Im Lodzer Getto entstanden neben der Chronik zahlreiche private Tagebücher, Skizzen und Erzählungen. Angesichts der grauenhaften Umstände, die von Hunger, allgegenwärtigem Tod und Gewalt gekennzeichnet waren, muss es verwundern, dass so viele Menschen noch in der Lage waren zu schreiben. Doch der Wille, die grauenhaften Zustände zu dokumentieren, war bei vielen stärker: Entstanden sind auf diese Weise Texte, die an Historiker, aber auch vor allem an Literatur- und Sprachwissenschaftler große Herausforderungen stellen. Zahlreiche dieser Texte wurden vom sogenannten "Aufräumkommando", das von der SS nach der vollständigen Liquidation des Gettos aus ehemaligen Bewohnern desselben gebildet wurde, versteckt und gerettet. Auch zahlreiche Akten der Statistischen Abteilung und des Archivs der jüdischen Gettoverwaltung wurden auf diesem Weg vor der Vernichtung bewahrt.
Unter den erhaltenen Dokumenten befindet sich die Getto-Chronik. Ihr halb-offizieller Charakter (sie entstand im Auftrag Rumkowskis) macht sie zu einem wichtigen Intertext und zu einer Referenzfolie für viele andere Texte (Memoiren, Tagebuchaufzeichnungen, aber auch fiktionale Literatur). Einige Mitarbeiter der Chronik führten, wie Oskar Rosenfeld, auch ein eigenes Tagebuch im Verborgenen. Allein durch die Kontrastierung seiner Einträge in die Chronik mit denen in sein privates Tagebuch ergeben sich tiefe Einblicke in die Schwierigkeiten, die enstanden, das Gesehene und Erlebte in Sprache zu fassen. Zudem entsteht ein vielschichtiges Bild vom Leben im Getto und der Stellung bzw. dem Selbstverständnis der Mitglieder der sogenannten "jüdischen Selbstverwaltung".
Die Bedeutung der Chronik für die historische Forschung braucht nahezu nicht thematisiert zu werden: In ihr fanden die Deportationen Eingang, sie verzeichnet alle relevanten Tagesereignisse, und sie zeigt die Verbindungen von Getto- und Stadtverwaltung auf. Eine Edition des Gesamttextes wird mit Sicherheit die Arbeit des Judenrates in Lodz in einem neuen Licht erscheinen lassen.