigentlichen Sinne des Wortes, merk-würdige Reporter schrieb aber zu Anfang seiner Tätigkeit nicht nur für die Chronik, seine frühen Reportagen und Essays fanden sogar nur selten und vermittelt Eingang in die polnische Version. Und doch gehören sie in den Umkreis des Projektes. „Man kann die Tätigkeit des Archivs vergleichen mit der Arbeit einer Zeitungsredaktion – nur daß niemand wusste, ob und wann diese ‚Zeitung‘ irgend jemand liest", so Lucille Eichengreen.

Eine Ausgabe, die jetzt im Berliner Philo-Verlag von Mitarbeitern der Arbeitsstelle Holocaustliteratur vorgelegt wird, versammelt alle jene Texte, die Oskar Singer im Umkreis der Chronik produzierte, die aber dort keine Aufnahme fanden. Es ist eine irritierende Vielfalt von Textsorten, in denen Singer seine Sicht auf das „Leben" im Getto präsentiert.

Die Texte lagerten bislang hauptsächlich im Staatsarchiv Lodz, weitere Typoskripte fanden sich im YIVO in New York, Doubletten in weiteren Archiven. Im Zuge der Vorarbeiten zu einer kompletten Edition der 2000seitigen Chronik stieß das Herausgeberteam auf die Berichte und Essays, die nun in kommentierter Form der Öffentlichkeit, für die sie immer gedacht waren, erstmals vollständig zugänglich gemacht werden.


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Dr. Oskar Rosenfeld


Oskar Rosenfeld, Journalist, Romancier und Zionist Herzlscher Prägung, wurde am 13. Mai 1885 im mährischen Korycany geboren. Nach der Matura zog er nach Wien und begann 1902 sein Studium der Kunst und Philologie. Nach der Promotion widmete er sich ganz seinen literarischen Interessen. Er schrieb Kommentare und Kritiken über Literatur, Kunst und das Theater, die in verschiedenen jüdischen Zeitungen und Zeitschriften, wie „Die Welt" oder die „Jüdische Volksstimme" erschienen und war 1909 Mitbegründer des ersten jüdischen Theaters in Wien: die „Jüdische Bühne". 1910 erschien sein impressionistischer Roman „Die vierte Galerie. Ein Wiener Roman", 1914 die Novelle „Mendel Ruhig. Eine Erzählung aus dem mährischen Gettoleben" und 1920 die Novellensammlung „Tage und Nächte". In der folgenden Zeit war der spätere Chronikautor zuerst zwischen 1923 und 1927 als Redakteur für die zionistische „Wiener Morgenzeitung" tätig, bis er zur illustrierten zionistisch-revisionistischen Wochenzeitung „Die neue Welt" wechselte. 1938 endete für Oskar Rosenfeld seine Arbeit in Wien: Er emigriert mit seiner Frau Henriette nach Prag, wo er für den Londoner „Jewish Chronicle" als Korrespondent tätig war. Im November 1941 wurde er mit 5.000 anderen Prager Juden in das Getto Litzmannstadt deportiert, wo er am 4. Juni 1942 im Archiv Anstellung fand. Rosenfeld war bis zur Auflösung des Archivs mit zahlreichen Einträgen in der Getto-Chronik vertreten. Er wurde im August 1944 nach Auschwitz deportiert und dort getötet.


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Alice Chana de Buton

Das Leben von Alice Chana de Buton war bislang so gut wie unbekannt: In der Forschung kursierten sogar mehrere Namensvarianten: Alicja de Bunon, Alicja de Bunom, Alicia de Bunan. Erst durch die Recherchen im Archivum Panstwowe konnte nun der richtige Name zu dem Chronikkürzel „A.B.de" ermittelt werden: Alice Chana de Buton, geboren 1901 in Berlin. 1921 verließ sie die Stadt und zog nach Wien, wo sie die österreichische Staatsbürgerschaft erhielt. Dort lebte sie bis zum September 1924. Danach verliert sich ihre Spur in Österreich: Erst im September 1932 kehrte sie nach Wien zurück. Als Beruf gibt sie dann „Privatbeamtin" an. Wie aus einem erst kürzlich aufgetauchten Text „Wie arbeitet der Neueingesiedelte im Getto" der Autorin von 1942 ersichtlich ist, war sie eine „preisgekrönte Sekretärin", die einen Schreibmaschinenwettbewerb gewonnen hat. Mehrfach zog sie dann innerhalb Wiens um und wurde schließlich am 16. Oktober 1941 mit dem 1. Wiener Transport in das Lodzer Getto deportiert.

Hier nun Auszüge aus dem genannten Text der Autorin, indem sie über ihre Arbeit im Archiv berichtet. Sie schreibt über sich in der dritten Person: „[…] Die Prüfung seines Sekretärs, der sich nach Durchsicht der Zeugnisse aus Wien, die eine gute Rekommandation waren, von deren Stichhältigkeit überzeugte und die nachherige Generalprobe vor dem Leiter, dem Rechtsanwalte Henryk Neftalin selbst, wurden glatt bestanden. Die ebenfalls aus einer Anwaltskanzlei kommende Sekretärin hatte sein Vertrauen gewonnen. […] Also: ‚Auf Grund der Verfügung des Herrn Präses werden Sie ab 8.12.1941 von der Abteilung für die Eingesiedelten in die Evidenz-Abteilung Kirchplatz 4 übertragen und dem Archiv in der Funktion einer selbstständigen Korrespondentin-Maschinistin zugeteilt‘. Wer die Wahl hat, hat die Qual! – das trifft auch bei einer deutschen Blindschreiberin zu, die auf einer polnischen Maschine tanzen soll, wenn ihre Finger automatisch nach den deutschen Buchstaben greifen und an deren Stelle ein polnisches e oder s, ein Ł statt des L tippen. Man verklopft sich oft und ist doch an flinkes, fehlerfreies Schreiben gewöhnt. Aber mit der Zeit gewöhnt sich die Hand auch an die polnische Tastatur. […] Es kostet viel Energie, sich hier zu behaupten, viel Nerven und fleissiges, unermüdliches Arbeiten oft bis spät in den Abend. Alles ‚mit e i n e r S u p p e täglich‘ […]. Für ‚Die tüchtigste Sekretärin Wiens‘ – so hiess der Titel des seinerzeitigen Wettbewerbes – darf es keine Schwierigkeit und keine Müdigkeit geben, selbst dann nicht, wenn der durch die Winter- und Hungermonate geschwächte Organismus in Form von Unpässlichkeiten seine Rechte fordern will. Noch ein paar Kilogramm weniger, - aber die Arbeit wird geleistet. Und zwar restlos […]."

Der letzte Hinweis auf Alice de Buton findet sich in den privaten Aufzeichnungen von Oskar Rosenfeld kurz vor der Räumung des Gettos. Wahrscheinlich wurde sie mit einem der letzten Transporte nach Auschwitz deportiert. Es muss angenommen werden, dass sie den Holocaust nicht überlebt hat.


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Dr. Bernard Heilig

Ein weiterer Chronist war Bernard Heilig, der vor dem Krieg als Geschäftsmann und Wirtschaftshistoriker tätig war. Zu seinen Gebieten zählte besonders die jüdische Wirtschaftsgeschichte Mährens und er trat mit Veröffentlichungen über die Textilindustrie und die Geschichte der tschechoslowakischen und österreichischen Wirtschaft hervor.

Bernard Heilig wurde am 21. September 1902 in Prossnitz (Prostejov, Tschechoslowakei) geboren. Im Jahr 1920 bestand er das Abitur, besuchte danach die tschechische Handelsakademie und arbeitete zwischen 1921-23 in verschiedenen Industriebetrieben. Dann studierte er in Nürnberg und Basel Nationalökonomie und promovierte 1927 zum Doktor der Staatswissenschaften. Er verließ die Schweiz und ging nach Paris. Dort verliert sich seine Spur. Erst im September 1930 tauchte er wieder in Wien auf und bezeichnete sich nun als „wissenschaftlicher Schriftsteller": In der Zeit zwischen 1927 und 1936 verfasste Bernard Heilig mehrere Aufsätze und Rezensionen, die in verschiedenen Sammelbänden erhalten geblieben sind. Er verließ dann Wien in Richtung Prag und wurde im Oktober 1941 mit dem II. Prager Transport in das Getto Litzmannstadt deportiert. Im Februar 1942 erhielt er eine Anstellung im Archiv. Ein Jahr später erkrankte er an Tuberkulose; er starb am 29. Juni 1943 an den Folgen der Krankheit. Dr. Oskar Rosenfeld widmete Bernard Heilig in der Getto-Chronik einen Nachruf: „Mit Dr. Bernhard Heilig hat unsere Abteilung […] im Verlauf des heutigen Jahres den dritten Mitarbeiter verloren […]. In unserer Abteilung beschaeftigte sich der Verstorbene u.a. mit dem Schicksal der hier eingesiedelten Juden des Westens […]. Durch das Hinscheiden Dr. Heiligs [ist] eine Luecke entstanden, die nur schwer ausgefuellt werden kann. […] Dr. Heiligs schriftstellerische Taetigkeit beruhte auf reicher praktischer Erfahrung […]. Dieselbe Gewissenhaftigkeit und Fachkenntnis, die Dr. Heilig als Autor auszeichneten, hat er auch als Mitarbeiter unserer Abteilung an den Tag gelegt. Seine persoenliche Liebenswuerdigkeit, der Ernst seines Wesens verbunden mit kollegialer Gesinnung haben ihm auch ausserhalb […] viele Freunde erworben. Dr. Heilig ist, nachdem er schon infolge der katastrophalen Lage im Kollektiv an seiner Gesundheit schwer geschaedigt war und infolgedessen haeufig kraenkte, im Maerz 1943 schwer erkrankt. Die Unterernaehrung hatte eine Tuberkulose zur Folge, obwohl seine Gattin Vera Heilig heldenmutig um das Leben ihres Mannes kaempfte und alles opferte was ueberhaupt noch zu opfern war, war das Schicksal, wie das hier im Getto nicht anders denkbar ist, leider nicht aufzuhalten. Wir haben unseren Kollegen Dr. B. Heilig heute Mittwoch den 30. Juni in aller Stille zur Ruhe gebettet. Ehre seinem Andenken."


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Dr. Peter Wertheimer

Der fünfte Chronist, Dr. Peter Wertheimer, muss auch trotz intensivster Recherche weiterhin fast ein Unbekannter bleiben. Die nationalsozialistischen Vernichtungsmaßnahmen haben nicht nur den Menschen Peter Wertheimer ermordet, sondern auch jede Spur seines früheren Lebens ausgelöscht. Das Wenige, das über ihn in Erfahrung zu bringen war, ist folgendes: Geboren wurde Peter Wertheimer am 11. Februar 1890 in Pardubice. Nach dem Abitur studierte er und erwarb den Titel eines Dr. phil., wobei noch unbekannt ist, was genau er studiert hat und wo. Wie aus den Anmeldekarten des Gettos ersichtlich ist, hatte er mit seiner Frau Irene, geboren am 9. Februar 1898 in Bratislava, zwei Töchter, Hana, geboren in Berlin am 12. Juli 1925, und Judith, geboren in Prag am 16. Februar 1927. Die Zeit bis zur Deportation 1941 liegt noch im Dunkeln. Wie Rosenfeld, Singer und Heilig wurde auch Peter Wertheimer von Prag aus nach Lodz deportiert. So zählte er ebenfalls zu den Westjuden im Archiv. Hier ein Auszug aus einem Chronik-Artikel des Autors, mit dem Titel „Das verlorene Bett" vom 27. Juni 1944: „In dieser Zeit der Aussiedlung ist der Hof der Zentraleinkaufsstelle am Kirchplatz 4, einer der interessantesten Punkte des Gettos. Mitten im Hof türmen sich berghoch Federbetten in ihren meist grellroten Ueberzügen, gleich einem Korallenriff, um das herum trübe und farblos die Masse der anonymen Auszusiedelnden brandet. Diese Menschen sind hergekommen, um ihre letzte Habe zu Geld zu machen, um sich mit diesem wenigstens die ersten Stunden ihrer ganz ungewissen, unbekannten Zukunft ausserhalb der beengenden, andererseits aber auch seelischen Schutz gewährenden, Drähte des Gettos zu verbessern. Was ihrer wartet, sie wissen es nicht und wer könnte es ihnen sagen? Was sie verloren haben wissen sie: Hier liegt es aufgetürmt, eines am andern, das letzte des Armen, das ihnen sicher war: das eigene Bett. So gewinnt das Aussehen des Hofes der Zentraleinkaufstelle in diesen sorgenvollen Tagen geradezu symbolische Bedeutung."


Aus:
Imke Janssen-Mignon: Die Lodzer Getto-Chronik und ihre Autoren. Magisterarbeit an der Universität Giessen, 2003.

Vgl. auch:
Sascha Feuchert: Oskar Rosenfeld und Oskar Singer – zwei Autoren des Lodzer Gettos. Studien zur Holocaustliteratur. Frankfurt: Lang 2004 (Dissertation Giessen, 2002).

Aktuelles:
[03.09.2010] Bericht über Tagebücher von Friedrich Kellner im Gießener Anzeiger
[01.09.2010] Änderung der Telefonnummer von Sascha Feuchert
[31.07.2010] Gießener Anzeiger berichtet über Werkstattgespräch mit Steve Sem-Sandberg
[31.07.2010] Ausstellung zu Leben und Werk Hilda Stern Cohens ausleihbar
[31.07.2010] Mitglied werden im Förderverein
[10.04.2008] Aktuelle Besprechungen der Getto-Chronik