inc=1
HOST=mysql.hrz.uni-giessen.de Arbeitsstelle Holocaustliteratur
Arbeitsstelle Holocaustliteratur am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen
Pressearchiv 2005


Inhalt:

Gießener Anzeiger, 21.12.2005: "Ohne Schuld und ohne Gerichtsurteil"

Frankfurter Rundschau, 11.11.2005: Licher tun sich schwer mit Gedenken

Gießener Anzeiger, 27.10.2005: Zusammenschluss wider das Vergessen

Gießener Anzeiger, 24.09.2005: "Ich freue mich, dass Friedrich Kellner im Museum bleiben wird"

Frankfurter Rundschau, 23.09.2005: Widerstand in Collagentechnik

Heimat-Zeitung Grünberg, 22.09.2005: Rede von Dr. Sascha
Feuchert zur Ausstellungseröffnung von Friedrich Kellners Tagebüchern


Gießener Anzeiger, 23.09.2005: Neues Interesse an Kellner-Ausstellung

Gießener Anzeiger, 22.09.2005: In zwei Minuten viele Jahre zurück in der Zeit

Gießener Allgemeine Zeitung, 20.09.2005: "Großvater wäre gewiss sehr dankbar gewesen"

Gießener Anzeiger, 20.09.2005: "Kärrnerarbeit" an Kellner-Tagebüchern beginnt 2006

Gießener Anzeiger, 19.09.2005: Versprechen an den Großvater nach vier Jahrzehnten erfüllt

Gießener Anzeiger, 16.09.2005: Kellner-Ausstellung wird Sonntag eröffnet

Saar-Echo, 15.09.2005: Sozialdemokrat Friedrich Kellner und die Nazis

Gießener Anzeiger, 10.09.2005: Nach drei "falschen" Laubachs war Scott Kellner am Ziel

Gießener Anzeiger, 03.09.2005: TV-Film über Friedrich Kellner wird weltweit vermarktet

Gießener Anzeiger, 27.08.2005: "Kellner-Tagebücher sind in drei Aspekten einzigartig"

Gießener Anzeiger, 20.08.2005: Die Einschaltung von Rudolf Heß wollte niemand riskieren

Gießener Anzeiger, 13.08.2005: Tagebücher stellen Goebbels´ Lügen bloß

Gießener Anzeiger, 30.07.2005: Zum ersten Mal in Deutschland zu sehen

Gießener Anzeiger, 15.06.2005: Vom Wissen des
"Normalbürgers"


hr-online Kultur, 15.06.2005: Tagebücher aus der NS-Zeit

Gießener Allgemeine Zeitung, 11.06.2005: "Geist des Großvaters auf jeder Seite spürbar"

Gießener Magazin Express, 10.06.-16.06.2005: Geheimer Tagebücher

Frankfurter Rundschau, 10.06.2005: Zeuge aus NS-Zeit berichtet

Gießener Anzeiger, 04.06.2005: Notizen eines "Predigers in der Wüste"

Gießener Anzeiger, 28.05.2005: Verschollenes Kellner-Tagebuch entdeckt

Frankfurter Rundschau, 28.05.2005: Die Kraft des Aufbegehrens im Hörspiel

Gießener Anzeiger, 27.05.2005: Friedrich Kellners Tagebücher werden bis 2007 veröffentlicht

Gießener Anzeiger, 24.05.2005: Der erschütternde Lebensweg von vier jüdischen Jungen

Gießener Anzeiger, 21.04.2005: Als einzige ihrer Familie das Grauen überlebt

Gießener Anzeiger, 19.04.2005: Im Geheimen gegen das Naziregime opponiert

Gießener Allgemeine Zeitung, 12.04.2005: "Welt muss mehr denn je diese Botschaft hören"

Gießener Anzeiger, 09.04.2005: "Ihr Großvater war eine geachtete Persönlichkeit"

Westfalenpost, 6.4.2005: Der Kampf gegen das Vergessen

Gießener Allgemeine Zeitung, 31.03.2005: Leid, Angst und Hoffnung werden lebendig

Gießener Anzeiger, 31.03.2005: Erfolgreicher Lyrikband nun als Hörbuch

Neue Zürcher Zeitung, 19./20.03.2005: Die letzten Tage des Lodzer Ghettos

Frankfurter Rundschau, 18.03.2005: Stiftung veröffentlicht Texte einer Überlebenden als Hörbuch

Uni-Forum, Februar 2005: Stiftung im Sinne Chambrés

Berliner Zeitung, 31.01.2005: Wird man uns in Ruhe lassen?

Süddeutsche Zeitung, 27.01.2005: Die Juden von Lodz


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Gießener Anzeiger, 21.12.2005:
"Ohne Schuld und ohne Gerichtsurteil"

Stanislaw Hantz zu Gast im JLU-Seminar "Basistexte der Holocaustliteratur" - Von 1940 bis 1945 Häftling im KZ Auschwitz

GIESSEN (hir). Es hat einige Zeit gebraucht, bis sich der Pole Stanislaw Hantz an die deutschen Worte "Herzlich Willkommen" und "Freundschaft" gewöhnt hatte. Vor mehr als sechs Jahrzehnten im Alter zwischen 17 und 22 Jahren war er nur mit "Du Schwein", "blöder Hund" und ähnlichen Beschimpfungen angesprochen worden. Damals - von 1940 bis 1945 - war er im Konzentrationslager Auschwitz zum Häftling mit der Nummer 2049 degradiert worden. Über diese Zeit und wie er 40 Jahre später lernte, sich über das "Herzliche Willkommen" zu freuen, berichtete er nun Studierenden des Seminars "Basistexte der Holocaustliteratur", das Dr. Sascha Feuchert von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der JLU in diesem Semester anbietet. Auf Vermittlung des in der Wetterau ansässigen Vereins "Lagergemeinschaft Auschwitz - Freundeskreis der Auschwitzer" und dank der Förderung der Ernst-Ludwig Chambré-Stiftung zu Lich war der Besuch des 82-Jährigen, der von seiner Ehefrau Regina begleitet wurde, möglich geworden.
Fast fünf Jahre lebte Stanislaw Hantz "ohne Schuld und ohne Gerichtsurteil" als KZ-Häftling in ständiger Todesgefahr. Von den 1665 Gefangenen seines Transportes ist er "einer von zwölfe", die das Kriegsende erlebten. Bei einer Razzia in Warschau verhaftet, kam er am 15. August 1940 in Auschwitz an. "Arbeit macht frei" stand dort über dem Eingangstor. Aber schon beim ersten Appell erfuhren die Deportierten von SS-Lagerführer Fritsch, dass die Häftlinge lediglich das Recht hätten, das Lager "als Rauch durch Schornstein von Krematorium" zu verlassen. Zuvor sollte jedoch nach dem Prinzip "Vernichtung durch Arbeit" ihre Arbeitskraft ausgebeutet werden. Die durchschnittliche Lebenserwartung polnischer Häftlinge lag bei drei Monaten, die von Juden und "Zigeunern" bei zwei Wochen, verdeutlichte Hantz die Todesmaschinerie. Er "durch-lebte" - so seine Formulierung - die Zeit nur mit viel Glück und noch mehr Zufällen. Um zu überleben, waren zudem der feste Wille nötig, durchhalten zu können sowie die Freundschaft unter den Häftlingen, die bei dem ständigen Hunger und der Willkür der Bewacher alles andere als selbstverständlich gewesen sei. "Haben wir morgens Hunger, am Mittag und vor dem Schlafen gehen", sagte Hantz in seinem immer noch dem damals gelernten "Lagerdeutsch" angelehnten Idiom.
Größtes Glück war, dass er später dem Zimmerei-Kommando zugeteilt wurde, das ein gerechter deutscher Kapo (Funktionshäftling) leitete. Da er hier sowohl im Stammlager Auschwitz I als auch im Vernichtungslager Auschwitz II in Birkenau arbeitete, gehört er zu den wenigen Häftlinge, die von beiden großen Lagerbereichen aus eigenem Erleben berichten können. In Birkenau baute sein Kommando beispielsweise die Baracken des Frauenlagers. Diese Holzkonstruktionen waren ursprünglich als Ställe für 52 Pferde gedacht. In Birkenau waren dort zwischen 500 und tausend Häftlinge untergebracht. Fünf bis sechs Frauen mit zwei oder drei Decken mussten sich eine Pritsche zum Schlafen teilen. Da die Baracken keine Böden hatten, standen auch hier die Gefangenen oft bis zu den Knien im Schlamm. Wenn Häftlinge "fehlten", wurde im Dreck gesucht und zumeist wurde dort die Leiche gefunden.
Stanislaw Hantz konnte auch die fabrikmäßige Vernichtung beobachten. So sah er beispielsweise, wie die Opfer ins sogenannte "rote Haus", die 1. Gaskammer in Birkenau getrieben wurden und später die Leichen vom Sonderkommando herausgeholt und in Gruben verbrannt wurden.
In dem derzeit vergriffenen Buch "Zitronen aus Kanada" hat die Autorin Karin Graf in "biografischen Erzählungen" "Das Leben mit Auschwitz des Stanislaw Hantz" beschrieben. Dort resümiert er: "Gehe ich als Knabe rein und komme ich raus, weiß ich viel, vielleicht zu viel für ein Leben."

Weitere Infos im Internet:
www.lagergemeinschaft-auschwitz.de
www.holocaustliteratur.de


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Frankfurter Rundschau, 11.11.2005:
Licher tun sich schwer mit Gedenken

Reihe zur Pogromnacht privat finanziert/ Synagoge wird saniert / Chambré-Stiftung hält Erinnerung an Gräuel wach

Zum achten Mal gedenkt die Stadt Lich mit einer Veranstaltungsreihe der Pogromnacht vom 9. November 1938. Doch die Auseinandersetzung mit der braunen Vergangenheit fällt vielen alteingesessenen Lichern noch immer nicht leicht.

Lich. Die Veranstalterliste der Novemberreihe ist lang: Vom Kino Traumstern über die Musikschule, die evangelische Gemeinde, die Dietrich-Bonhoeffer-Schule bis hin zur Volkshochschule des Landkreises Gießen arbeiten die Initiatoren der Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung mit zahlreichen Institutionen zusammen. Mindestens so ausführlich ist das Programm: Eine Vernissage, mehrere Seminare, Vorträge, Besichtigungen, Filmvorführungen und ein Konzert sollen in diesen Wochen die Erinnerung an den 9. November in Lich wach halten.
„Wer Vergangenes verdrängt, läuft Gefahr, alte Fehler zu wiederholen“, mahnt Pastor Cornelius Mann die kleine Gemeinde, die sich am Mittwochabend in der Kapelle der evangelischen Marienstiftskirche versammelt hat. Rund 50 Menschen sind zu dem Gedenkgottesdienst mit anschließender Mahnwache gekommen.

Erstes Pogrom schon 1933

Darin erinnert der Pastor noch einmal an jene Nacht, in der viele Licher Bürger zu Barbaren wurden: Die beiden Synagogen wurden demoliert, jüdische Geschäfte und Privatwohnungen verwüstet, die noch verbliebenen 50 Juden misshandelt und später deportiert. Es war nicht das erste organsierte Pogrom in Lich: Bereits in der Nacht vom 12. auf den 13. März 1933 – mehr als fünf Jahre früher – hatten 30 jüdische Einwohner vor den Verfolgern fliehen müssen. „Es geschah öffentlich, vor aller Augen“, betont Pastor Mann. „Niemand konnte sagen, er habe das nicht gewusst.“
Es mag dieser Umstand sein, der vielen Einwohnern der idyllischen Kleinstadt den Umgang mit der Novemberreihe so schwer macht. „Die meisten, die sich bei uns engagieren, sind nicht von hier“, berichtet Doris Nusko vom Vorstand der Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung, die die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus fördern und die Erinnerung an das oberhessische Judentum wach halten will. Nusko ist die Ausnahme: Sie stammt selbst aus einer alteingesessenen Licher Familie.
Für ihr Engagement muss sie sich hin und wieder schiefe Blicke gefallen lassen. „Einige sagen: Lass das doch mal mit den Juden, da muss doch endlich Gras drüber wachsen“, sagt sie. Auch der Name der Stiftung stößt nicht überall auf Begeisterung. Offene Anfeindungen gebe es aber nicht, betont Nusko. Von den damaligen Tätern lebe ja auch niemand mehr.
Beim Blick auf die Veranstalterliste der Novemberreihe fällt auf, dass die Stadt selbst fehlt. Erst seit einiger Zeit ist die Zusammenarbeit mit dem Magistrat intensiver geworden, denn Stiftung und Stadt kümmern sich gemeinsam um die Renovierung der ehemaligen Bezalel-Synagoge. Ursprünglich sollte dieses Kulturzentrum schon für einige Veranstaltungen der Novemberreihe fertig sein, doch die Eröffnung wird sich noch bis ins nächste Frühjahr verschieben.
Doris Nusko hat in den letzten fünf Jahren die Renovierung maßgeblich vorangetrieben, doch nach vielen Querelen um die Finanzierung wirkt sie erschöpft. Erst als klar war, dass die Stiftung zwei Drittel der Kosten von insgesamt 650 000 Euro übernimmt, erklärte sich die Stadt zur Zahlung des letzten Drittels bereit – nicht ohne den Betrag zu deckeln. Jetzt wird um jeden Cent gefeilscht.
So entschied sich die Stadt bei der Gestaltung der Gedenktafel zum Ärger der Stiftung für das günstigste Angebot. „Der Preis war am Ende ausschlaggebend“, bestätigt Stadtrat Richard Bayerlein (SPD).
Für Doris Nusko ist das unbegreiflich: „Man kann doch bei so einem Thema nicht einfach das Billigste nehmen“, schimpft sie. Am Ende werde mit Sicherheit die Stiftung, die eigentlich Opfergelder verwalte, den Differenzbetrag zum teureren und ästhetisch ansprechenderen Entwurf zahlen. „Das ist doch absurd“, sagt Nusko und schüttelt den Kopf: „Die Opfer zahlen ihre Gedenktafel selbst. Aber das ist eben Lich.“

Lisa Arns


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Gießener Anzeiger, 27.10.2005:
Zusammenschluss wider das Vergessen

Veranstaltungsreihe 9. November 1938 hat sich über die Jahre etabliert - Initiatoren stellten das Programm mit Exkursionen, Filmen und Seminaren vor

Ulla Hahn-Grimm LICH. Ein beispielhafter Zusammenschluss wider das Vergessen: Schon zum achten Mal hatten sich Mitarbeiter der Chambré-Stiftung, des Traumstern-Kinos, der Kreisvolkshochschule, der Musikschule und vieler anderer örtlicher und regionaler Gruppen zusammengesetzt, um eine Veranstaltungsreihe zum 9. November 1938 in Lich auszuarbeiten. Im Rahmen einer Pressekonferenz stellten jetzt die Organisatoren im Kino Traumstern das Programm vor. Gleich zu Beginn ein Wehmutstropfen: "Live-Veranstaltungen" werde es in diesem Jahr nur in beschränktem Umfang geben, gaben Edgar A. Langer vom Kino Traumstern und Koordinator Peter Damm bekannt. Ursprünglich sei eine ganze Reihe von Veranstaltungen im Kulturzentrum in der ehemaligen Synagoge geplant gewesen, doch bedauerlicher Weise sei die Eröffnung des Gebäudes auf nächstes Jahr verschoben worden. Trotzdem gebe es im Kino und an anderen Veranstaltungsorten wieder Filme, Vorträge und Konzerte.
Auf die Ursprünge der Reihe wies Doris Nusko von der Chambré-Stiftung hin: Die Stiftung wurde 1997 gegründet, 1998 wurde die Veranstaltungsreihe zum 9. November ins Leben gerufen. Jedes Jahr gibt es einen Erinnerungsgang zu Stätten jüdischen Lebens in Lich. Doris Nusko wird am Sonntag, 13. November um 11 Uhr gemeinsam mit Schülern der Dietrich-Bonhoeffer-Schule die Orte vorstellen, wo Licher Juden wohnten, beteten und begraben wurden.
"Klaviermusik von Opfern und Zeitzeugen des Naziregimes". Unter diesem Thema steht ein Seminar mit Peter Geisselbrecht, das während des Wintersemesters jeweils dienstags von 18 bis 20 Uhr im Philosophikum II, Haus D, der Justus-Liebig-Universität stattfindet. Das Seminar ist öffentlich und findet mit einem Konzert seinen Abschluss. Start war bereits am Dienstag, "Späteinsteiger" sind willkommen.
Silberschmuck nach historischen Vorlagen aus Israel der Künstlerin Shula Shek sind vom 29. Oktober bis zum 19. November im Kunsthandwerkladen Quintessenz ausgestellt. Vernissage ist am Freitag, 28. Oktober um 19.30 Uhr.
Am 9. November, findet um 18 Uhr zum Gedenken an die Opfer der Pogromnacht traditionell ein Gottesdienst in der Kapelle der evangelischen Marienstiftskirche statt. Um 18.30 Uhr folgt die Mahnwache am Gedenkstein vor der Kirche.
Bereits am Vormittag beginnt ein Angebot der Kreisvolkshochschule, das man unter das Motto: "Wehret den Anfängen" stellen könnte. Im Seminar "Hyperlinks gegen Rechts" unter der Leitung von Pit Schulz geht es um die Präsenz von rechtsextremen Web-Seiten im Internet. Die Veranstalter empfehlen das Seminar besonders Lehrern und Beschäftigten der Jugendarbeit.
"Thomas Mann und die Juden" heißt ein Vortrag von und mit Francois Lilienfeld, der am Donnerstag, 10. November, um 20 Uhr im Sitzungssaal des Licher Rathauses zu hören ist.
Auch in diesem Jahr stehen wieder Führungen und Exkursionen auf dem Programm: Am Freitag, 11. November, führt Dagmar Klein um 15 Uhr zu den jüdischen Gräbern auf dem neuen Gießener Friedhof. Eine weitere Führung bietet Dagmar Klein am Freitag, 25. November, zum Thema "Jüdisches Leben" in Gießen an. Treffpunkt ist um 15 Uhr am Stadtkirchenturm. Eine Exkursion führt schließlich am Samstag, 19. November, zur Besichtigung der ehemaligen Synagoge in Wetter bei Marburg.
Die Gefahren eines "Neuheidentums" unter dem Zeichen von germanischen Gottheiten, Runen und Hakenkreuzen untersucht die Soziologin und Religionswissenschaftlerin Debora Dusse am Donnerstag, 17. November, um 20 Uhr im Gemeindesaal der evangelischen Marienstiftskirche. Jüdische Musik und Musik des Morgen- und Abendlandes präsentiert schließlich noch das Duo Zaubergarten am Samstag, 19. November um 20 Uhr im Café Sahne.

Am umfassenden Programm waren folgende Organisationen und Gruppen beteiligt: Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung, Christusgemeinde Lich, Evangelische Marienstiftsgemeinde Lich, Kino Traumstern, Musikschule Lich, Café Sahne, Dietrich-Bonhoeffer-Schule, Buchhandlung Eckschuster, Kunsthandwerkladen Quintessenz, Forum für Völkerverständigung, Kreisvolkshochschule und Arbeitsstelle Holocaust-Literatur am Institut für Neuere deutsche Literatur der Justus-Liebig-Universität Gießen.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Gießener Anzeiger, 24.09.2005:
"Ich freue mich, dass Friedrich Kellner im Museum bleiben wird"

Interview mit Professor Scott Kellner – Heimatkundlicher Arbeitskreis plant Dauerausstellung

LAUBACH (GA). Professor Scott Kellner hat nach der Eröffnung der Ausstellung über die Tagebücher Friedrich Kellners, nach Begegnungen mit Freunden und nach Fernsehaufnahmen für einen Dokumentarfilm über seinen Großvater wieder die Heimreise nach Texas angetreten. 35 Jahre wie seit seinem letzten Besuch 1970 soll es diesmal nicht dauern, bis er nach Laubach zurückkehrt. Spätestens im Mai 2007 will er zur Mitarbeit an der geplanten wissenschaftlichen Veröffentlichung des Arbeitskreises Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität Gießen über die Tagebücher wieder hier sein. Der Gießener Anzeiger hat Scott Kellner am Tag seiner Abreise interviewt. Mit welchen Erwartungen waren Sie nach so langer Zeit wieder nach Laubach gekommen? Kellner: Ich bin vor allem mit einer Hoffnung gekommen. Mit der Hoffnung, dass die Menschen hier erkennen, dass mein Großvater ihr Freund war; mit der Hoffnung, dass sie erkennen, dass er mit seinen Tagebüchern keine persönlichen Rechnungen begleichen wollte, sondern dass er sie geschrieben hat, um zu helfe, eins zu verhindern: Dass jemals wieder eine Diktatur wie die von damals ihr Haupt erheben könnte.
Ist diese Hoffnung denn erfüllt worden? Kellner: Das große Interesse an der Ausstellung, der rege Besuch bei der Eröffnung und viele Gespräche mit Menschen haben mir tatsächlich gezeigt, dass sie erfüllt worden ist. Es war mir ein Bedürfnis, den Laubachern die Haltung eines Großvaters zu vermitteln. Deswegen bin ich auch während der Dreharbeiten für den Fernsehfilm immer wieder auf sie zugegangen und habe sie angesprochen, warum wir das machen. Und lassen Sie mich eins hinzufügen: Ich hoffe, dass dieser Dokumentarfilm nicht nur in Kanada gezeigt wird, sondern dass die Verhandlungen mit einem deutschen Sender dazu führen, dass man ihn auch hier in Laubach eines Tages sehen kann.
Mit welchen Gefühlen verlassen Sie Laubach denn nun wieder?Kellner: Vor allem mit dem Gefühl der Dankbarkeit. Dankbarkeit gegenüber all den Menschen, die mir dabei geholfen haben, dass ich mein Versprechen gegenüber meinem Großvater, die Tagebücher der deutschen Öffentlichkeit zu präsentieren, nach so vielen Jahren endlich erfüllen konnte. Dankbar nun ich zunächst einmal denjenigen, die die Ausstellung im Laubacher Heimatmuseum organisiert haben. Ich möchte da den Redakteur des Gießener Anzeigers nennen, der mich vor mittlerweile fünf Monaten angesprochen hat und der auch die Idee hatte, nicht nur einen Artikel zu schreiben, sondern eine Ausstellung auf die Beine zu stellen, Klemens Hogen-Ostlender. Elisabeth Rößler vom Heimatkundlichen Arbeitskreis hat sich ebenfalls sehr engagiert und auch der Vorsitzende, Kurt Stein. Dankbar bin ich auch meinem Freund Ludwig Heck, der mir weiteres Material über meinen Großvater mitgegeben hat, das ich erst einmal sichten muss, wenn ich wieder daheim bin. Dankbar bin ich seiner Frau Elfriede und seiner Tochter Ulrike für den überaus herzlichen Empfang, den sie mir wie so viele andere bereitet haben. Ich bin dem Bürgermeister, Claus Spandau, für seine Worte bei der Eröffnung und sein Interesse dankbar. Mein Dank gilt aber genauso Helmut Palitsch, der mir viel von Laubach gezeigt hat, der Nachkomme von August Palitsch, der mit meinem Großvater damals nach dem Krieg die SPD in Laubach wieder aufgebaut hat. Und dankbar bin ich natürlich auch Dr. Sascha Feuchert und seinen Kollegen von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur, die die Tagebücher meines Großvaters wissenschaftlich fundiert als Buch herausgeben werden. Ingrid Albert bin ich zu Dank verpflichtet, weil sie uns ihr Altersheim, das ehemalige Amtsgericht, geöffnet und uns dort überall herumgeführt hat. Es war sehr bewegend für mich, zum ersten Mal den Raum zu sehen, in dem mein Großvater seine Tagebücher verfasst hat.
Ist mit der Erfüllung des Versprechens an Ihren Großvater für Sie das Thema Tagebücher denn jetzt erledigt? Kellner: Gottseidank nicht. Gerade heute hat es sich ja ergeben, dass ich von dem Interesse des Dokumentationszentrums Prora auf der Insel Rügen an einer Ausstellung erfahren habe. Und Kurt Stein hat mir dieser Tage zugesichert, dass der Heimatkundliche Arbeitskreis auch nach der zweiwöchigen Ausstellung an Friedrich Kellner und seine Tagebücher erinnern will. Nicht sofort anschließend, aber wenn das neue Museumskonzept umgesetzt wird; nicht unbedingt genau in dem Rahmen wie jetzt, sondern vielleicht auch mit wechselnden Inhalten. Auf jeden Fall aber freue ich mich, dass mein Großvater auch Gegenstand einer Dauerausstellung im Museum sein wird.
Wenn Sie sich an die Tage hier in Laubach erinnern, gibt es da etwas, was Ihnen besonders im Gedächtnis bleiben wird? Kellner: Vor allem eins: Dass ich in diesen Tagen hier nicht nur alte Freunde wieder getroffen, sondern auch viele neue Freunde gewonnen habe.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Frankfurter Rundschau, 23.09.2005:
Widerstand in Collagentechnik

Die geheimen Tagebücher des Laubacher Justizangestellten Friedrich Kellner dokumentieren den Alltag des Nationalsozialismus

Von Meike Mossig (Laubach)

Eines der umfangreichsten geheimen Tagebücher aus der Zeit des Nationalsozialismus ist zurzeit im Heimatmuseum "Fridericianum" in Laubach zu sehen. Die zweiwöchige Ausstellung zeigt Ausschnitte der zehn Buchbände des Laubacher Sozialdemokraten Friedrich Kellner. Jahrelang hat der Justizangestellte seine Beobachtungen im Verborgenen auf fast 1000 Seiten festgehalten. "Das besondere an seinen Tagebüchern ist die Collagentechnik, mit der Kellner zum Beispiel aufgeklebte Zeitungsausschnitte mit Kommentaren und Hintergrundinformationen ergänzt hat", erklärt der stellvertretende Leiter der Arbeitsstelle Holocaust-Literatur der Gießener Universität, Sascha Feuchert.Zusammen mit dem Gießener Journalisten Klemens Hogen-Ostlender und dem Heimatkundlichen Arbeitskreis Laubach präsentiert die Gießener Arbeitsstelle die Ausstellung. Eine Notiz im Magazin Spiegel stieß Feuchert in diesem Jahr erstmals auf eine Ausstellung der Tagebücher Kellners in den USA. Sofort nahm der Wissenschaftler Kontakt zu dem Enkel Scott Kellner in Texas auf. "Ursprünglich wusste dieser nur von neun Bänden", erläutert Feuchert. Das zehnte hätten er und seine Mitarbeiter durch erfolgreiche Detektivarbeit gefunden. Als "äußerst geradlinige und aufrechte Persönlichkeit" beschreibt der Wissenschaftler den Sozialdemokraten Kellner, der nach Kriegsende wieder für seine Partei politisch aktiv wurde und in Laubach unter anderem jahrelang Erster Stadtrat war, bevor er 1970 starb. Da Kellner und seine Frau Pauline sich im Krieg für verfolgte Juden eingesetzt hatten, entgingen sie nur knapp dem Konzentrationslager. Für Kellner war sein Tagebuch Ausdruck des politischen Widerstandes gegen den nationalsozialistischen Terror. Das bekunden die 860 Seiten, in denen er 676 Eintragungen machte und 525 Zeitungsausschnitte einklebte. Bald sollen die Tagebücher als Buch veröffentlicht werden. Die Gießener Arbeitsstelle Holocaust-Literatur hat unter Leitung von Erwin Leibfried und Scott Kellner einen Vertrag geschlossen, der ihr die Veröffentlichungsrechte an den Werken sichert. Bis 2007 soll das 150 000 Euro teure Projekt abgeschlossen sein.
Die Ausstellung ist bis zum 2. Oktober am Dienstag und Donnerstag von 18 bis 20 Uhr, mittwochs von 10 bis 12 sowie am Wochenende von 14 bis 17 Uhr und sonntags zusätzlich von 10 bis 12 Uhr geöffnet. Ausstellungsort ist das Heimatmuseum Fridericianum in der Friedrichstraße 11 in Laubach.



- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Gießener Anzeiger, 23.09.2005:
Neues Interesse an Kellner-Ausstellung

Dokumentationszentrum Prora möchte sie 2006 oder 2007 zeigen

LAUBACH (kr). Am letzten Tag seines Aufenthalts in Laubach hat Professor Scott Kellner gestern die Nachricht bekommen, dass das Dokumentationszentrum Prora auf Rügen Interesse an einer Ausstellung über die Tagebücher seines Großvaters Friedrich Kellner angemeldet hat. In dem ehemaligen "Kraft durch Freude"-Seebad aus der Nazizeit soll die Ausstellung möglichst 2006 oder 2007 gezeigt werden. Die vorerst letzten Stunden in Laubach waren für Scott Kellner und das kanadische Fernsehteam, das einen Dokumentarfilm über Friedrich Kellner plant, unterdessen mit weiteren Außenaufnahmen in der Altstadt ausgefüllt. Der Kontakt mit der Stiftung Neue Kultur, der Trägerin des Dokumentationszentrums Prora, kam über die Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus- Liebig-Universität Gießen, die die Tagebücher wissenschaftlich aufarbeiten möchte, und den Gießener Anzeiger zustande. In Prora stünde eine Ausstellungsfläche von 250 Quadratmetern zur Verfügung, ein Mehrfaches der Fläche der Kellner-Ausstellung im Laubacher Heimatmuseum. Professor Scott Kellner wird der Dokumentationsstätte Prora vorschlagen, eine Ausstellung im Zusammenarbeit mit dem Holocaustmuseum im texanischen Houston zu veranstalten. Dort wird eine Friedrich-Kellner-Ausstellung vergleichbaren Umfangs vorbereitet, die anschließend auf eine zweijährige "Tournee" durch amerikanische Museen gehen soll. Scott Kellner will nun den Kontakt zwischen Houston und Prora vermitteln, damit die Ausstellung in diesen zwei Jahren auch nach Prora kommen könnte. In Houston wird sie zunächst vom 14. Juli bis zum 24. September 2006 gezeigt.
"Die Ausstellung in Houston ist wichtig, aber es ist mir ein ganz besonderes Anliegen, dass die Tagebücher meines Großvaters der deutschen Öffentlichkeit präsentiert werden. Deswegen war ich auch so froh, dass die Ausstellung in Laubach zustandekommen ist" sagte Professor Scott Kellner dem Gießener Anzeiger. Der Fernsehfilm, für den die kanadische CCI Entertainment jetzt in Laubach drehte, soll voraussichtlich im Frühjahr 2006 fertig werden. Gezeigt wird er zunächst in Kanada. Der Film mit dem Arbeitstitel "Mein Widerstand - Die Tagebücher Friedrich Kellners" soll aber auch weltweit vermarktet werden.
Scott Kellner hat sich gestern von Freuden in Laubach und Villingen verabschiedet, aber versprochen, spätestens im Mai 2007 zurückzukehren.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Heimat-Zeitung Grünberg, 22.09.2005:
Rede von Dr. Sascha Feuchert zur Ausstellungseröffnung von Friedrich Kellners Tagebüchern

Meine sehr verehrten Damen und Herren, lieber Scott,

wie wird man einem Menschen gerecht, der nahezu sieben Jahre lang im Geheimen ein immenses Tagebuch geführt hat, stets in Gefahr war, selbst in die Mühlen jenes Unrechtssystems zu geraten, dass er auf nahezu 900 Tagebuchseiten geißelte und der nach Ende der Terrorherrschaft sein „Hauptwerk“, sein Tagebuch, offenbar zur Seite legte und sein politisches Engagement nun für die nächsten 25 Jahre ins kommunalpolitische Handeln verlegte? Natürlich, schon an dieser kurzen Aufzählung wird deutlich, dass Friedrich Kellners Leben – und sein Werk – so ungewöhnlich sind, dass sie wohl kaum in zehn Minuten adäquat beschrieben werden können. Wenn ich es jetzt doch versuchen werde und dabei Kellners Wirken und die Bedeutung seiner Tagebücher zu allem Überfluss auch noch auf drei Schlagworte reduzieren werde, so geschieht das in dem vollen Bewusstsein, dass ich Kellner notwendig verkleinere, dass ich ihm in einem rhetorischen Husarenritt das menschliche Maß – wie Schiller über seinen Wallenstein sagt – nehmen muss, um ihn doch gerade als das – so hoffe ich – begreifbar zu machen, was er vor allem war: ein Mensch von bemerkenswertem Format. Es sind drei Adjektive, die mir in den Sinn kommen, wenn ich Friedrich Kellner und sein Wirken beschreiben will.
Mutig – das ist das erste Adjektiv, das ich nennen möchte. Friedrich Kellner war mutig, da er als Sozialdemokrat, der er innerlich auch in der NS-Zeit immer geblieben ist, eine Menge riskierte. Sie werden auch in der Ausstellung Belege dafür finden, dass Kellner vom KZ bedroht war, dass man ihn – den aufrechten Demokraten, der seine Meinung nicht verbarg –als Hindernis sah, als jemanden, der partout nicht mitmachen wollte – jemanden, den man loswerden musste, 1938 hat er sogar versucht, die fürchterlichen Entgleisungen der Reichspogromnacht in Laubach zur Anzeige zu bringen. Man stellte sich das einmal vor: der staatlich verordnete, nur wenig als „Volkszorn“ kaschierte Terror wird ausgerechnet von einem Staatsdiener angezeigt.
Dieser Mut brachte es mit sich, dass Friedrich Kellner vorsichtig sein musste, um nicht sein Leben und das seiner Frau weiter zu gefährden – ihr gemeinsamer Sohn war zum Glück zu dieser Zeit bereits in Sicherheit in den USA. Kellner blieb ein aufrechter Gegner der Nationalsozialisten – ab 1938 vertraute er seine Gedanken, die zuweilen von einer bemerkenswerten Klarsicht zeugen, seinem Tagebuch an. Der Verlust der Demokratie traf Kellner dabei am härtesten. Heute fast genau auf den Tag vor 66 Jahren, am 17. September 1939, schrieb er etwa: „Die Demokratie mit den Füßen zu treten und einem einzigen Menschen die Gewalt über nahezu 80 Millionen Menschen zu geben, ist so furchtbar, dass man ob der Dinge, die da kommen werden, sehr wohl zittern kann.“
Doch Friedrich Kellner wollte nicht nur ein „normales“ Tagebuch führen, wollte nicht nur dokumentieren, was in Laubach und in seiner unmittelbaren Umgebung geschah. Friedrich Kellner wollte minutiös dokumentieren, wie er täglich lügen, betrügen, drohen musste, damit es gelang, wofür Millionen Menschen am Ende des Krieges zu büßen hatten. Kellner wollte für sich, für später, letztlich auch für uns zeigen, was es bedarf, um zu ideologisieren, politisch irrezuführen und zu verführen. Er bediente sich dafür einer besonderen Technik: In den meisten Tagebucheinträgen hören wir nicht nur seine Stimme sondern, – wie Sie an den Beispielseiten sehen werden – Friedrich Kellner verwendet zahllose Zeitungssauschnitte, um die Propaganda des III. Reiches offenzulegen. Diese Zeitungsausschnitte kommentierte er unmittelbar daneben: Mit der Wahrheit, mit seiner Lebenswirklichkeit, manchmal ironisch gebrochen, manchmal vor Wut bebend – aber immer den Finger auf die großen und kleinen, die politischen und alltäglichen Lügen dieses Verbrecherregimes zu legen. Dabei ist Friedrich Kellner, neben aller Wut auch auf seine Mitbürger, die dem allen nicht nur keinen Einhalt gebieten, sondern blindlings ihrem angeblichen „Führer“ nachzurennen scheinen, ein leidender Mensch. Das ist der Grund, meine Damen und Herren, warum ich Friedrich Kellner mit einem zweiten Adjektiv als „pathetisch“ beschreiben möchte. Erschrecken Sie nicht, ich meine „pathetisch“ nicht in dem Sinne, in dem wir es gewöhnlich verwenden, als „kitschig“ oder „übertrieben“, sondern ich meine es in ganz altem Sinne: „Pathos“ bedeutet auf Griechisch „Leiden“ – und Friedrich Kellner litt für uns an seiner Nation. Kellner war ein Patriot – das konnten ihm auch oder besser: gerade die Nationalsozialisten nicht austreiben. Kellner litt an seiner Nation, weil sie sie blind schien, für das, was sie anrichtete: im Krieg, aber auch gegen all die Opfer, die in ihrem Namen vernichtet und vergast wurden. Er litt an dieser Nation, weil er wusste, dass es für sie entsetzliche Konsequenzen haben würde – und auch das machte dem Patrioten Kellner zu schaffen. Die Folgen stellten sich ein, ganz so, wie Friedrich Kellner es erwartet hatte: Deutschland wurde komplett besiegt; seine Städte lagen in Trümmern, der Staat war zerstört und Hoffnung auf einen Neuanfang blieb zunächst wenig. Mutig und pathetisch habe ich Friedrich Kellner bislang genannt – er hätte nach dem Krieg allen Grund gehabt, Rache zu nehmen, sich an jenen zu rächen, die ihm und seiner Familie das Leben schwer gemacht hatten. Das hat er – zumindest im großen Stile – nicht getan. Im Gegenteil: „Versöhnlich“ ist das dritte Adjektiv, das ich Ihnen anbieten möchte, wenn ich Kellner beschreibe. 900 Seiten hatte er geschrieben, voll mit Anklagen gegen einzelne Personen der politischen Klasse, aber auch aus seinem Umkreis. Doch was tut Friedrich Kellner mit diesem Dokument, das so eindrucksvoll das Dritte Reich beschreibt? Nichts, könnte man – vielleicht etwas vorschnell und bewusst übertreibend – sagen. Er reicht es an seinen Enkel weiter, freilich erst Jahre später, als er bereits politische Verantwortung in seiner Heimatstadt übernommen hat, die SPD mitbegründet hat – und dabei auch zugesehen hat, wie ihm Menschen in diese neue SPD folgten, die vor nicht allzu langer Zeit in ganz anderer Weise politisch engagiert waren. Kellner hat sein Tagebuch geschlossen – er wollte es nicht unmittelbar verwenden, er wollte nach dem Krieg mithelfen, eine demokratische Ordnung wieder zu etablieren – da war für Anklage oder Rache zunächst kein Platz. Und doch blieben die Tagbücher für ihn wichtig: Er hat sie verwahrt, später seinem Enkel gegeben, damit er aus ihnen mache, was sie letztlich immer waren: eine Warnung vor antidemokratischer Ideologie und politischen Wahn. In dieser Weise sind sie lebendig – und so wichtig – wie vor 60 Jahren. Meine Damen und Herren, entdecken Sie in dieser Ausstellung einige Spuren dieses mutigen, pathetischen und versöhnlichen Menschen, entdecken Sie einen der Ihren – einen der unseren, wie ich als Laubacher vielleicht auch sagen darf.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Gießener Anzeiger, 22.09.2005:
In zwei Minuten viele Jahre zurück in der Zeit

Kanadisches Fernsehteam drehte für Dokumentarfilm über den Tagebuchschreiber Friedrich Kellner gestern in Laubach

LAUBACH (kr) Für Professor Scott Kellner war es sicher der bewegendste Moment seines Aufenthalts in Laubach. Zu Fuß waren es nur zwei Minuten vom Heimatmuseum zum ehemaligen Amtsgericht, doch dabei reiste er viele Jahre zurück in der Zeit. Dann stand er genau vor dem Fenster der einstigen Dienstwohnung seines Großvaters Friedrich Kellner, hinter dem dieser von 1939 bis 1945 Tagebuch geführt hatte. Das Tagebuch, wegen dessen ihm die schon angedrohte Einlieferung ins KZ sicher gewesen wäre, wäre es je entdeckt worden. Wenige Meter daneben befindet sich heute noch die Tür zur Friedrichstraße, durch die Friedrich Kellner im März 1945 gerade den Hof betreten hatte, als draußen eine amerikanische Fliegerbombe explodierte und alles mit Splittern übersäte. "Wäre das eine Minute früher passiert, hätte es mich das Leben gekostet", hatte Friedrich Kellner später seinem Enkel erzählt. "20 Mal bin ich bestimmt auf der Straße vorbeigegangen, aber hier drin war ich noch nie", gestand Scott Kellner, der 1970 zuletzt in Laubach gewesen war. Als die Ausstellung über die Tagebücher seines Großvaters im Heimatmuseum eröffnet wurde, war Ingrid Albert zu ihm gekommen. Sie leitet das heutige "Seniorenhotel Amtsgericht", das Altenheim, das in dem ehemaligen Justizgebäude untergebracht ist. Ingrid Albert lud Scott Kellner ein, sich im Haus umzusehen. Im Begleitung eines kanadischen Fernsehteams, das in Laubach Aufnahmen für einen Dokumentarfilm machte, tat er das gestern mehrere Stunden lang.
Tags zuvor hatte das Team von CCI Entertainment, der Produzent Arnie Zipursky, Director Fern Levitt, Kameramann Bill Metcalfe und ihr deutscher Begleiter Klaus W. Becker vom Filmbüro Bremen, zunächst in Villingen Ludwig Heck interviewt, den besten Freund von Friedrich Kellner, der auch dessen Testamentsvollstrecker wurde.
Der Tag gestern begann dann mit Filmaufnahmen im Laubacher Heimatmuseum. Auch andere Zeitzeugen standen auf der Interviewliste, außerdem unter anderem der Laubacher SPD-Fraktionsvorsitzende Helge Braunroth, Dr. Sascha Feuchert, stellvertretender Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität Gießen und David Cohen, Vorsitzender der Friedenskooperative Grünberg-Laubach-Mücke. Am Mittwoch Vormittag dann erläuterte Professor Scott Kellner im Heimatmuseum vor der Fernsehkamera die Entstehungsgeschichte der Ausstellung, die der Gießener Anzeiger mit dem Heimatkundlichen Arbeitskreis Laubach organisiert hatte.
Zum ersten Mal in seinem Leben betrat Scott Kellner dann gemeinsam mit dem Fernsehteam das einstige Amtsgericht. Als er einst seine Großeltern in Laubach besucht hatte, wohnten die nicht mehr dort, sondern bereits in dem Haus, das sie in der Andree Allee gebaut hatten. Anhand von Tagebuchnotizen Friedrich Kellners, die er aus dem Kopf immer wieder zitierte, tastete der Enkel sich durch das Anwesen. Gleich hinter dem Nebeneingang von der Friedrichstraße her hatte die Dienstwohnung des Justizinspektors und seiner Ehefrau Pauline gelegen. Dahinter befindet sich noch der Keller, in dem Friedrich Kellner Holz zum Heizen hackte. Wenige Meter davon entfernt liegt auch heute noch der Kellerraum, in den sich die Kellners mit anderen Laubachern bei Einmarsch der Amerikaner Ende März 1945 zurückzogen. Nicht überall folgte die Kamera dem Enkel, der Jahrzehnten auf den Sputen seines Großvaters wandelte. Das einstige Büro innerhalb der Dienstwohnung, in dem rund 900 Tagebuchseiten entstanden, betrat Professor Scott Kellner ganz allein, um dort einige Minuten mit sich und seinen Gefühlen ins Reine zu kommen.
Nach Abschluss der Dreharbeiten im ehemaligen Amtsgericht wurden gestern noch Außenaufnahmen in Laubach gedreht. Heute wird der Aufenthalt Scott Kellners in Laubach zu Ende gehen. Für Mai 2007 hat er aber bereits seine nächste Reise in die einstige Heimatstadt seines Großvaters geplant.
Die Kellner-Ausstellung im Heimatmuseum ist bis zum 2. Oktober zu folgenden Zeiten geöffnet: Dienstags und donnerstags von 18 bis 20 Uhr, mittwochs von 10 bis 12 Uhr, samstags von 14 bis 17 Uhr und sonntags von 10 bis 12 sowie von 14 bis 17 Uhr. Der Eintrittspreis beträgt 2 Euro.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Gießener Allgemeine Zeitung, 20.09.2005:
"Großvater wäre gewiss sehr dankbar gewesen"

Geheime Tagebücher von Friedrich Kellner im Heimatmuseum Laubach gezeigt – Enkel Scott Kellner auf Spurensuche

Laubach (meg). Feuchte Augen und der berühmte Kloß im Hals sind Attribute, die Drehbuchautoren seit jeher für sich fruchtbar machen, soll die Geschichte, über der sie brüten, ihrerseits feuchte Augen und einen Kloß in den Hälsen des Publikums hervorrufen. Gemeinhin betitelt Letzteres derartige Verfilmungen dann als „Schnulze“. Keine „Schnulze“, sondern ein Stück Lokalgeschichte, kein Drehbuch, sondern Realität, keine gespielte Sentimentalität, sondern ehrliche und deshalb spürbare Ergriffenheit eines Mannes, der sich – so nannte es Scott Kellner selbst – auf einer „Pilgerfahrt“ befindet, machten die Ausstellungseröffnung am Sonntag im Heimatmuseum Laubach durch den Vorsitzenden des Heimatkundlichen Arbeitskreises, Kurt Stein, zum Kulturereignis im kleinen Rahmen. „Don’t make me cry“, antwortete Scott Kellner auf die sicherlich sehr persönliche Frage der „Allgemeinen Zeitung“ nach seinem Empfinden bei der Suche nach Spuren des Mannes, den er selbst als einen „Elternersatz“ bezeichnete. Die Rede ist von seinem Großvater Friedrich Kellner (die AZ berichtete über die Entdeckung der Tagebücher des Laubacher Nazi-Gegners).
Im Geheimen hatte der einstige Sozialdemokrat während des „Dritten Reichs“ Tagebücher geführt, deren Aufzeichnungen mitunter tief in den grauen, da jede Art von Humanität und Demokratie vernichtenden Alltag unter der Schreckenherrschaft der Nazis blicken lassen.
Kurz bevor er starb, übergab Friedrich Kellner jene Dokumente der Auflösung von Rechtsstaatlichkeit, menschlicher Würde und demokratischen Staatsgefügen an seinen Enkel Richard Scott Kellner. Der hütete sie über Jahre hinweg wie einen Schatz, bis er sie im März dieses Jahres in der George-Bush-Library in Texas/USA der Öffentlichkeit zugänglich machte.
Durch Medienberichte aufmerksam geworden, bemühte sich sodann die Arbeitsstelle Holocaust an der Uni Gießen unter Leitung von Dr. Sascha Feuchert um die alleinigen Rechte an der Veröffentlichung der Kellner-Tagebücher. Mit Erfolg: Das Forschungsprojekt startet offiziell im Frühjahr 2006.
Bereits jetzt finden sich rund 20 Farbkopien der in altdeutscher Schrift gefassten Originalschriften inklusive Transkriptionen, etwa zwölf Fotografien sowie Original-Gemälde und –Gedichte des damaligem Justitiars im Laubacher Heimatmuseum. Dort können sie von an 14 Tage gesichtet werden. Der Heimatkundliche Arbeitskreis mit seinem Vorsitzenden Kurt Stein und Elisabeth Rößner sowie Clemens Hogen-Östländer für den Gießener Anzeiger hatten die Ausstellung eröffnet, an der neben Bürgermeister Claus Spandau viele Stadtverordnete sowie Zeitzeugen und freilich der Ehrengast teilnahmen.

Scott Kellner: "Don’t make me cry"

Die “Allgemeine” sprach mit dem Enkel desjenigen, dessen Aufzeichnungen Dr. Feuchert in seiner Rede als „ironisch“ gebrochen, mitunter voller Wut“ interpretierte: „Friedrich Kellner wollte minutiös dokumentieren, wie ein Unrechtsregime an die Macht kam, wie es an der Macht blieb.“
Scott Kellner wörtlich gegenüber der AZ: „Wissen Sie, ich befinde mich derzeit auf einer Reise, die ich als Pilgerfahrt bezeichnen möchte. Es ist eine Fahrt, die mich nahe Heidelberg führte: Dort findet sich der Geburtsort meines Großvaters. Sie brachte mich sodann nach Mainz. Dort lebte mein Opa, bis er aus Gründen politischer Verfolgung hierher nach Laubach kam. ‚Ich kann Ihnen sagen, ich bin in New York geboren’, fuhr der heutige Texaner fort, ‚dort ist der Verkehr ein anderer als hierzulande.’“ Dann schlug Verschmitztheit in ehrliche Ergriffenheit um: “Don’t make me cry“, entgegnete Scott Kellner auf die Frage, wie er sich fühle, nach den Spuren seines Großvaters suchend. „Die Besuche der Orte, die Mittelpunkte im Leben meines Großvaters bildeten, rufen starke Gefühle in mir hervor“. Sein Vater ist früh gestorben. So verwundert es nicht, dass Scott Kellner seinen Großvater als Elternersatz bezeichnet: “Einmal sagte er zu mir: ‚Du bist der letzte Kellner. Lebe, studiere, lehre’“, erinnert sich Scott Kellner an die Worte, die sein Großvater ihm einst mit auf den Weg gab.
„Ein Weg, der ihm nun ins mittelhessische Laubach führte, dem Ort, der seinem Urahnen vermeintliches Obdach vor politischer Verfolgung bot, dem Ort, der die Szenerie für seine Tagebuchaufzeichnungen bildete. „Ich bin sicher, mein Großvater wäre dankbar und stolz auf das, was hier in diesem Museum erwachsen ist“, schloss Scott Kellner. Übrigens hat sich der heute über 60-Jährige die Worte seines (Groß-) Vaters zu Eigen gemacht: Scott Kellner hat studiert und ist heute selbst Universitätsprofessor im Bundesstaat Texas. Bedeutender noch: Er hat das „Erbe“ Friedrich Kellners angetreten und Menschen, Kulturen, Nationen daran teilhaben lassen.
Erich Jonx und Ludwig Heck kannten den, der da vor über 60 Jahren wahrlich nicht völlig gefahrlos die Feder zückte und aufschrieb, was wohl manch einer hätte sehen können, doch kaum jemand entdecken wollte, persönlich. „Friedrich Kellner war nicht allein mein korrekter hochintelligenter Ausbilder bei Gericht, er war mir ein väterlicher Freund“, sagte Heck und er sagte es mit Nachdruck in der Stimme. Lässt die Ausstellung die Erinnerungen in Hecks Kopf zu neuem Leben erwachen? „Das können Sie mir glauben: Es ist, als stünde er – gemeint Friedrich Kellner – leibhaftig vor mir!“


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Gießener Anzeiger, 20.09.2005:
"Kärrnerarbeit" an Kellner-Tagebüchern beginnt 2006

Professor Scott Kellner besuchte nach der Ausstellungseröffnung gestern die
Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität in Gießen


LAUBACH/GIESSEN (kr). Professor Scott Kellner hat gestern, einen Tag nach der Eröffnung der vom Gießener Anzeiger mitorganisierten Ausstellung über die Tagebücher seines Großvaters Friedrich Kellner im Laubacher Heimatmuseum, die Arbeitsstelle der Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität in Gießen besucht, um sich über den Verlauf der dort geplanten Veröffentlichung der Tagebücher auf wissenschaftlicher Basis zu informieren.
Dr. Sascha Feuchert, der stellvertretende Leiter der Arbeitsstelle, hatte tags zuvor bei der Ausstellungseröffnung bereits die Bedeutung der Kellner-Tagebücher erläutert. Die Arbeitsstelle Holocaustliteratur hat mit Scott Kellner einen Vertrag geschlossen, der ihr die alleinigen Rechte an der Veröffentlichung des gesamten Konvoluts sichern. Bis 2007 soll das Projekt, für das die Universität eigens zwei halbe Planstellen einrichten will, abgeschlossen sein. Derzeit bemüht sich die Arbeitsstelle Holocaustliteratur darum, Drittmittel für das 150 000-Euro-Projekt zu beschaffen.
Das Keller-Projekt soll sich an ein anderes Projekt anschließen, das sich derzeit in der Schlussphase befindet. Die Arbeitsstelle Holocaustliteratur unter Leitung von Professor Dr. Erwin Leibfried arbeitet gemeinsam mit polnischen Wissenschaftlern derzeit an der vollständigen Edition der Lodzer Getto-Chronik. In Zusammenarbeit mit der Ernst-Ludwig Chambré-Stiftung zu Lich haben die Gießener die Edition der "Reportagen" von Dr. Oskar Singer abgeschlossen und jeweils eine deutsche und polnische Ausgabe fertiggestellt. In seinen Texten berichtet Singer über das Leben im Getto Lodz. Dr. Sascha Feuchert rechnet damit, dass die "eigentliche Kärrnerarbeit" an Friedrich Kellners Tagebüchern im März 2006 beginnen kann. Bis dahin soll das Projekt Getto-Chronik abgeschlossen sein.
Feuchert ist sicher, dass am Ende des dann folgenden Kellner-Projekts ein umfangreiches Buch das Ergebnis sein wird. Recherchereisen, Interviews mit Zeitzeugen und der Vergleich mit anderen zeitgenössischen Tagebüchern werden die Bedeutung der Aufzeichnungen Friedrich Kellners darstellen helfen.
2006 oder 2007 will Professor Scott Kellner, der eigens zur Eröffnung der Ausstellung nach Laubach gekommen war, wieder in die ehemalige Heimatstadt seines Großvaters reisen. Dann wird er auch wieder die Arbeitsstelle Holocaustliteratur aufsuchen, um sich an er wissenschaftlichen Aufarbeitung der Tagebücher zu beteiligen. Gestern reiste Professor Scott Kellner nach Mainz, um dort auf den Spuren seiner Großeltern zu wandeln. Von Mainz aus war Friedrich Kellner 1933 vor den Nazis nach Laubach geflüchtet. Noch in dieser Woche wird der Enkel des Tagebuchschreibers dann wieder in seine texanische Heimatstadt College Station zurückkehren.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Gießener Anzeiger, 19.09.2005:
Versprechen an den Großvater nach vier Jahrzehnten erfüllt

Ausstellung der Tagebücher Friedrich Kellners eröffnet – Gießener Anzeiger Mitveranstalter

Laubach (GA). „Ich glaube, mein Opa wäre sehr dankbar und stolz gewesen, wen er dies heute hätte erleben dürfen“. Das sagte Professor Scott Kellner gestern bei der Eröffnung der Ausstellung über die Tagebücher seines Großvaters Friedrich Kellner im Laubacher Heimatmuseum. Die Veranstaltung, die gemeinsam vom Giessener Anzeiger und vom Heimatkundlichen Arbeitskreis Laubach organisiert wurde, hatte rund 80 Gäste ins Museum gelockt. Dr. Sascha Feuchert, stellvertretender Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität Gießen, charakterisierte Friedrich Kellner als einen mutigen, im ursprünglichen Wortsinn pathetischen, also leidenden, und versöhnlichen Menschen.
Der Vorsitzende des Heimatkundlichen Arbeitskreises, Kurt Stein, begrüßte unter den zahlreichen Gästen vor allem Scott Kellner, der nach 35 Jahren das erste Mal wieder in Laubach war. „Wir sind stolz, dass Sie sich unser Museum als Ort der Veröffentlichung der Tagebücher ihres Großvaters ausgewählt haben“ wandte er sich an den Enkel Friedrich Kellners. Stein würdigte die Arbeit von Elisabeth Rößler aus dem Vorstand des Arbeitskreises und von Anzeiger-Redakteur Klemens Hogen-Ostlender, die die Ausstellung gemeinsam mit Professor Scott Kellner organisiert hatten.
Dr. Sascha Feuchert betonte, die in den Jahren 1939 bis 1945 insgeheim geführten Tagebücher zeigten und auch heute noch, welchen Gefahren Menschen ausgesetzt sind, die in die Mühlen eines Unrechtssystems geraten. Mutig nannte er Friedrich Kellner, weil der „ausgerechnet als Staatsdiener, das muss man sich einmal vorstellen“, versucht hatte, die Täter der Reichspogromnacht in Laubach bei der Justiz anzuzeigen. Der „aufrechte Demokrat“ Friedrich Kellner, selbst mit der Einlieferung ins KZ bedroht, habe mit bemerkenswerter Klarheit Ereignisse aufgezeichnet und Entwicklungen vorhergesehen.

"Ein Leidender"

„Pathetisch im griechischen Wortsinn, ein Leidender, sei Friedrich Kellner an seiner eigenen Nation gewesen. Er habe als Patriot gelitten darunter, wie die Nationalsozialisten ein Unrechtssystem errichteten und Verbrechen begingen. Friedrich Kellner hätte nach dem Krieg „wahrlich Grund zur Rache gehabt“, meinte Feuchert, habe als versöhnlicher Mensch aber diese Gelegenheit nicht ergriffen – auch nicht, als mit ihm Menschen die SPD in Laubach wieder begründeten, „die vorher ganz anders politisch engagiert waren“. Friedrich Kellner habe mitgeholfen, die demokratische Ordnung in Laubach wieder zu etablieren. Für Rache sei da kein Platz gewesen. Mit den Tagebüchern habe ihr Autor nur vordergründig nach dem Krieg „nichts gemacht“. Er habe sie schließlich seinem Enkel Scott Kellner übergeben und ihm das Versprechen abgenommen, sie der Öffentlichkeit zukommen zu lassen. Professor Scott Kellner erinnerte sich gestern daran, wie er dieses Versprechen seinem Großvater gegeben hatte und bekannte, er hätte damals nicht geglaubt, dass es vier Jahrzehnte dauern würde, es zu erfüllen. Seine Großeltern hätten viel Freude an der Ausstellung gehabt, betont der eigens aus Texas angereiste Kellner-Enkel und dankte sowohl dem Heimatkundlichen Arbeitskreis als auch dem Giessener Anzeiger für ihr Engagement bei der Vorbereitung der Ausstellung. Der Laubacher Bürgermeister Claus Spandau freute sich, „so viele Menschen hier zu sehen“. Die Sonderausstellungen sei erklärtermaßen „Highlights“ des Heimatmuseums, allerdings mit wechselndem Erfolg. Spandau drückte seine Freude darüber aus, „heute einen so großen Kreis hier begrüßen zu dürfen“. Friedrich Kellners Tagebücher seien auch für die heutige Zeit besonders wichtig. Die Ansprache von Dr. Sascha Feuchert verdiene es, gedruckt und Schulen als Unterrichtsmaterial zur Verfügung gestellt zu werden, lobte der Bürgermeister.
Zur Eröffnung im Laubacher Heimatmuseum waren gestern auch Weggefährten Friedrich Kellners wie sein langjähriger Freund Ludwig Heck aus Villingen, der auch als Testamentvollstrecker des ehemaligen Laubacher Justizbeamten fungiert hatte, gekommen. Erich Jox aus Heuchelheim war 1947 einige Monate lang von Friedrich Kellner am Laubacher Amtsgericht ausgebildet worden und zeigte sich heute noch beeindruckt von der geradlinigen Persönlichkeit und dem umfassenden Wissen des Mannes, der die Tagebücher als seinen Widerstand gegen den Nationalsozialismus bezeichnet hatte.

Öffnungszeiten

Die Ausstellung im Laubacher Heimatmuseum in der Friedrichstraße ist noch bis zum 2. Oktober zu folgenden Zeiten geöffnet: Dienstags und donnerstags von 18 bis 20 Uhr, mittwochs von 10 bis 12 Uhr, samstags von 14 bis 17 Uhr und sonntags von 10 bis 12 Uhr sowie von 14 bis 17 Uhr. Der Eintrittspreis beträgt 2 Euro.

Weitere Infos im Internet:
www.heimatkunde-laubach.de.vu


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Gießener Anzeiger, 16.09.2005:
Kellner-Ausstellung wird Sonntag eröffnet

Tagebücher werden im Heimatmuseum präsentiert - Gießener Anzeiger und Heimatkundlicher Arbeitskreis Veranstalter

KREIS GIESSEN (kr). Prof. Dr. Scott Kellner und Dr. Sascha Feuchert werden am Sonntag, 18. September um 11 Uhr im Laubacher Heimatmuseum die Ausstellung über die Tagebücher Friedrich Kellners eröffnen, die vom Heimatkundlichen Arbeitskreis und vom Gießener Anzeiger veranstaltet wird. Sie enthält ausgewählte Tagebuchnotizen des Mannes, der von 1939 bis 1945 als Justizbeamter des Amtsgerichts Laubach im Geheimen seine Beobachtungen aufzeichnete, weil ihm nach Widerstand gegen das Regime die Einlieferung in ein KZ angedroht worden war. Auch andere Dokumente über Friedrich Kellner und zahlreiche Fotos werden gezeigt.
Friedrich Kellner, der nach dem Krieg als Lokalpolitiker in Laubach tätig war, verstand sein Tagebuch als Vermächtnis für kommende Generationen. Es sollte dazu beitragen, dass sich solch eine Gewaltherrschaft nie wiederholen könnte. Kellners Enkel Scott, der in Texas lebt, reist eigens zur Eröffnung der Ausstellung aus den USA an. Dr. Sascha Feuchert ist stellvertretender Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität Gießen. Dort wird die Herausgabe der kompletten Tagebücher als Buch vorbereitet.
Die Ausstellung im Laubacher Heimatmuseum ist bis zum 2. Oktober zu folgenden Zeiten geöffnet: Dienstags und donnerstag von 18 bis 20 Uhr, mittwochs von 10 bis 12 Uhr, samstags von 14 bis 17 Uhr und sonntags von 10 bis 12 Uhr sowie von 14 bis 17 Uhr.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Saar-Echo, 15.09.2005:
Sozialdemokrat Friedrich Kellner und die Nazis

Arbeitsstelle Holocaustliteratur veröffentlicht geheime Tagebücher / Ausstellung im Heimatmuseum ”Fridericianum” Laubach

Laubach/Vogelsberg. Friedrich Kellner hat in Laubach jahrelang Tagebuch geführt. Der Sozialdemokrat brachte seine Beobachtungen während der Nazi-Diktatur zu Papier. Im Geheimen, weil es für ihn den sicheren Tod bedeutet hätte, wären die Notizen bekannt geworden. Weil er und seine Ehefrau Pauline Kellner sich für verfolgte Juden eingesetzt hatten, wurde dem Justizangestellten mit Verhaftung und KZ gedroht. Friedrich Kellners Tagebücher wurden bisher nur in den USA öffentlich gezeigt. Jetzt werden die historischen Dokumente zum ersten Mal auch in Deutschland der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Der Gießener Anzeiger und der Heimatkundliche Arbeitskreis Laubach präsentieren - in Zusammenarbeit mit der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität Gießen - im Laubacher Heimatmuseum ”Fridericianum” (Friedrichstraße 11) eine Ausstellung über die Tagebücher. Die Ausstellung, für die ein Raum im Erdgeschoss des Museums reserviert ist, wird am Sonntag, 18. September, um 11 Uhr eröffnet und dauert zwei Wochen.
Kellners Enkel, Professor Dr. Scott Kellner, kommt eigens wegen der Ausstellung aus den USA nach Laubach. Dr. Sascha Feuchert, der stellvertretende Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur, wird am Eröffnungstag die Bedeutung der Tagebücher als Zeitdokument erläutern und eine Einführung in die Ausstellung geben. Die Arbeitsstelle Holocaustliteratur hat unter Leitung von Prof. Dr. Erwin Leibfried mit Scott Kellner einen Vertrag geschlossen, der ihr die Buch-Veröffentlichungsrechte an den Tagebüchern in Deutschland sichert. Bis zum Jahr 2007 soll das 150.000-Euro-Projekt abgeschlossen sein.
Im texanischen College Station, der Heimatstadt von Friedrich Kellners Enkel, gab es bereits eine Ausstellung über diese Tagebücher. Sie wurden in der ”George Bush Presidential Library and Museum” gezeigt, einer Einrichtung, die vom ehemaligen US-Präsidenten geschaffen wurde. Scott Kellner ist begeistert darüber, dass das Werk seines Großvaters nun in Deutschland als Buch veröffentlicht und sogar in der Stadt, in der Friedrich Kellner viele Jahre lang lebte, in einer Ausstellung gezeigt wird: ”Das ist genau das, wofür mein Opa geschrieben hat: Er wollte kommenden Generationen eine Waffe gegen jedes Wiederaufleben solch barbarischer Akte geben.”
Nach Kriegsende blieb Friedrich Kellner in Laubach, war für die SPD wieder politisch aktiv und wurde unter anderem Erster Stadtrat. 1970 starb der Mann, den Sascha Feuchert als ”äußerst geradlinige und aufrechte Persönlichkeit” bezeichnet. In der Ausstellung im Laubacher Heimatmuseum werden Dokumente aus dem Leben Friedrich Kellners zu sehen sein, Fotos der Familie aus den Laubacher Jahren und der Zeit davor in Mainz und ausgewählte Eintragungen aus den Tagebüchern - sowohl als Reproduktionen, die die gestochen scharfe Sütterlinschrift Kellners zeigen, als auch gedruckte Transkriptionen dieser Eintragungen.
Friedrich Kellner kam es bei seinen geheimen Aufzeichnungen nicht darauf an, Zeitgenossen bloßzustellen. Er verstand sein insgesamt zehnbändiges Tagebuch, das er von 1939 bis 1945 führte, als Waffe für kommende Generationen gegen eine mögliche neue Tyrannei. Auf 860 Seiten brachte er 676 datierte Eintragungen zu Papier und klebte 525 Zeitungsausschnitte ein.
Öffentlich konnte Friedrich Kellner seine Meinung damals nicht mehr kundtun. Dem Tagebuch aber vertraute Friedrich Kellner kompromisslos an, welche Gefahren er im Nazisystem sah. So schrieb er beispielsweise am 17. September 1939: ”Die Demokratie mit den Füßen zu treten und einem einzigen Menschen die Gewalt über nahezu 80 Millionen Menschen zu geben, ist so furchtbar, dass man ob der Dinge, die da kommen werden, sehr wohl zittern kann.”


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Gießener Anzeiger, 10.09.2005:
Nach drei "falschen" Laubachs war Scott Kellner am Ziel

Für den Enkel Friedrich Kellners ist seine Reise nach Laubach die Erfüllung eines Traums

LAUBACH (kr). Bei aller Bestürzung über die Verbrechen des Naziregimes hat Friedrich Kellner, der in den Kriegsjahren in Laubach sein geheimes Tagebuch führte, manchmal auch Galgenhumor in seine Notizen einfließen lassen. Nach dem Attentat auf Adolf Hitler im Münchener Bürgerbräukeller von 1939 schrieb er einen Witz nieder, der in Anspielung auf die Irreführung des deutschen Volkes durch die Nazis offenbar auch in Laubach kursierte: Es habe dabei "neun Tote, 23 Verletzte und 80 Millionen ,Verkohlte` " gegeben. Unter den Arbeitstiteln für das Buch, das Friedrich Kellner ursprünglich selbst nach dem Ende der Diktatur aus seinen Tagebüchern machen wollte, waren "Ein Narrenhaus" und "Der Rattenfänger aus Braunau am Inn". "Darüber will ich mir heute noch nicht den Kopf zerbrechen" schrieb er aber dann nieder: "Kommt Zeit, kommt Rat". Es kam das Ende der Naziherrschaft, und es kam der politische Wiederaufbau, an dem Friedrich Kellner als führender Vertreter der wieder gegründeten SPD in Laubach teilnahm. Die Buchpläne verfolgte er aber nicht weiter. Erst seinem Enkel Scott Kellner vertraute er viele Jahre später die Tagebücher an, um sie zu veröffentlichen. Der bemühte sich zuerst in den USA, das Vermächtnis seines Großvaters zu erfüllen. Die Ausstellung, die am 18. September um 11 Uhr im Laubacher Heimatmuseum vom Heimatkundlichen Arbeitskreis und vom Gießener Anzeiger gemeinsam eröffnet wird, ist nun ein erster Schritt, das Werk Friedrich Kellners auch in Deutschland der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ein weiterer großer Schritt wird das Buch sein, das die Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Gießener Justus-Liebig-Universität bis 2007 aus den Tagebüchern machen will.
Professor Scott Kellner erinnert sich noch gut an den Tag, als er das erste Mal nach Laubach kam. Es war im Jahre 1960, und er war gerade 19 Jahre alt. Ein junger US-Matrose, der auf dem Weg zu einer Stationierung in Saudi-Arabien in Deutschland Station machte. Der Plan, die Vorfahren kennenzulernen, von denen ihm sein von Friedrich und Pauline Kellner 1935 in die USA geschickter Vater berichtet hatte, war Scott Kellner so wichtig, dass er sich unerlaubt von der Truppe entfernte.
Er wusste nur, das seine Großeltern in einem Laubach lebten. Drei "falsche" Orte dieses Namens hatte er bereits "abgeklappert", ehe er auf dem Weg ins richtige Laubach in Hungen aus dem Zug stieg. Eine junge Deutsche, Ursula Cronberger, wies ihm damals den Weg. Wie es der Zufall wollte, war sie die Tochter eines anderen Mannes, der nach dem Krieg in Laubach die SPD wieder begründet hatte, Wilhelm Cronberger. Mit Ursula Cronberger-King, wie sie heute heißt, verbindet Scott Kellner eine lange Freundschaft. Auch die Frau, die er damals in Hungen zufällig traf, lebt heute übrigens in den USA. Nicht wie Scott Kellner in Texas allerdings, sondern in der Hauptstadt Washington, wo sie für die amerikanisch-russische Handelsmission arbeitet. In die USA kam sie, weil sie als Babysitterin für eine amerikanische Familie in Frankfurt gearbeitet hatte und die sie 1962 in die Heimat "mitnahm". Ihr "ruheloser Geist", den sie nicht zähmen konnte, habe sie über den Atlantik verschlagen, meinte die ehemalige Laubacherin jetzt im Gespräch mit dem Gießener Anzeiger.
Kontakte in die alte Heimat seines Großvaters pflegt Professor Scott Kellner seit vielen Jahren. Seit 2003 steht er auch in Verbindung mit Helge Braunroth und Helmut Palitsch, dem Sohn von August Palitsch, einem weiteren Mitbegründer der SPD nach dem Krieg.Wenn der Enkel Friedrich Kellners nun in wenigen Tagen wieder nach Laubach kommt, ist diese Reise für ihn zwar nicht die erste, aber trotzdem etwas Besonderes. "Endlich werden die Tagebücher meines Großvaters so bekannt gemacht, wie er es sich immer gewünscht hatte", meinte er kurz vor seiner Abreise: "Mein Opa hatte den Traum, dass seine Aufzeichnungen eines Tages dazu beitragen würden, dass Diktaturen wie die, unter er und so viele andere damals gelitten haben, nie wiederkehren können".

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Gießener Anzeiger, 03.09.2005:
TV-Film über Friedrich Kellner wird weltweit vermarktet

Kanadier arbeiten an Dokumentation - Drehtermine im September auch in Laubach

LAUBACH (kr). Friedrich Kellners Tagebücher werden nicht nur in Museen in Laubach und den USA Gegenstand von Ausstellungen sein. Das historisch für Experten einzigartige Werk aus den Kriegsjahren wird von einer kanadischen Fernseh-Produktionsgesellschaft auch verfilmt. Wenn Professor Scott Kellner, der Enkel des Tagebuchautors, am 18. September zur Eröffnung der vom Gießener Anzeiger und dem Heimatkundlichen Arbeitskreis gemeinsam veranstalteten Ausstellung nach Laubach kommt, wird ein Team der Gesellschaft CCI Entertainment ihm folgen. Der Produzent Arnie Zipursky hat dem Anzeiger erläutert, wie es zu dem Projekt kam. CCI Entertainment hat seinen Sitz in Toronto in der kanadischen Provinz Ontario. Der Chef des in Winnipeg/Manitoba beheimateten Medienkonzerns Can West Global Communications war durch die Aktivitäten von Scott Kellner auf den Fall aufmerksam geworden und informierte Arnie Zipursky. Der und seine Ehefrau Fern Levitt, die als Documentary Director ebenfalls für CCI arbeitet, ergriffen sofort die Chance. "Friedrich Kellner hat diese Tagebücher in dem Bemühen geschrieben, dass Völkermord nie wieder geschehen könnte, und er wollte künftige Generationen damit erziehen", sagte Zipursky dem Gießener Anzeiger.
CCI Entertainment stellt in erster Linie Kinder- und Familienprogramme her, engagiert sich aber auch für "wichtige Dokumentationen wie diese", so der Produzent. Vor dem Kellner-Projekt hat Fern Levitt unter anderem Fernsehdokumentationen über Michail Gorbatschow, Vaclav Havel und Andrej Sacharow betreut. Gemeinsam hat das Ehepaar auch einen Dokumentarfilm über Überlebende des Holocaust, die zum ersten Mal an die Orte ihres Leidens in Polen zurückkehrten, gedreht.
Die Rechte am Film "Mein Widerstand - Die Tagebücher von Friedrich Kellner" liegen zurzeit allein bei Global TV in Kanada. CCI Entertainment will die Dokumentation aber weltweit verkaufen.
Im September will das kanadische Team in Laubach nicht nur ehemalige an Stätten des Wirkens von Friedrich Kellner wie dem alten Amtsgericht drehen, sondern auch im Heimatmuseum die Ausstellung dokumentieren.
"Friedrich Kellner hat diese Tagebücher in dem Bemühen geschrieben, dass Völkermord nie wieder geschehen könnte." Arnie Zipursky, Produzent Interviews mit Ludwig Heck, dem langjährigen besten Freund Friedrich Kellners, und Helge Braunroth, der über die Rolle Kellners beim Wiederaufbau der SPD in Laubach nach den Krieg berichtet, werden ebenfalls stattfinden. Dr. Sascha Feuchert, stellvertretender Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität, die die Tagebücher als Buch veröffentlichen will, wird dem Fernsehteam die Bedeutung der Bände erläutern.
Auch in Mainz wird gefilmt. Von dort war Friedrich Kellner mit seiner Familie 1933 vor den Nazis nach Laubach geflohen. Nach Mainz kehrte er nach dem Tod seiner Ehefrau Pauline auch wieder vorübergehend zurück, ehe er schließlich die letzten Monate seines Lebens doch wieder in Laubach verbrachte. Filmaufnahmen in den USA, wo Friedrich Kellners Enkel Scott sich bemüht, das Vermächtnis seines Großvaters zu erfüllen, sind ebenfalls fest eingeplant
Leonard Asper hat Professor Scott Kellner auch gebeten, die Tagebücher seines Großvaters im Kanadischen Museum für Menschenrechte ausstellen zu dürfen. Dieses Museum befindet sich zurzeit in der Gründungsphase. 2009 soll das Museumsgebäude fertig sein. Leonard Aspers Vater Israel Asper, ein früheres kanadisches Regierungsmitglied, hat dieses Museum initiiert.
Die kanadische Regierung beteiligt sich finanziell mit bis zu 100 Millionen Dollar an dem Projekt. Die Ausstellung im Heimatmuseum wird am Sonntag, dem 18. September, um 11 Uhr eröffnet und dauert zwei Wochen.

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Gießener Anzeiger, 27.08.2005:
"Kellner-Tagebücher sind in drei Aspekten einzigartig"

JLU-Arbeitsstelle Holocaustliteratur arbeitet an Buchprojekt - Ausstellung im September

LAUBACH (kr). Bei der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität Gießen geht die Arbeit am Projekt "Kellner-Tagebücher" planmäßig voran. Der stellvertretende Leiter Dr. Sascha Feuchert berichtete, dass man voraussichtlich im November die Unterlagen vollständig beisammen haben werde, die nötig sind, um einen Zuschussantrag für das 150 000-Euro-Projekt zu stellen. Bis 2007 wird die von Prof. Dr. Erwin Leibfried geleitete Arbeitsstelle Friedrich Kellners Tagebücher aus den Jahren des Zweiten Weltkriegs als Buch veröffentlichen. Im März 2006 soll die konkrete Arbeit an dem Projekt beginnen. Am 18. September wird Dr. Sascha Feuchert bei der Eröffnung der gemeinsamen Ausstellung über die Tagebücher des Gießener Anzeigers und des Heimatkundlichen Arbeitskreises Laubach im Laubacher Heimatmuseum die Bedeutung der insgesamt zehn Bände erläutern. Zwei Mitarbeiterinnen der Arbeitsstelle sind nach Feucherts Worten derzeit damit beschäftigt, die in Sütterlinschrift verfassten Tagebücher zu transkribieren, also in "moderne" Schrift zu übertragen, um besser damit arbeiten zu können.
"Eine ist glücklicherweise ausgebildete Archivarin, die das perfekt gelernt hat und fließend beherrscht" erläuterte Feuchert die Beschäftigung mit den Notizen in einer Schrift, die vielen heute schon ein "Buch mit sieben Siegeln" ist und ihnen manche Quelle in einem Archiv unlesbar macht.
Die Arbeitsstelle wird die Tagebücher wissenschaftlich aufarbeiten, die also nicht einfach "abschreiben" und als Buch herausbringen, sondern sie in einen historischen Kontext setzen. Um die Bedeutung der damals wegen ihrer Brisanz im Geheimen zu Papier gebrachten Beobachtungen des einstigen Laubacher Justizbeamten würdigen zu können, werden einmal andere Tagebücher aus der Nazizeit herangezogen.
"Wir haben da etwa das Tagebuch einer Frau aus der Nähe von Marburg, die zur selben Zeit Tagebuch geführt hat wie Friedrich Kellner", erläutert Dr. Sascha Feuchert. Auch diese Zeitzeugin notierte immer wieder ihre Beobachtungen, klebte wie Kellner aktuelle Zeitungsartikel und andere zeitgenössische Dokumente ein. Der Unterschied: Diese Schreiberin war nicht regimekritisch, sondern eine Anhängerin des "Führers".
Friedrich Kellners Tagebücher werden an der JLU außerdem bereits gedruckten Quellen gegenübergestellt. Feuchert erwähnte in diesem Zusammenhang Heinrich Breloers Buch "Deutsche Tagebücher 1939 - 1947", das Material einer vor einigen Jahren gesendeten zehnteiligen Fernsehserie über dieses Thema enthält.

Aussagen von Zeitzeugen

Dr. Sascha Feuchert ist sich sicher, dass Friedrich Kellners Tagebücher in drei Aspekten einzigartig sind: Wegen der Stellung des Autors im damaligen System als Justizbeamter, der Einsicht in Polizei- und Gerichtsakten hatte und trotzdem dem Regime kritisch gegenüberstand; wegen der "Collagentechnik", die zwei sich widersprechende Stimmen immer wieder gegenüberstellte (Friedrich Kellners eigene Beobachtungen und Nazipropaganda aus Zeitungsausschnitten und Aussagen von "Parteigenossen") und drittens die Klarheit und Präzision nicht nur der Beobachtungen von Ereignissen, sondern auch von Vorhersagen, welche Folgen diese Ereignisse haben würden.
Die Arbeitsstelle Holocaustliteratur hat mit Friedrich Kellners Enkel Professor Scott Kellner einen Vertrag geschlossen, der ihr die Rechte an der Veröffentlichung der Tagebücher in Deutschland sichert. Scott Kellner, der auch persönlich im September zur Eröffnung der Ausstellung nach Laubach kommt, ist auch bemüht, die Tagebücher in den USA zu veröffentlichen. Einige Musen haben bereits ihr Interesse bekundet. Für die Arbeit an den Tagebüchern an der JLU werden nach Feucherts Angaben zwei halbe Planstellen eingerichtet. Recherchenreisen werden ebenfalls nötig sein. Aussagen von Zeitzeugen sollen dazu beitragen, "dass wir eine Vorstellung von der Person Friedrich Kellner bekommen", so der stellvertretende Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur. Die Ausstellung im Laubacher Heimatmuseum, die am 18. September beginnt, wird zwei Wochen dauern. Sie enthält ausgewählte Tagebuchnotizen als naturgetreue Kopien der Originale und deren "lesbare" Transkriptionen sowie andere Dokumente aus dem Leben Friedrich Kellners.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Gießener Anzeiger, 20.08.2005:
Die Einschaltung von Rudolf Heß wollte niemand riskieren

Nur ein "Führererlass" rettete Friedrich Kellner paradoxerweise wahrscheinlich vor dem KZ

LAUBACH (kr). Die Tagebücher, die Friedrich Kellner während der Kriegsjahre in Laubach heimlich schrieb, sind Gegenstand der zweiwöchigen Ausstellung, die der Gießener Anzeiger und der Heimatkundliche Arbeitskreis ab dem 18. September gemeinsam im Laubacher Heimatmuseum zeigen. Im Geheimen hat Kellner damals seine Beobachtungen aufgezeichnet, weil man ihm mit der Einlieferung in ein KZ gedroht hatte, falls er seine Opposition gegen das Regime nicht beenden würde. Auslöser für die Drohungen waren die Ereignisse der Reichspogromnacht im November 1938 in Laubach. Der Justizangestellte Friedrich Kellner versuchte zwei Tage später, zwei der Hauptbeteiligten an den Ausschreitungen gegen Juden anzuzeigen. Der Richter wollte aber nur aktiv werden, wenn Kellner die beeideten Aussagen von vier Zeugen vorweisen könne, die seine Vorwürfe bestätigten. Diese Zeugen dürften keine Juden sein. Friedrich Kellner gab auf, weil er wusste, dass er niemals Zeugen finden würde, die sich ihrerseits der Verfolgung aussetzen würden. Der Richter aber begann eine offizielle Untersuchung des Stammbaums von Friedrich Kellners Ehefrau Pauline.
Seit einiger Zeit kursierten nämlich Gerüchte, dass sie Jüdin sei. Diese Gerüchte entstanden wohl, weil sie sich um die Belange von Juden kümmerte. Auch die Tatsache, dass die Kellners ihren Sohn 1935 in die USA geschickt hatten, gab den Gerüchten Nahrung. Die Darmstädter Justiz war als vorgesetzte Dienststelle mit der Untersuchung befasst. Friedrich Kellner gelang es aber, durch umfangreiche Unterlagen über sowohl seine Vorfahren als auch die seiner Frau zu beweisen, dass die Gerüchte keine Substanz hatten. Aus Darmstadt kam klipp und klar dieser Bescheid nach Laubach: "Bedenken wegen seiner und seiner Ehefrau deutschen Abstammung sind nicht geltend zu machen".
Das blieb nicht der einzige Versuch, den Justizbeamten zum Schweigen zu bringen. Am 19. Februar 1940 wurde Friedrich Kellner vom Landgerichtspräsidenten in Gießen dazu verhört, warum er und seine Frau weder den Gliederungen der NSDAP beitraten noch bei Sammlungen der Nationalsozialisten spendeten. Es sei unmöglich, dass die Frau eines Beamten nicht wenigstens in der NS-Frauenschaft sei, bekam Kellner zu hören. Er "rechtfertigte" sich dadurch, dass er "durch dienstliche Inanspruchnahme bis zum Zerreißen in Anspruch genommen" sei. Der Gerichtspräsident warf seinem Untergebenen vor, Laubach sei "das schlechteste Amtsgericht im ganzen Bezirk".

Nur vorgeschoben

Angebliche dienstliche Unzulänglichkeiten wurden vorgeschoben. Friedrich Kellner führte daraufhin mit dem Landgerichtspräsidenten ein Vier-Augen-Gespräch, dessen Verlauf er später protokollierte. Danach verwahrte er sich gegen ungerechtfertigte Anschuldigungen und bat sich aus, der Präsident möge den Dienstweg einhalten, wenn er etwas gegen ihn habe, und ein Disziplinarverfahren einleiten.
Am 22. März 1940 wurde Friedrich Kellner ein drittes Mal "aufs Korn genommen". Der NS-Bürgermeister und der Ortsgruppenleiter der Partei bestellten ihn zu sich und warfen ihm erneut vor, sich gegen jede Kooperation zu sperren. An diesem Tag drohte der Ortsgruppenleiter Friedrich Kellner, ihn ins KZ bringen zu lassen, wenn er seine Haltung nicht ändere. Kellner vermutete nach dem Krieg, dass ihn nur eins rettete: Sein Zugang zu Gerichts- und Polizeiakten, durch den er korrupte Machenschaften der Nazigrößen hätte belegen können. Nach einem Erlass Hitlers durften Beamte nämlich nur in ein KZ eingeliefert werden, wenn der Fall zur Entscheidung dem "Stellvertreter des Führers", Rudolf Heß, vorgelegt wurde. Das hätte umfangreiche Nachforschungen in Laubach nach sich gezogen. Wie nahe er seiner Verhaftung gekommen war, erfuhr Friedrich Kellner erst nach den Krieg.
Ein Brief des Ortsgruppenleiters von 1937 enthielt diese bedrohlichen Zeilen: "Mit dem Inspektor Kellner haben wir fortgesetzte Schwierigkeiten. Indem Kellner durch seine Haltung einen schlechten Einfluss auf die übrige Bevölkerung ausübt, sind wir der Auffassung, dass Kellner aus Laubach verschwinden muss."


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Gießener Anzeiger, 13.08.2005:
Tagebücher stellen Goebbels´ Lügen bloß

Friedrich Kellners geheime Aufzeichnungen sind ein begehrtes Objekt - Ausstellungen in Laubach, Houston und Washington

LAUBACH (kr). Als Scott Kellner vor fast vier Jahrzehnten erstmals nach Laubach kam, wusste er nicht einmal, ob er dort seinen Großvater treffen würde. Dass Friedrich Kellner in der Nazizeit geheime Tagebücher geführt hatte, erfuhr er erst später. Schließlich vertraute der Großvater die Bände dem Enkel mit dem Auftrag an, sie der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Das geschah erstmals mit einer Ausstellung im texanischen College Station und wird ab dem 18. September mit der zweiwöchigen Tagebuch-Ausstellung, die der Gießener Anzeiger und der Heimatkundliche Arbeitskreis organisieren, fortgesetzt. Aber auch damit wird Professor Scott Kellner seine Bemühungen, den Auftrags seines "Opas", wie er ihn gerne nennt, zu erfüllen, noch nicht beenden. Zwei weitere Ausstellungen sind schon fest eingeplant. Weitere wird es ebenfalls geben. Das Holocaustmuseum im texanischen Houston wird im Sommer des kommenden Jahres die Tagebücher in einer eigenen Ausstellung präsentieren. Im April haben Repräsentanten des renommierten Museums Professor Kellner in dessen Heimatstadt College Station besucht und sich dort auch die Ausstellung in der George Bush Presidential Museum and Library angesehen. Beeindruckt baten sie den Enkel Friedrich Kellners um die Genehmigung, auch in Houston eine Ausstellung organisieren zu dürfen. Friedrich Kellners Enkel hat diese Genehmigung für Houston genauso wie für das Heimatmuseum Laubach, erteilt.
Die Houstoner Ausstellung wird von Juli bis September 2006 auf mehr als 150 Quadratmetern Fläche gezeigt. Eines der Hauptthemen wird dabei "Propaganda im Dritten Reich" sein. Zahlreiche Eintragungen in Friedrich Kellners Tagebüchern legen die Falschinformationen und offenen Lügen bloß, mit denen Joseph Goebbels und sein Propagandaministerium die Deutschen überzogen und auch versuchten, einen Keil zwischen die Alliierten zu treiben.
Eine Tagebucheintragung vom 22. Mai 1942 ist ein gutes Beispiel. Nach einer Rede Hermann Görings notierte Friedrich Kellner: "So nebenbei wird noch einiges über Roosevelt verzapft. Die Feder sträubt sich, das wiederzugeben. Nachdem der ,Säufer Churchill` etwas in den Hintergrund getreten ist, wird die ganze schriftstellerische Jauche über Roosevelt ausgegossen... Roosevelt ist ,ein unter aller männlichen Vorstellung stehendes feiges Subjekt`. USA wurde von Japan angegriffen und Deutschland hat im Dezember 1941 Amerika den Krieg erklärt. trotzdem ist ,das kranke Gehirn Roosevelts an diesem Krieg schuld`. Wozu dieses blöde Geschmier? Der Gegner ist nicht erschüttert worden."
Nach der Ausstellung in Houston werden die Kellner-Tagebücher auf eine zweijährige Reise durch andere nordamerikanische Museen gehen.
Henry Mayer, Chefarchivar des United States Holocaust Memorial Museums in Washington, D.C., hat Professor Scott Kellner im Mai besucht. Er hat ebenfalls die Ausstellung in College Station besichtigt und auch andere Dokumente im Besitz des Enkels, die teilweise auch in Laubach präsentiert werden, in Augenschein genommen. Mayer entschloss sich, die Tagebücher Friedrich Kellners in einer Dauerausstellung in Washington zu zeigen.
Derzeit denkt man im Museum darüber nach, wie die Tagebücher am besten in die bestehenden Ausstellungen integriert werden können, um dem Erziehungsauftrag des Museums gerecht zu werden. Das Washingtoner Museum zeigt unter anderem auch die Ausstellung "Tödliche Medizin" über Nazi-Ärzte, "Erinnert euch an die Kinder" zum Gedenken an ermordete Kinder und "Notstand Völkermord" mit dem Untertitel "Dafür, Sudan: Wer wird heute überleben?"
Eine der ersten Aufgaben würde es für das Museum in der US-Hauptstadt, falls es die Original-Tagebücher erhält, sein, die jahrzehnte alten Bände durch Entziehung der im Papier enthaltenen Säure dauerhaft zu konservieren und Kopien anzufertigen, die auch in anderen Museen gezeigt werden können. Kopien werden es auch sein, die von ausgewählten Tagebucheintragungen im Laubacher Heimatmuseum gezeigt werden.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Gießener Anzeiger, 30.07.2005:
Zum ersten Mal in Deutschland zu sehen

Gießener Anzeiger und Heimatkundlicher Arbeitskreis zeigen Friedrich Kellners Tagebücher im Laubacher Heimatmuseum

KREIS GIESSEN (kr). Friedrich Kellner hat in Laubach jahrelang Tagebuch geführt. Im Geheimen, weil es für ihn den sicheren Tod bedeutet hätte, wären die Notizen bekannt geworden. Der Sozialdemokrat brachte seine Beobachtungen während der Nazizeit zu Papier. Weil er und seine Ehefrau Pauline Kellner sich für verfolgte Juden eingesetzt hatten, wurde dem Justizangestellten mit Verhaftung und KZ gedroht. Friedrich Kellners Tagebücher wurden bisher nur in den USA öffentlich gezeigt (der Anzeiger berichtete exklusiv). Jetzt werden die historischen Dokumente zum ersten Mal auch in Deutschland der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Der Gießener Anzeiger und der Heimatkundliche Arbeitskreis Laubach präsentieren gemeinsam im Laubacher Heimatmuseum eine Ausstellung über die Tagebücher. Kellners Enkel Professor Dr. Scott Kellner kommt eigens dazu aus den USA nach Laubach. Die Ausstellung, für die ein Raum im Erdgeschoss des Museums reserviert ist, wird am Sonntag, 18. September, eröffnet und dauert zwei Wochen. Dr. Sascha Feuchert, der stellvertretende Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität Gießen, wird am Eröffnungstag die Bedeutung der Tagebücher als Zeitdokument erläutern und eine Einführung in die Ausstellung geben. Die Arbeitsstelle Holocaustliteratur hat unter Leitung von Professor Dr. Erwin Leibfried mit Scott Kellner einen Vertrag geschlossen, der ihr die Buch-Veröffentlichungsrechte an den Tagebüchern in Deutschland sichert. Bis zum Jahr 2007 soll das 150000-Euro-Projekt abgeschlossen sein.
Im texanischen College Station, der Heimatstadt von Friedrich Kellners Enkel, hat es bereits eine Ausstellung über die Tagebücher gegeben. Sie wurde gezeigt in der George Bush Presidential Library and Museum, einer Einrichtung, die vom ehemaligen US-Präsidenten geschaffen wurde. Scott Kellner ist begeistert darüber, dass das Werk seines Großvaters nun in Deutschland als Buch veröffentlicht und sogar in der Stadt, in der Friedrich Kellner viele Jahre lang lebte, in einer Ausstellung gezeigt wird: "Das ist genau das, wofür mein Opa geschrieben hat: Er wollte kommenden Generationen eine Waffe gegen jedes Wiederaufleben solch barbarischer Akte geben."
Nach Kriegsende blieb Friedrich Kellner in Laubach, war für die SPD wieder politisch aktiv und wurde unter anderem Erster Stadtrat. 1970 starb der Mann, den Sascha Feuchert als "äußerst geradlinige und aufrechte Persönlichkeit" bezeichnet. In der Ausstellung im Laubacher Heimatmuseum werden Dokumente aus dem Leben Friedrich Kellners zu sehen sein, Fotos der Familie aus den Laubacher Jahren und der Zeit davor in Mainz und natürlich ausgewählte Eintragungen aus den Tagebüchern - sowohl als Reproduktionen, die die gestochen scharfe Sütterlinschrift Kellners zeigen, als auch gedruckte Transkriptionen dieser Eintragungen.
Friedrich Kellner kam es bei seinen damals geheimen Aufzeichnungen nicht darauf an, Zeitgenossen bloßzustellen. Er verstand sein insgesamt zehnbändiges Tagebuch, das er von 1939 bis 1945 führte, als Waffe für kommende Generationen gegen eine mögliche neue Tyrannei. Auf 860 Seiten brachte er 676 datierte Eintragungen zu Papier und klebte 525 Zeitungsausschnitte ein.
Öffentlich konnte Friedrich Kellner seine Meinung damals nicht mehr kundtun. Dem Tagebuch aber vertraute Friedrich Kellner kompromisslos an, welche Gefahren er im Nazisystem sah. So schrieb er beispielsweise am 17. September 1939: "Die Demokratie mit den Füßen zu treten und einem einzigen Menschen die Gewalt über nahezu 80 Millionen Menschen zu geben, ist so furchtbar, dass man ob der Dinge, die da kommen werden, sehr wohl zittern kann. Da kann man nur tiefe Trauer in seinem Herzen empfinden über ein derartig schauderhaftes Zeitalter und über die Schafsgeduld eines ganzen Volkes".


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Gießener Anzeiger, 15.06.2005:
Vom Wissen des "Normalbürgers"

Arbeitsstelle Holocaustliteratur der JLU will Kellner-Tagebücher bis 2007 veröffentlichen

GIESSEN (V). Eines der umfangreichsten geheimen Tagebücher aus der Zeit des Nationalsozialismus wird nun von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Justus-Liebig-Universität (JLU) veröffentlicht. Das insgesamt zehn Bände umfassende Tagebuch des ehemaligen Laubacher Justizangestellten Friedrich Kellner wurde über Jahre hinweg im Verborgenen zusammengetragen. Das besondere daran ist die Collagentechnik, mit der der Autor zum Beispiel aufgeklebte Zeitungsausschnitte mit Kommentaren und Hintergrundinformationen ergänzt, heißt es in einer Pressemitteilung der JLU. "Das Tagebuch deckt auf, was man als `Normalbürger´ des Dritten Reichs von den Verbrechen, aber auch der alltäglichen Ideologisierung wissen konnte, wenn man denn wollte", erläuterte Dr. Sascha Feuchert, der stellvertretende Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur. Deshalb wäre der Autor mit Sicherheit im Konzentrationslager verschwunden, wenn das Tagebuch entdeckt worden wäre, so Feuchert weiter. Tatsächlich war Friedrich Kellner nach seinem Einsatz für verfolgte Juden in der Reichspogromnacht bereits mit dem Konzentrationslager gedroht worden.
Der Enkel Kellners, Professor Scott Kellner aus Texas, hatte eine Ausstellung der Tagebücher in der George Bush Presidential Library and Museum in College Station, Texas, organisiert.
Mitte Mai wurde dann zwischen der Arbeitsstelle Holocaustliteratur und Scott Kellner ein Vertrag geschlossen, der der Arbeitsstelle die alleinigen Rechte an der Veröffentlichung in Deutschland zusichert. Und das hat sich für den Enkel Kellners bereits gelohnt: Nach nur zwei Wochen Forschungsarbeit ist es der Arbeitsstelle gelungen, das jahrzehntelang verschollene zehnte Tagebuch des ehemaligen Laubacher Justizangestellten zu ermitteln.

Finanzierung noch unklar

In einem Gespräch mit Ludwig Heck, einem Freund Friedrich Kellners aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges, konnte aufgeklärt werden, dass sich unter einigen Unterlagen Kellners, die Heck vor langer Zeit in Verwahrung genommen hatte, auch das erste Tagebuch befand, dessen erste eigentliche Eintragung vom August 1939 datiert.
Die bisher bekannten neun anderen Tagebücher hatte Friedrich Kellner vom 1. September 1940 bis zum 17. Mai 1945 verfasst. Kellner wollte sein Tagebuch als Widerstand gegen den nationalsozialistischen Terror verstanden wissen. Bereits im September 1938 hatte Friedrich Kellner eine Notiz zu Papier gebracht, in der er begründete, warum er das Tagebuch schreiben wollte. Er sah es als Hilfe für kommende Generationen an, damit sich Zustände, wie sie damals in Deutschland herrschten, nie wiederholen könnten.
Die eigentliche Arbeit an Friedrich Kellners Tagebüchern soll im März 2006 beginnen. Erst einmal muss jedoch die Finanzierung des Projekts sichergestellt werden. Dazu soll ein Unterstützungsantrag bei einer Stiftung gestellt werden; zunächst will sich die Arbeitsstelle Holocaustliteratur an die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) wenden.

Weitere Infos im Internet:
www.holocaustliteratur.de/kellner/


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: hr-online Kultur, 15.06.2005:
Tagebücher aus der NS-Zeit

Vom Wissen des Normalbürgers

Die Tagebücher des ehemaligen Justizangestellten Friedrich Kellner aus Laubach decken auf, was Normalbürger im Dritten Reich hätten wissen können, wenn sie denn gewollt hätten. Jetzt will die Uni Gießen die zehn Bände veröffentlichen.
Bis zum Jahr 2007 ist die Herausgabe der Tagebücher geplant. Die zehn Bände des Justizangestellten Kellner aus dem oberhessischen Laubach stellen mit die der umfangreichsten geheimen Tagebücher aus der Zeit des Nationalsozialismus dar. Friedrich Kellner hat seine Informationen über Jahre hinweg im Verborgenen zusammengetragen. Das besondere an seinen Aufzeichnungen ist die Collagentechnik, mit der der Autor zum Beispiel aufgeklebte Zeitungsausschnitte mit Kommentaren und Hintergrundinformationen ergänzt, heißt es in einer Pressemitteilung der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität.
"Das Tagebuch deckt auf, was man als `Normalbürger´ des Dritten Reichs von den Verbrechen, aber auch der alltäglichen Ideologisierung wissen konnte, wenn man denn wollte", erläuterte Dr. Sascha Feuchert, der stellvertretende Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur.

Dokumentation als Kampf gegen NS-Regime

Friedrich Kellner hatte Glück. Sein geheimes Archiv wurde während des Dritten Reiches nicht entdeckt. Mit Sicherheit wäre er in ein Konzentrationslager abtransportiert worden, wenn das Tagebuch entdeckt worden wäre. Doch Kellner war dem NS-Regime bekannt: Bereits nach der "Machtergreifung" Hitlers hatte der langjährige Sozialdemokrat gegen den nationalsozialistischen Terror gekämpft. In der Reichspogromnacht 1938 setzte er sich für verfolgte Juden ein, kam dafür vor Gericht und erhielt die Warnung, "das nächste Mal kommen Sie in ein KZ".
Danach begann der Justizangestellte im mittelhessischen Laubach mit seinen zehn Bände umfassenden geheimen Aufzeichnungen. "Er sah es als Hilfe für kommende Generationen an, damit sich Zustände, wie sie damals in Deutschland herrschten, nie wiederholen könnten", berichtet Feuchert. So beschreibt Kellner umfassend den Alltag unter der NS-Herrschaft in Laubach und notiert, was ein Soldat auf Heimaturlaub berichtete: "Er hat gesehen, wie nackte Juden, die vor einem langen, tiefen Graben aufgestellt wurden, auf Befehl der Schutzstaffel von Ukrainern in den Hinterkopf geschossen wurden und in den Graben fielen. Der Graben wurde dann zugeschaufelt. Aus den Gräben drangen oft noch Schreie!"

Entdeckung des zehnten Bandes

Bisher waren neun Tagebücher bekannt, die Friedrich Kellner vom 1. September 1940 bis zum 17. Mai 1945 verfasst hatte. Zur Entdeckung des ersten, bis dahin verschollenen Bandes kam es, als die Arbeitsstelle Holocaustliteratur auf den Enkel Kellners, Professor Scott Kellner aus Texas, aufmerksam wurde. Der hatte im April 2005 eine Ausstellung der Tagebücher in der George Bush Presidential Library and Museum in College Station, Texas, organisiert.
Mitte Mai 2005 wurde dann zwischen der Arbeitsstelle Holocaustliteratur und Scott Kellner ein Vertrag geschlossen, der der Arbeitsstelle die alleinigen Rechte an der Veröffentlichung in Deutschland zusichert.
Die Gießener Wissenschaftler begannen mit der Recherche und wurden nach nur zwei Wochen fündig. Sie konnten Ludwig Heck, einem Freund Friedrich Kellners aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges, ausmachen. Dem hatte Kellner vor langer Zeit Unterlagen anvertraut, darunter auch das vermisste erste Tagebuch, dessen erste Eintragung vom August 1939 datiert.

>b>Publikationsbeginn im März 2006

Die Arbeit der Gießener Wissenschaftler an Kellners Tagebüchern soll im März 2006 beginnen, wenn bis dahin die Finanzierung des Projektes sichergestellt ist. Dazu sei ein Unterstützungsantrag bei einer Stiftung geplant, sagte Feuchert.


Links im WWW

Arbeitsstelle Holocaust-Literatur:
http://www.holocaustliteratur.de/

Bush Library: mehr zur Ausstellung in Texas (engl.):
http://bushlibrary.tamu.edu/pastexhibits/kellner.php

Website von Enkel Scott Kellner (engl.):
http://www.geocities.com/chippen0/


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Gießener Allgemeine Zeitung, 11.06.2005:
"Geist des Großvaters auf jeder Seite spürbar"

Friedrich Kellners erstes Tagebuch entdeckt – "Arbeitsstelle Holocaustliteratur" erlangt Rechte – Enkel besucht Laubach

Laubach (meg). Dass Tagebücher Geheimnisse in sich tragen, liegt in der Natur der Sache, dass ihr Verfasser im Falle einer Offenbarung der Geheimnisse politische Verfolgung fürchten muss, lag im Fall des Laubacher Nazi-Gegners Friedrich Kellner (die AZ berichtete) in der menschenverachtenden Ideologie der nationalsozialistischen Machthaber begründet. Rund 60 Jahre später veröffentlicht die "Arbeitsstelle Holocaustliteratur" an der Justus-Liebig-Universität Gießen unter Leitung von Dr. Sascha Feuchert nun die bis dato geheimen Tagebücher des ehemaligen Laubacher Justizangestellten. "Ich möchte sie beinahe als Chronik bezeichnen, da Kellners Tagebücher einen tiefen Einblick in den nationalsozialistischen Alltag gewähren", antwortete Feuchert auf die Frage nach deren Besonderheit.
Die "Arbeitsstelle Holocaustliteratur" arbeitet seit den späten 90ern entsprechende Literatur auf. Das Publikumsinteresse habe sich erst in den letzten Jahren immens gesteigert, so der Literaturwissenschaftler.
Dr. Robert Scott Kellner, der Enkel Friedrich Kellners, hat sicher Gründe gehabt, das Tagebuch des Großvaters, das der ihm kurz vor seinem Tod 1970 übergeben hatte, so lange unter Verschluss zu halten. Im Frühjahr ließ er die Öffentlichkeit erstmals an den "Geheimnissen" seines Urahnen teilhaben und stellte das Tagebuch in der "George Bush Presidential Library" in Texas aus.
Scott Kellner antwortete nun der AZ per E-Mail auf Fragen nach seinem Großvater: "Er war ein mutiger, unerschrockener und moralischer Mensch, der die im Dritten Reich begangenen Verbrechen aufdeckte, sei es auch, dass er dabei sein eigenes Leben aufs Spiel setzte", schreibt Scott. Und behauptet auch: "Obgleich mein Großvater Sozialdemokrat war, würde er dem republikanischen Präsidenten der USA dafür Beifall klatschen, dass er sich und sein Land dem Terrorismus der Gegenwart entgegenstellt."
Wie sich Dr. Feuchert erinnert, ist er durch einen "Spiegel"-Artikel über die Kellner-Tagebücher im Frühjahr auf das Thema aufmerksam geworden. Die Entdeckung der Tagebücher dürfte sicher ein kleinen Meilenstein für die Forschungsarbeit der 1998 durch Prof. Leibfried und Feuchert unter Mithilfe der Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung gegründeten "Arbeitsstelle Holocaustliteratur". Im Rahmen der literaturwissenschaftlichen und –didaktischen Arbeit erachtet man die Erforschung von Texten Überlebender als besonders wertvoll.
Für Friedrich Kellner agiert heute dessen Enkel Robert Scott. "Nachdem ich den Spiegel-Bericht gelesen hatte, kontaktierte ich ihn", berichtete Feuchert. "Klar, dass sich außer uns auch andere Interessenten bei ihm gemeldet hatten, um die Exklusivrechte an den Tagebüchern zu erlangen." Letztlich hat Keller jedoch Ende Mai mit den Gießenern den über 32 Monate laufenden Vertrag geschlossen, der der "Arbeitsstelle" die alleinigen Rechte an der Publikation in Deutschland sichert. Beweggrund sei u.a. die Einzigartigkeit der Forschungseinrichtung, so Feuchert.

1000 Seiten über Laubach zur Nazi-Zeit

Endziel des im Frühjahr 2006 beginnenden "Editionsprojekts" ist eine kommentierte und didaktisch aufbereitete Sammlung der "Hinterlassenschaft" Friedrich Kellners: 1000 Seiten über das Leben in Laubach während des Nationalsozialismus. Über den lokalhistorischen Bezug hinaus empfindet der Laubacher Dr. Feuchert die Beschäftigung mit den Tagebüchern – sie liegen ihm bisher in Form von Kopien vor; eine Studie der Originalschriften schließt sich an – in mehrfacher Hinsicht als höchst interessant: Die Frage, ob es ein "Motto" für das Editionsprojekt gäbe, beantwortet er mit dem "Schreibenden Widerstand". Mit diesem Kellner-Zitat hat er die Intention des Tagebuchautors treffend beschrieben: Wie es in einer Pressemitteilung der Professur heißt, decke das Tagebuch auf, was der "Normalbürger" des Dritten Reichs von den Verbrechen, aber auch von der Ideologisierung wissen konnte, wenn er denn wollte.

Dr. Sascha Feuchert: "Friedrich Kellner wollte aufzeichnen, wie das Volk sich belügen lässt"

Dr. Feuchert verleiht dieser Formulierung Nachdruck: "Kellner wollte aufzeichnen, wie das Volk sich belügen lässt." Er sei kein Widerstandskämpfer gewesen, der sich durch plakative Aktionen Gehör verschaffen wollte. Kellners Aufzeichnungen beschreiben durchaus ein kleines "Mahnmal", können warnende Signalwirkung für die Folgegenerationen entfalten. Die Tagebücher seien auch in stilistischer Hinsicht von unschätzbaren Wert, betont wiederum Feuchert. Auch habe Kellner zeitgenössische Zeitungsausschnitte in seine Bücher geklebt, mit Kommentaren, persönlichen Anmerkungen ersehen. Diese "intertextuellen Beziehungen" zwischen Objektivberichten und subjektiven Darstellungen baue eine beinahe fesselnde Spannung für den Leser auf. Scott übersandte etwa eine Tagebuchseite, auf der sein Großvater einen Zeitungsartikel mit dem Titel "Sieg um jeden Preis" eingefügt hatte. Kellners Unterstreichungen mit Kuli sind hierauf noch deutlich erkennbar.
Die bemerkenswerte Manier, mit der Kellner Tagebuch führte, findet einen stilistischen und inhaltlichen Höhepunkt im allerersten – bislang verschollen geglaubten – Tagebuch. Feuchert hatte es 14 Tage nach Beginn der Recherche mit seiner "Task Force" in Villingen ausfindig gemacht. Die bis dato bekannten neun anderen Tagebücher hat Kellner vom 1. September 1940 bis 17. Mai 1945 verfasst. Der Fund des ersten Tagebuchs dürfte sicher eine Bereicherung für die künftige Beschäftigung mit Kellner sein: "Ludwig Heck, ein Freund Friedrich Kellners, lebt in Villingen und hat das erste Tagebuch vor langer Zeit in Verwahrung genommen. Für Heck war Kellner ein väterlicher Freund", so der Projektleiter. Wen wundert, dass das persönlichste Tagebuch Kellners in Hecks vertrauenswürdige Hände geriet.

Das persönlichste der Tagebücher ist es deshalb, weil Kellner in einem Vorwort erklärte, warum er schreibt, was er schreibt und wie er seine Schriften gestaltet. "Hier hören wir noch einmal Friedrich Kellners Stimme", sagt Dr. Feuchert. Im ersten Buch gäbe es noch keine Collagen, statt dessen eben diese sehr subjektiven Berichte. Am Mittwoch hat Scott Kellner besagtes erstes Tagebuch erhalten. "Ich habe es jetzt bei mir zuhause in Texas", schrieb er der AZ. Er habe sich sogleich daran gemacht, es zu übersetzen. Es sei ihm eine besondere Freude, fuhr er fort, das verschollen geglaubte Buch seines Großvaters zu lesen.
"Für uns ist dieses erste Buch ein Schlüssel, der uns die Tür zu den nächsten Schriften öffnet und Einblick gewährt, nicht nur in das Leben im ‚Laubach des Dritten Reichs’, sondern auch in die Person Friedrich Kellners", sagt Dr. Feuchert. "Nach den bisherigen Recherchen könne er Kellner als sehr klugen und bedächtigen Mann charakterisieren." Sein Lebensradius sei denkbar eingeschränkt gewesen. Bereits 1940 habe die NSDAP-Ortsgruppe Laubach und der Bürgermeister einen Antrag auf Einweisung Kellners in ein KZ gestellt. Begründung: er gebe der Bevölkerung "antinationalsozialistische Impulse".

Gutachten als Rettung: " Kellner zwar kein Nationalsozialist, aber ein Patriot"

Kellners "Rettung" sei ein Gutachten gewesen, das ihn nicht als Nationalsozialist, aber als Patriot beurteilte. "Und der war er", betont Dr. Feuchert. Dem Lager war Kellner entkommen, doch seine nationaldemokratische Gesinnung machte ihm das alltägliche Leben beschwerlich. 1944 unterblieb eine Regelbeförderung des Justizbeamten. Man holte sie nach Kriegsende – Kellner befand sich bereits im Ruhestand – nach. Sein "Wiedergutmachungsantrag" dürfte nicht unwesentlich dazu beigetragen haben.
In seinem Tagebuch habe Kellner Franklin Roosevelt dafür getadelt, dass dieser so spät gegen die "Nazis" eingeschritten sei, schreibt Enkel Scott. Die "Umfeldrecherche" Dr. Feucherts und der "Task Force" hat freilich gerade erst begonnen. Man erachtet es als elementar, ein möglichst dichtes Bild von der Persönlichkeit Kellners nachzuzeichnen. Selbstverständlich geschieht dies in enger Korrespondenz mit Scott Kellner.
Finanzielle Hilfe erhofft sich die Arbeitsstelle insbesondere durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Ein erstes persönliches Kennenlernen mit Kellners Enkel ist für September geplant. Er wird in Begleitung eines kanadischen Fernsehteams nach Gießen und Laubach reisen.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Gießener Magazin Express, 10.06.-16.06.2005:
Geheime Tagebücher

Eines der umfangreichsten geheimen Tagebücher aus der Zeit des Nationalsozialismus wird von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der JLU veröffentlicht.
Das zehn Bände umfassende Tagebuch des ehemaligen Laubacher Justizangestellten Friedrich Kellner wurde über Jahre hinweg im Verborgenen zusammengetragen. Das besondere daran ist die Collagentechnik, mit der der Autor etwa aufgeklebte Zeitungsausschnitte mit Kommentaren und Hintergrundinformationen ergänzt. "Das Tagebuch deckt auf, was man als 'Normalbürger' des Dritten Reichs von den Verbrechen, aber auch der alltäglichen Ideologisierung wissen konnte, wenn man denn wollte", sagt Sascha Feuchert, stellvertretender Leiter der Arbeitsstelle. Deshalb wäre der Autor mit Sicherheit im Konzentrationslager verschwunden, wenn das Tagebuch entdeckt worden wäre, so Feuchert. Tatsächlich war Friedrich Kellner nach seinem Einsatz für verfolgte Juden in der Reichspogromnacht bereits mit dem Konzentrationslager gedroht worden.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Frankfurter Rundschau, 10.06.2005:
Zeuge aus NS-Zeit berichtet

Uni Gießen will geheimes Tagebuch aus Laubach veröffentlichen
Die Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Gießener Universität will bis 2007 eines der umfangreichsten geheimen Tagebücher aus der NS-Zeit veröffentlichen.

Giessen · 9. Juni · kro · "Das Tagebuch des ehemaligen Justizangestellten Friedrich Kellner deckt auf, was man als ,Normalbürger' des Dritten Reichs von den Verbrechen, aber auch der alltäglichen Ideologisierung wissen konnte, wenn man denn wollte", sagt Sascha Feuchert, stellvertretender Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur. "Deshalb wäre der Autor mit Sicherheit im Konzentrationslager verschwunden, wenn das Tagebuch entdeckt worden wäre."
Auch nach der "Machtergreifung" Hitlers hatte der langjährige Sozialdemokrat Kellner gegen den Terror des NS-Regimes gekämpft. In der Reichspogromnacht 1938 setzte er sich für verfolgte Juden ein, kam dafür vor Gericht und erhielt die Warnung, "das nächste Mal kommen Sie in ein KZ".
Danach begann der Justizangestellte im mittelhessischen Laubach mit seinen zehn Bände umfassenden geheimen Aufzeichnungen. "Er sah es als Hilfe für kommende Generationen an, damit sich Zustände, wie sie damals in Deutschland herrschten, nie wiederholen könnten", berichtet Feuchert. So beschreibt Kellner umfassend den Alltag unter der NS-Herrschaft in Laubach und notiert, was ein Soldat auf Heimaturlaub berichtete: "Er hat gesehen, wie nackte Juden, die vor einem langen, tiefen Graben aufgestellt wurden, auf Befehl der Schutzstaffel von Ukrainern in den Hinterkopf geschossen wurden und in den Graben fielen. Der Graben wurde dann zugeschaufelt. Aus den Gräben drangen oft noch Schreie!"
Die Arbeit der Gießener Wissenschaftler an Kellners Tagebüchern soll im März 2006 beginnen. Zunächst müsse noch die Finanzierung des Projekts sichergestellt werden, sagte Feuchert. Dazu sei ein Unterstützungsantrag bei einer Stiftung geplant.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Gießener Anzeiger, 04.06.2005:
Notizen eines "Predigers in der Wüste"

Professor Scott Kellner hat seit wenigen Tagen das erste Original-Tagebuch seines Großvaters in Händen und wertet es aus

LAUBACH (kr). Professor Scott Kellner ist fasziniert. Vor wenigen Tagen hat ein Fed-Ex-Wagen ihm ein Päcken aus Gießen gebracht. Abgeschickt von Dr. Sascha Feuchert von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität. Der Inhalt: Der jahrzehntelang verschollene erste Band des Tagebuchs seines Großvaters Friedrich Kellner. Der war in Laubach Justizangestellter. In der Nazizeit und danach. Seine Aufzeichnungen musste er im Geheimen machen, weil man ihm für seine Opposition zum Regime mit der Einlieferung ins KZ gedroht hatte. Die Gießener Forscher um Professor Erwin Leibfried werden Friedrich Kellners Tagebücher als Buch veröffentlichen (der Anzeiger berichtete).
Der Enkel Scott Kellner verbringt derzeit fast jede freie Minute damit, die in Sütterlinschrift gemachten Aufzeichnungen seines Großvaters zu entziffern und ins Englische zu übersetzen. Für den Gießener Anzeiger hat er einige markante Zitate ausgewählt.
Das "Vorwort" zu seinem Tagebuch schrieb Friedrich Kellner am 30. August 1939. Einen Tag später begann der zweite Weltkrieg. Der letzte Absatz dieser ersten Tagebuchnotiz lautet wie folgt: "Als Prediger in der Wüste sah ich mich veranlaßt, die Gedanken niederzulegen, die mich in der nervenzerrüttenden Zeit beherrschten um dann später - sofern das noch möglich ist - meinen Nachkommen ein Bild der wahren Wirklichkeit zu übermitteln." Am 2. Oktober 1939 versuchte Friedrich Kellner noch, seine Arbeitskollegen bei der Laubacher Justiz und seine Nachbarn davon zu überzeugen, dass Adolf Hitlers Eroberungen Wahnsinn waren. Friedrich Kellner schrieb: "Einige Einwände meinerseits prallen erfolglos ab. Ich beginne einzusehen, daß es keinen Wert mehr hat, überhaupt mit seinen Mitmenschen über militärische Dinge zu sprechen. Der Erfolg in Polen hat die Mehrheit des Volkes verwirrt, mindestens ihre Verstandestätigkeit stark beeinträchtigt."
Zehn Tage später brachte Friedrich Kellner diese prophetischen Zeilen in seiner gestochen scharfen Schrift zu Papier: "Die Feigheit feiert Triumphe. Aus Menschen sind Würmer geworden. Ich bin nahe daran, jede Hoffnung auf eine Änderung sinken zu lassen. Dann sage ich mir wieder, ich kann es mir nicht vorstellen, daß bei der Wehrmacht nicht wenigstens einige Männer zu finden sind, die der Tyrannei ein Ende bereiten. Gut Ding will allerdings Weile haben."
Der erste Band des Tagebuchs, das hat Scott Kellner gleich zu Beginn seiner Arbeit festgestellt, umfasst 101 Eintragungen. Zeitungsausschnitte sind in diesem Band, in Gegensatz zu den anderen neun Bänden, nicht enthalten. Insgesamt hat Professor Scott Kellner in seinem Archiv im texanischen College Station nun 860 Tagebuchseiten seines Großvaters. Sie enthalten 676 Eintragungen und 523 Zeitungsausschnitte aus jenen Jahren. Die zehn Bände des Tagebuchs umfassen nun insgesamt den Zeitraum vom 13. September 1939 (die "Einleitung" nicht gerechnet) bis zum 17. Mai 1945, zwei Monate nach dem Einmarsch der US-Streitkräfte in Laubach und wenige Tage nach dem "offiziellen" Kriegsende in Europa.
Auch die Auswirkungen des britischen Bombenangriffs auf Gießen hat Friedrich Kellner damals notiert. Am 10. Dezember 1944 schrieb er diese Zeilen: "In der Nacht vom Mittwoch (6. Dez.) auf Donnerstag (7. Dez.) sind die männlichen Bewohner von Laubach alarmiert worden, um an den Aufräumungsarbeiten in Gießen teilzunehmen. Der Alarm wurde nur von einem Teil gehört. Am Mittwoch Abend zwischen 9 und 10 Uhr fand ein Angriff englischer Flieger auf Gießen statt. Von Ruppertsburg aus sahen wir die Angriffszeichen (im Volksmunde ,Christbäume` genannt) und den hell erleuchteten Raum von Gießen. Es war zu erkennen, daß in der Hauptsache Brandbomben geworfen wurden. Die Brände waren weithin sichtbar. Noch morgens habe ich vom Bahnhofe Hungen aus den Flammenschein gesehen. Schon lange wurde ein Angriff auf Gießen erwartet, da es sich um einen wichtigen Bahnknotenpunkt handelt. Der Gegner hat dem Anscheine nach keine Eile. Die Strecke der Main-Weser-Bahn ist äußerst wichtig. Erst in den letzten Wochen hat der Gegner begonnen, sich um diese Bahnstrecke zu kümmern. Jagdbomber hatten allerdings schon seit einiger Zeit das Gebiet Oberhessens mit wenig Erfolg angegriffen."
Professor Scott Kellner kann es kaum erwarten, dass die Aufzeichnungen seines Großvaters als Buch in Deutschland erscheinen. Das wird für ihn einen Traum erfüllen: "Es ist genau das, was mein Opa gewollt hätte", ist er sich sicher.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Gießener Anzeiger, 28.05.2005:
Verschollenes Kellner-Tagebuch entdeckt

Ludwig Heck hatte es in Villingen in Verwahrung - Übergabe an Forscher der JLU-Arbeitsstelle Holocaustliteratur

LAUBACH (kr). Für Professor Scott Kellner "wäre die Geschichte einer solchen Entdeckung hier in Amerika einen Pulitzer-Preis wert". Mitarbeiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Gießener Justus-Liebig-Universität können nach nur zwei Wochen Forschungsarbeit ein Ergebnis vorweisen, mit dem der Enkel von Friedrich Kellner nicht gerechnet hätte. Dr. Sascha Feuchert, Andreas Pfeifer und Nikola Medenwald haben das jahrzehntelang verschollene zehnte Tagebuch des ehemaligen Laubacher Justizangestellten entdeckt. Ludwig Heck, ein Freund Friedrich Kellners aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges, hat es ihnen übergeben. In zeitlicher Abfolge ist es das erste Tagebuch, das Kellner damals schrieb. Nach seinem Einsatz für verfolgte Juden in der Reichspogromnacht tat er das im Geheimen, weil die Nazis ihm mit dem Konzentrationslager gedroht hatten.
Feuchert ist der stellvertretende Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur, Pfeifer und Medenwald gehören als studentische Hilfskräfte ebenfalls zur "Task Force Kellner", die in der von Professor Erwin Leibfried geleiteten Arbeitsstelle gebildet wurde, nachdem man mit Scott Kellner einen Vertrag über die Exklusivrechte der Veröffentlichung der Tagebücher geschlossen hatte (der Gießener Anzeiger berichtete). Scott Kellner hatte in Texas bereits eine Ausstellung der Tagebücher in der George Bush Presidential Library and Museum in College Station organisiert.
Sascha Feuchert hatte Kontakt zu dem in Villingen lebenden Ludwig Heck aufgenommen. Der hatte das Tagebuch, dessen erste eigentliche Eintragung vom August 1939 datiert, vor langer Zeit in Verwahrung genommen. Jetzt überreichte er es den Gießener Forschern, die es im Rahmen ihres Buchprojekts wie die anderen Bände auswerten und dann an Scott Kellner weitergeben werden. Die bisher bekannten neun anderen Tagebücher hatte Friedrich Kellner vom 1. September 1940 bis zum 17. Mai 1945 verfasst. "Dies ist mein Widerstand, meine Zurückweisung von Gesetzlosigkeit und Terrorismus" - unter dieses Motto hatte der Justizangestellte seine geheimen Aufzeichnungen gestellt. Bereits im September 1938 hatte Friedrich Kellner eine Notiz zu Papier gebracht, in der er begründete, warum er das Tagebuch schreiben wollte. Er sah es als Hilfe für kommende Generationen an, damit Zustände, wie sie damals in Deutschland herrschten, sich nie wiederholen könnten. Das gerade erst entdeckte Tagebuch wird von Mitarbeitern der Arbeitsstelle Holocaustliteratur erst einmal kopiert, um mit den Ablichtungen arbeiten zu können, und dann komplett eingescannt.
Professor Scott Kellner bezeichnete die Entdeckung als "wahre Freude". Er hatte geglaubt, der Band sei vor langer Zeit vernichtet worden. "Ich habe Gänsehaut bekommen, als ich das erfahren habe", meinte Scott Kellner. Er berichtete, dass sein Großvater mit seiner Frau Pauline eine Reise in die Niederlande absagen mussten, weil der Zweite Weltkrieg vor der Tür stand. Eine Broschüre mit dem Titel "Zu Schiff nach Holland" hatten sie sich schon besorgt. Auch die Fahrkarten hatte Friedrich Kellner bereits gekauft. Eine Rückerstattung bekam das Ehepaar nach Kriegsbeginn nicht. Am 1. September 1940, ein Jahr nach dem Beginn des Krieges, hatte Friedrich Kellner in Band 2 seines Tagebuchs die Kriegslage skeptisch beurteilt.
Die deutsche Luftwaffe bombardierte damals England und sollte so eine Invasion des Landes vorbereiten. "Unsere Flieger legen nach den Meldungen alles in Schutt und Asche. Der Gegner trifft nur freies Feld, Friedhöfe oder Krankenhäuser", notierte Kellner. Er sah genau voraus, was geschehen würde: "Die Luftwaffe kann auf diese Weise erhebliche Zerstörungen verursachen. Ob sie aber einen Krieg entscheiden wird, insbesondere den gegen England, das wäre noch zu beweisen." Der jetzt entdeckte erste Band enthält mehr persönliche Bemerkungen Friedrich Kellners als seine übrigen Tagebücher.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Frankfurter Rundschau, 28.05.2005:
Die Kraft des Aufbegehrens im Hörspiel

Lilli Schwethelm und Georg Crostewitz vertonen Gedichte und Texte der Holocaust-Überlebenden Hilda Stern-Cohen

Mit erschütternden Metaphern spiegelt Hilda Stern Cohen in ihren Gedichten und Texten den erlebten Schrecken des Holocausts wieder. Lilli Schwethelm und Georg Crostewitz haben die Aufzeichnungen der jüdischen Frau aus dem Vogelsberg in ein Hörbuch umgesetzt.

Ortenberg 27. Mai · bsc · Eine junge Frau kann 1946 das Leben in einem Displaced-Persons-Camp in Österreich nur ertragen, wenn sie schreibt. Quälend sind ihre Erinnerungen - an das Ghetto in Lodz, an das Vernichtungslager Auschwitz, dem sie entkommen konnte. "Genagelt ist meine Zunge an eine Sprache, die sie verflucht" - in ihren Texten gewinnt sie Abstand, einen Hauch Befreiung. Die sieben Schulhefte mit ihren Gedichten, ihrer Prosa nimmt sie mit in die USA, wo ihr ein neuer Anfang gelingt.
Jetzt sind Hilda Stern Cohens Hefte wieder in ihre Heimat zurückgekommen. In Nieder-Ohmen im Vogelsberg wurde sie 1924 als Tochter einer jüdischen Bauern- und Kaufmannsfamilie geboren, erlebte die Nachbarschaft eines Dorfes, aber auch den heraufziehenden Nationalsozialismus. Erinnerungen an die wachsende Ausgrenzung hat sie in Prosaskizzen in ihren Heften festgehalten. Erst 1997 nach ihrem Tod fand der Ehemann Hildas Niederschrift und gab sie an das Goethe-Institut Washington weiter. Die Texte gelangten an die Arbeitsstelle Holocaust-Literatur der Universität Gießen, die sie gemeinsam mit der Licher Ernst Ludwig Chambré-Stiftung in der Publikationsreihe Memento herausgab. Auf die große Resonanz hin entschloss man sich, ein Hörbuch zu machen.
Den Künstlern Lilli Schwethelm und Georg Crostewitz (Ortenberg), die man damit betraute, ließ man bei Textwahl und musikalischer Gestaltung freie Hand. Dabei spielten gute Vorerfahrungen mit: die Schauspielerin Lilli Schwethelm hat Gedichte der ermordeten und (fast) vergessenen jüdischen Lyrikerin Gertrud Kolmar in einem Rezitationsprogramm suggestiv dargestellt, hat Texte von Elie Wiesel, Abschnitte aus Lilli Jahns Biografie "Mein verwundetes Herz" vorgetragen. Ihr Ehemann Georg Crostewitz ist Gitarrist, Komponist und Jazzmusiker. Die beiden entdeckten in Hilda Stern Cohens Werk mehr als einen erschütternden Zeitzeugenbericht - sie bewunderten die Ausdruckskraft der jungen Frau, die radikalen Sprachbilder, in die sie die Schrecken ihrer Vergangenheit fasste. Lilli Schwethelm spricht verhalten, aber sie zeigt die Kraft des Aufbegehrens, die in der jungen Häftlingsfrau steckt - beim Tod des Freundes im elenden Ghetto von Lodz, beim Appell, wo der Tod jeden treffen kann, im stickigen Viehwaggon, der Richtung Auschwitz rattert.
Dazwischen steht die Gitarrenmusik von Crostewitz - eine Atempause für die Hörer und doch zugleich ein Spiegel der Szenen: trauernd, mit geheimer Dissonanz am Totenbett des Freundes, unruhig, getrieben im Zug nach Auschwitz. Aber: Sie stellt auch bloß - ironische Triller zeigen die Unfähigkeit einer "gutbürgerlichen" Nachkriegsfamilie, sich mit der jungen Frau aus dem Lager zu verständigen.
Das Hörbuch "Genagelt ist meine Zunge" mit Texten von Hilda Stern Cohen hat die ISBN-Nummer 3-00-010499-2, kostet 12 Euro und ist bei der Arbeitsstelle Holocaustliteratur, Otto -Behaghel-Str. 10B/1 oder übers Internet, www.holocaustliteratur.de/hilda, erhältlich.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Gießener Anzeiger, 27.05.2005:
Friedrich Kellners Tagebücher werden bis 2007 veröffentlicht

Arbeitsstelle Holocaustliteratur hat Vertrag mit seinem Enkel Scott Kellner geschlossen

LAUBACH (kr). "Es ist eins der umfangreichsten Tagebücher aus jener Zeit, und noch dazu ein Tagebuch mit solchem Inhalt. Wenn es damals entdeckt worden wäre, wäre der Autor mit Sicherheit im Konzentrationslager verschwunden." Dr. Sascha Feuchert ist sicher, dass das Tagebuch des einstigen Laubacher Justizangestellten Friedrich Kellner (der Gießener Anzeiger berichtete) ein einzigartiges Werk ist. Kellner hatte im Geheimen über Jahre hinweg Beobachtungen über den Nationalsozialismus zusammengetragen. Feuchert ist der stellvertretende Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität Gießen. "Wir haben uns entschlossen, mit Kellners Enkel Professor Scott Kellner einen Vertrag zu schließen, nach dem wir die alleinigen Rechte an der Veröffentlichung des gesamten Konvoluts haben", erklärte Feuchert auf Anfrage gegenüber dem Gießener Anzeiger. Bis zum Jahr 2007 soll die Arbeit an den Tagebüchern, ein 150 000-Euro-Projekt, dauern.
Scott Kellner ist begeistert darüber, dass das Werk seines Großvaters nun in Deutschland veröffentlicht wird: "Das ist genau das, wofür mein Opa geschrieben hat: Er wollte kommenden Generationen eine Waffe gegen jedes Wiederaufleben solcher barbarischen Akte geben."
Die Arbeitsstelle Holocaustliteratur arbeitet unter Leitung von Professor Dr. Erwin Leibfried gemeinsam mit polnischen Wissenschaftlern derzeit an der vollständigen Edition der Lodzer Getto-Chronik. In Zusammenarbeit mit der Ernst-Ludwig Chambré-Stiftung zu Lich haben die Gießener die Edition der "Reportagen" von Dr. Oskar Singer abgeschlossen und jeweils eine deutsche und polnische Ausgabe fertiggestellt. In seinen Texten berichtet Singer über das "Leben" im Getto Lodz. Sascha Feuchert rechnet damit, dass die "eigentliche Kärrnerarbeit" an Friedrich Kellners Tagebüchern im März 2006 beginnen kann. Bis dahin soll das Projekt Getto-Chronik abgeschlossen sein. Bereits jetzt aber haben die Wissenschaftler des Fachbereichs Germanistik der JLU aber rund die Hälfte von Friedrich Kellners Tagebüchern in Kopie vorliegen. Dies retlichen Kopien wird Scott Kellner, der in Texas lebt, ihnen zukommen lassen. "Für den Anfang reicht das. Aber wir werden natürlich auch mit den Originalen arbeiten müssen", verdeutlichte Feuchert. Die Tagebücher Kellners werden im Lauf des Projekts auch digitalisiert, um auf dieser Grundlage mit ihnen arbeiten zu können. Dr. Sascha Feuchert ist sicher, dass am Ende ein umfangreiches Buch das Ergebnis sein wird.
Die veranschlagten Kosten der Kellner-Edition kommen vor allem durch Personalausgaben zustande. Dr. Sascha Feuchert dazu: "Mit Eigenmitteln könnten wir das gar nicht finanzieren. Wir werden, wie bei solchen Vorhaben üblich, einen Unterstützungsantrag bei einer Stiftung stellen." Zunächst will die Arbeitsstelle Holocaustliteratur sich an die deutsche Forschungsgemeinschaft wenden. Sie unterstützt bereits die Edition der Getto-Chronik. Die Herausgabe von Singers "Reportagen" wurde von der Ruhrkohle AG finanziert.
Der Vertrag zwischen der JLU und Scott Kellner wurde auf 32 Monate geschlossen. Bis Ende 2007 soll die Arbeit an dem Projekt beendet sein. Sascha Feuchert rechnet damit, dass für die Arbeit an den Tagebüchern zwei halbe Planstellen eingerichtet werden. Recherchereisen werden nach seinen Worten ebenfalls nötig sein, um das Projekt Kellner-Tagebücher verwirklichen zu können.
In der ersten Phase, die nun beginnt, werden die Germanisten "Impuls-Interviews" mit Zeitzeugen machen. "Das ist ein Verfahren, das wir in Gießen in unserem relativ jungen Team entwickelt haben", erläuterte Feuchert.
"Aussagen von Zeitzeugen sollen mit dazu beitragen, dass wir eine Vorstellung von der Person Friedrich Kellner bekommen", so Feuchert. Nicht nur die klaren kompromisslosen Formulierungen der Tagebücher, sondern auch die "gestochen scharfe Sütterlinschrift, die uns die Transkription sehr leicht macht", ist für Feuchert ein Hinweis darauf, "dass Friedrich Kellner eine äußerst geradlinige und aufrechte Persönlichkeit hatte".


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Gießener Anzeiger, 24.05.2005:
Der erschütternde Lebensweg von vier jüdischen Jungen

Ausstellung "Mannheim - Izieu - Auschwitz" bis zum 10. Juni in der Fachbibliothek Germanistik der JLU zu sehen - Verraten, deportiert, ermordet

GIESSEN (nh). "Lasst Euch doch mindestens reizen ... sagt nicht ... ihr hättet ja schon die Photographien mit den Leichenhaufen ausgestanden und euer Pensum an Mitschuld und Mitleid absolviert. Werdet streitsüchtig, sucht die Auseinandersetzung." Mit diesen Worten Ruth Klügers endete Kadiriye Güven ihre Eröffnungsrede zur Ausstellung "Mannheim - Izieu - Auschwitz", die in der Fachbibliothek Germanistik der Justus-Liebig-Universität zu sehen ist. Darin werden die kurzen Lebenswege von vier Mannheimer Jungen beschrieben, die als Juden zunächst im französisch-jüdischen Kinderheim von Izieu Zuflucht fanden, bis dieses verraten wurde und sie mit den anderen Kindern und Betreuern nach Auschwitz deportiert und ermordet wurden.
Die Ausstellung in französischer und deutscher Sprache ist eine Leihgabe der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg und wurde auf Initiative der Gedenkstätte Maison d'Izieu von Oberstufenschüler/innen aus Mannheim und Lyon erarbeitet. Bei ihrer Eröffnung im Januar 2004 in Berlin durch die frühere Präsidentin des europäischen Parlaments und Auschwitz-Überlebende Simon Veil und Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse war auch die Gießener Studentin Kadiriye Güven anwesend und so beeindruckt, dass sie beschloss, die Ausstellung an die JLU zu holen. Gemeinsam mit Bibliotheksleiterin Dorette Ahlbrecht, die in den vergangenen Jahren schon mehrere Ausstellungen erfolgreich in den Räumen der Germanistikbibliothek organisiert hat, und unter Mithilfe der Fachschaft Germanistik und der Arbeitsstelle Holocaustliteratur hat sie es verwirklicht.

Gelungener Auftakt

"Für uns Studierende und als Fachschaft stand es nie zur Debatte, dass man an den 8. Mai erinnern sollte und gedenken muss. Und diese Ausstellung erschien uns ein guter Anlass, um sich dem Thema zu nähern," sagt Güven und zitiert William Faulkner: "Das Vergangene ist nie tot, es ist nicht einmal vergangen." Dem Konzept früherer Ausstellungen treu bleibend, folgten den Ansprachen von DoretteAhlbrecht, Kadiriye Güven und Dr. Sascha Feuchert von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur mehrere parallele Lesungen durch Studierende in den verschiedenen Räumen der Bibliothek. Allerdings verband die gelesenen Texte allein das Deutsch-Jüdischsein ihrer Autoren mit dem Thema der Ausstellung. Dabei wäre ein stärkeren Bezug - zum Beispiel durch Texte, die Kindheit im Lager thematisieren - wünschenswert gewesen. Insgesamt war es jedoch ein sehr gelungener Auftakt zu der Ausstellung.
Bis zum 10. Juni ist "Mannheim - Izieu - Auschwitz" Haus B im Philosophikum I in der Otto-Behaghel-Straße 10 zu sehen. Die 21 Bildtafeln folgen den Kindern von der scheinbar noch heilen Welt in Mannheim bis nach Auschwitz, erschließen dabei Kontexte und geben diesem Kapitel der deutsch-französischer Geschichte ein Gesicht. Ein Gesicht, das besonders erschüttert, indem es das Gesicht eines Kindes ist.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Gießener Anzeiger, 21.04.2005:
Als einzige ihrer Familie das Grauen überlebt

Lucille Eichengreen zu Gast bei „Kerner" - Mitarbeiter und Studierende der Arbeitsstelle Holocaustliteratur als Zuschauer

Heidrun Helwig Hamburg/Gießen. Sprechen konnte sie nicht mehr. Dafür war sie schon zu schwach. „Aber im letzten Moment sagte sie zu mir: Pass auf Deine Schwester auf." Und das hat die 17-Jährige ihrer Mutter auch fest versprochen. Kurz bevor diese starb. An Hunger und Entbehrungen im Ghetto Lodz. „Aber leider habe ich mein Versprechen nicht halten können." Ganz ohne eigenes Zutun. Denn die fünf Jahre jüngere Karin wurde später ins Vernichtungslager Chelmno deportiert. Das hatte sie überhaupt nicht verhindern können. Dennoch „lebe ich mit dieser Schuld bis heute", sagt Lucille Eichengreen. In der Talkshow „Johannes B. Kerner" schildert die 80-Jährige ihr Schicksal im nationalsozialistischen Deutschland. Und ins Studio nach Hamburg ist auch eine Gruppe von Mitarbeitern und Studierenden der Justus-Liebig-Universität (JLU) gekommen. Im Konzentrationslager Bergen-Belsen ist Lucille Eichengreen am 15. April 1945 von der britischen Armee befreit worden. Als einzige ihrer Familie. Aus Anlass des 60. Jahrestages der Befreiung war sie nun zu der Talkshow in die Hansestadt eingeladen worden. In die Stadt, in der sie ihre Kindheit verbracht hat. Und deshalb hatten sich auch rund 35 Studierende und Mitarbeiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der JLU dorthin aufgemacht. Denn Lucille Eichengreen lebt in Amerika und nur selten kommt die 80-Jährige nach Deutschland. Im Seminar „Auschwitz in fiktionalen Texten" hatten sich die Studierenden der JLU im vergangenen Wintersemester unter Leitung von Dr. Sascha Feuchert mit „weiblichem Schreiben" befasst. Und dabei auch Texte von Lucille Eichengreen gelesen. Denn die 80-Jährige hat drei Bücher geschrieben: Ihre Autobiographie „Von Asche zum Leben", den Bericht „Rumkowski, der Judenälteste von Lodz und die Textsammlung "Frauen und Holocaust". Darin erzählt sie vom Mord an ihrem Vater in Dachau, dem viel zu kurzen Leben ihrer Schwester und dem Tod ihrer Mutter. Sie berichtet über das Ghetto Lodz, in das sie mit Mutter und Schwester von Hamburg aus im September 1941 verschleppt wurde, erzählt von Auschwitz, Neuengamme und Bergen-Belsen. Mit der Arbeitsstelle Holocaustliteratur um Prof. Erwin Leibfried und Dr. Sascha Feuchert war sie über das Internet vor rund vier Jahren in Kontakt gekommen. Dort wurde gerade die Veröffentlichung von Reportagen und Essays aus dem Ghetto Lodz des später in Auschwitz ermordeten Schriftstellers und Journalisten Oskar Singer vorbereitet, als ein Mitarbeiter auf die Erinnerungen von Lucille Eichengreen stieß. Die zierliche Frau hat nämlich als Sekretärin von Singer gearbeitet. Mitgewirkt hat sie in dieser Funktion auch an der Lodzer Ghetto-Chronik, die gemeinsam von der Arbeitsstelle und dem Staatsarchiv Lodz herausgegeben wird. Und dabei konnte sie den jungen Wissenschaftlern an der JLU manch` wertvollen Hinweis geben.

„Balance gefunden"

Über das Ghetto in Lodz berichtet sie nun auch bei „Kerner". Und die Studierenden sind bei der Aufzeichnung der Sendung im Studio mit dabei. Um 18.30 Uhr ist es in der Rothenbaumchaussee in Hamburg soweit und noch am selben Abend wird die Show um 23 Uhr gesendet. Vor der charmanten Dame werden dabei auch die Schauspieler Dietmar Schönherr und Tanja Wedhorn, Hauptdarstellerin der ZDF-Telenovela „Bianca - Wege zum Glück", interviewt.
Trotz der Freude Lucille Eichengreen zu begegnen, hatte sich vor der Aufzeichnung Skepsis in dem Reisebus breitgemacht. Zum einen wegen der Gästeliste. Scheint doch die Schauspielerei zwischen Raumschiff Orion und Bianca nur schwer zu dem ernsten Thema Holocaust zu passen. Obendrein wird Kerner gar nicht selten als „Weichspüler" bezeichnet, der seichte Interviews führt und nicht immer geschickt nachfragt. „Ich habe schon befürchtet, dass das kippen kann", sagt Sascha Feuchert. Dass die Fragen ins „Rührselige abrutschen" oder nur die Sensation im Mittelpunkt steht, dass nur noch ein Schreckenserlebnis nach dem anderen aufgezählt wird. Doch gleich nach der Sendung ist er sehr stolz auf Lucille Eichengreen, mit der er seit einigen Jahren eng befreundet ist. Nüchterne, direkte Sätze formuliert die 80-Jährige. Ohne jegliche Sentimentalität, undramatisch und präzise. Aber gerade das macht ihre Berichte eindringlich und fesselnd. Aber Lob gibt es auch für den Moderator: „Er hat die Balance gefunden zwischen dem Menschen Lucille Eichengreen und ihrem Schicksal." Und auch die 80-Jährige ist nach der Sendung zufrieden. „Es war sehr gut gemacht", sagt sie im Gespräch mit dem Anzeiger. Vor allem freut sie sich über den Besuch aus Gießen. „Ich habe einige von ihnen schon vorher getroffen." Deshalb war die Wiedersehensfreude auch groß. Doch die Studierenden diskutieren auch über die Show. „Ich habe mich sehr darauf gefreut, zuzuhören", sagt Stephan Weidemeyer, der im achten Semester Germanistik studiert. „Das war sehr ergreifend." Für seinen Kommilitonen Christian Hönig war das Interview „zu kurz". Es wäre viel besser gewesen, wenn Lucille Eichengreen der einzige Gast gewesen wäre. Auch Jule Passoth fand „das Gespräch relativ kurz". Gern hätte sie noch mehr von Lucille Eichengreen erfahren. Astrid Weilandt war etwas erstaunt über die Zusammensetzung der Gästeliste. „Das hat nicht gut gepasst." Gerade das Interview mit der Darstellerin der Telenovela „war ein richtiger Bruch".

Besuch in Gießen

Vor allem aber hätten die Studierenden gern nach der Sendung noch mit Lucille Eichengreen ausführlicher gesprochen. Doch die musste sofort weiter nach Bremen. Denn die 80-Jährige hat einen vollen Terminkalender. Neben zahlreichen Lesungen in Hamburg und Umgebung, rund um Bremen und Braunschweig, besucht sie auch die Gedenkfeier zur Befreiung von Bergen-Belsen und am 3. Mai die Eröffnung der Gedenkstätte in Neuengamme. Zwischendurch aber werden die Studierenden doch noch Gelegenheit haben, sie zu treffen. Denn am Freitag, dem 29. April, kommt Lucille Eichengreen nach Gießen. Im Raum 6 vom Haus E des Philosophikums I in der Otto-Behaghel-Straße 10 wird sie um 10 Uhr im Seminar von Sascha Feuchert aus ihrem Leben erzählen. Und dazu sind nicht nur Studierende eingeladen.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Gießener Anzeiger, 19.04.2005:
Im Geheimen gegen das Naziregime opponiert

Tagebücher des Laubacher Friedrich Kellner sollen veröffentlicht werden - Enkel hat Sütterlinschriften übersetzt - "Die Nazis in der Zukunft bekämpfen"

Klemens Hogen-Ostlender LAUBACH. "Ich war Soldat im Ersten Weltkrieg und Justizbeamter im Zweiten, und immer war ich ein Mann, der Frieden wollte. Die Zivilisation brauchte alle diese drei Dinge. Wenn es Frieden geben soll, muss es eine Demokratie, in der diejenigen, die regiert werden, die Gesetze festgelegt haben. Die Demokratie muss bewahrt werden von Menschen, die mutig für sie kämpfen. Wenn Diktatoren ihre eigenen Völker versklaven und ihre antidemokratischen Ideologien anderen aufzwingen wollen, wenn das Böse die Macht anstrebt, müssen Menschen guten Willens ihre Meinungsverschiedenheiten beiseite schieben, dann müssen sie zusammenstehen und kämpfen - ganz egal, wie sehr sie auch den Frieden lieben mögen und wie sehr sie den Krieg hassen". Das hat der Laubacher Friedrich Kellner 1968, zwei Jahre vor seinem Tod, gesagt. Während des Krieges hatte er in einem geheimen Tagebuch nationalsozialistische Verbrechen niedergeschrieben. Die Notizen sollten dereinst kommenden Generationen als Waffe gegen mögliche neue Tyrannei dienen. Kellners Enkel Prof. Dr. Scott Kellner hat die Tagebücher nun erstmals in den USA übersetzt und plant deren Veröffentlichung.
Der altgediente Sozialdemokrat Friedrich Kellner, der mit seiner Familie vor der Nazizeit in Mainz gelebt hatte und dort buchstäblich aus der Stadt gejagt worden war, war in Laubach Geschäftsstellenleiter des Amtsgerichts. Ob er sich als Widerstandskämpfer gesehen hätte, sei dahingestellt. Aus seiner politischen Überzeugung machte er jedenfalls auch nach der "Machtergreifung" Hitlers kein Hehl. Als in der Reichspogromnacht auf Befehl aus Berlin wie in ganz Deutschland auch in Laubach so genannter "spontaner Volkszorn" zur Zerstörung von Synagogen und zu Verbrechen gegen Juden führte, versuchte Friedrich Kellner, den Leiter des Amtsgerichts zum Einschreiten zu bewegen. Der aber dachte gar nicht daran, sondern denunzierte Kellner und dessen Ehefrau Pauline, sie seien möglicherweise selbst Juden. Das Paar konnte nachweisen, dass beide evangelischen Glaubens waren. Trotzdem musste Kellner in Gießen vor Gericht. Verurteilt wurde er nicht, aber die Warnung "Das nächste Mal kommen Sie ins KZ" brachte ihn dazu, nur noch im Geheimen gegen das Regime zu opponieren.
In seinem Tagebuch forderte Friedrich Kellner die USA und Großbritannien auf, den Kampf gegen die Nazis anzurühren: "Jetzt ist eine ungeahnte Chance für England und Amerika, die Initiative an sich zu reißen" schrieb er im Sommer 1941, kurz nach dem Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion, "aber nicht nur mit leeren Versprechungen und unzureichenden Hilfsmaßnahmen. Wenn Amerika den ernsten Willen hat, seine ganze Macht für die Wiederherstellung des Friedens in die Waagschlale zu werfen, ist eine Änderung der Sachlage keine Utopie. Hier kann nur eine unbändige Kraft und der Einsatz aller Kriegsmittel, den wild gewordenen Stier zur Einsicht bringen".
Nicht nur den Alltag unter der Naziherrschaft in Laubach schrieb Friedrich Kellner in rund 600 Eintragungen nieder, sondern beispielsweise auch diese Äußerungen eines Soldaten auf Heimaturlaub: "Er hat gesehen wie nackte Juden und Jüdinnen, die vor einem langen, tiefen Graben aufgestellt wurden, auf Befehl der Schutzstaffel von Ukrainern in den Hinterkopf geschossen wurden und in den Graben fielen. Der Graben wurde dann zugeschaufelt. Aus den Gräben drangen oft noch Schreie!"
Nach dem Krieg engagierte sich Friedrich Kellner beim Wiederaufbau der SPD in Laubach, war zeitweise ihr Vorsitzender, wurde Beigeordneter und Erster Stadtrat. Als in Deutschland 1935 die Wehrpflicht wieder eingeführt worden war, hatte das Ehepaar seinen einzigen Sohn Friedrich in die USA geschickt, damit er nicht für Hitlers verbrecherische Ziele kämpfen müsste. Fred Kellner, wie er sich nun nannte, trat in die US Army ein und arbeitete nach der alliierten Landung in der Normandie für sie in Frankreich als Dolmetscher. Die Begegnung mit der neuen Heimatstadt seiner Eltern hatte tragische Folgen. Fred Kellner wurde nicht damit fertig, dass er gewissermaßen zwei Heimatländer hatte. Feindseligkeit und Misstrauen schlugen ihm auch entgegen, weil er in der Uniform der Sieger nach Deutschland kam. Fred Kellner nahm sich schließlich das Leben.
Sein Sohn Scott diente ebenfalls in den amerikanischen Streitkräften. Auf dem Weg zu einer Stationierung in Saudi-Arabien setzte er sich 1960 in Deutschland für ein paar Tage von der Truppe ab und suchte das Laubach, in dem sein Großvater lange gelebt hatte. Friedrich und Pauline Kellner hatten im Krieg zwar von der Geburt ihres Enkels erfahren, aber der Kontakt war dann abgerissen. "Ich wollte wenigstens einen Blumenstrauß auf das Grab meiner Großeltern legen, falls sie nicht mehr lebten" erinnert sich Scott Kellner an jene Reise - eine Reise auf der Suche nach seiner Identität. "Ich war zuerst in drei falschen Laubachs. Das vierte war erst das richtige", berichtet er. Die Großeltern waren überglücklich über das Treffen. Friedrich Kellner vertraute seinem Enkel später die einst geheimen Tagebücher an. In Scott Kellner reifte der Plan, die in Sütterlinschrift geschriebenen Tagebücher seines Großvaters ins Englische zu übersetzen und als Buch zu veröffentlichen.
Nach jahrelanger mühevoller Arbeit war die Übersetzung fertig. Scott Kellner, der im texanischen CollegeStation lebt, wandte sich an den ehemaligen US-Präsidenten George Bush. Der hatte in Kellners Heimatstadt die "George Bush Presidential Library and Museum" an der Texas A & M-Universität gegründet. Dort werden die Tagebücher des Laubachers Friedrich Kellner derzeit in einer Ausstellung präsentiert.
Die "Jerusalem Post" hat in einem großen Artikel über Scott Kellners Übersetzungen und die Ausstellung berichtet. "Hätte Scott Kellner sich nie auf die Suche nach der Quelle seiner Existenz gemacht, hätte er die Tagebücher nie zu Gesicht bekommen, und wahrscheinlich auch sonst niemand", hieß es darin. Kontakte zur Arbeitsstelle Holocaustliteratur des Fachbereichs Geschichte der Universität Gießen haben sich nach ersten Veröffentlichungen über Friedrich Kellner im Gießener Anzeiger ebenfalls bereits ergeben. Robert Scott Kellner sieht darin auch eine Möglichkeit, die Tagebücher seines Großvaters nach der Veröffentlichung in den Vereinigten Staaten auch in Deutschland zu publizieren. "Das ist genau die Art und Weise, die Tagebücher zu nutzen, die mein Opa gewollt hätte, er der damals schrieb ,Ich entschloss mich, die Nazis in der Zukunft zu bekämpfen` ist sein Enkel Robert Scott Kellner überzeugt.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Gießener Allgemeine Zeitung, 12.04.2005:
„Welt muss mehr denn je diese Botschaft hören“

Tagebuch des Laubacher Antifaschisten Friedrich Kellner in George-Bush-Bibliothek in College Station/Texas ausgestellt

Laubach (meg). Die „Washington Times“ berichtete kürzlich, ein pensionierter Universitätsprofessor aus Texas plane, ein geheimes Tagebuch seines Großvaters in der „George-Bush-Bibliothek“ auszustellen. Die Rede ist von Scott Kellner. Lange Jahre hatte er die Aufzeichnungen seines Großvaters aus der Zeit des Naziregimes in Deutschland „unter Verschluss gehalten“, jetzt hat er sie einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dank Internet kann auch der Laubacher über das Tagebuch bzw. die Ausstellung in der George-Bush-Bibliothek erfahren. Ein besonderes Interesse der Bewohner der Residenzstadt darf man voraussetzen, denn bei Scott Kellners Großvater handelt es sich um den Laubacher Friedrich Kellner (1185-1970). Ein Gegner des Unrechtsregimes und nach 1945 langjähriger Kommunalpolitiker. Im Folgenden Auszüge aus der Homepage des Museums, aber auch aus Gesprächen mit Laubachern, die sich an den einstigen Stadtrat erinnerten.
„Wenn Menschen, die sich für den Frieden auf der Welt einsetzen, plötzlich mit dem Bösen konfrontiert werden, ist es ihre Pflicht, ihre eigenen Differenzen beiseite zu schieben und mit vereinten Kräften zu kämpfen“, wird Scott Kellner im Interview mit der „Washington Times“ zitiert. Er sagte dies (natürlich) mit Blick auf seinen Großvater, der als Sozialdemokrat gegen die Nazis und nicht zuletzt die Judenverfolgung seine Stimmer erhoben hat.
Wie auf der Homepage weiter zu lesen, erwuchs der Kampf für Demokratie, für die Gleichheit der Menschen, ungeachtet ihrer Nationalität oder Religion, zu einer Art Lebenswerk des Friedrich Kellner. Ein Lebenswerk, das er seinem Enkel Scott als Vermächtnis hinterließ. Der sieht denn auch das Tagebuch auch als „Waffe gegen den Rassismus“.
Friedrich Kellner wurde im Mainz geboren, er wurde Justizbeamter, und war bald mit den braunen Horden in einen handfesten Konflikt geraten. Als Hitler 1933 Reichskanzler wurde, flüchtete er mit seiner Familie nach Laubach, wo er am Amtgericht eine Anstellung annahm (er bleib dort bis 1960 beschäftigt). In dem kleinen Städtchen, so dachte Kellner, laufe er weniger Gefahr, aufgrund seiner politischen Ansichten oder seiner Kritik an den zahlreichen Unrechtsurteilen des Naziregimes – als Justizinspektor konnte er Akteneinsicht nehmen – verfolgt zu werden.
Zwei Jahre nach dem Umzug trafen die Kellners eine schwere Entscheidung. Um den einzigen Sohn, Friedrich, zu schützen (auch vor der Einberufung), schickten sie ihn in die USA. Das Kalkül des Vaters ging bis 1938 auf. Dann nahmen die Nazis ihn doch ins Visier: Seine Aufforderung an den Vorsteher des örtlichen Amtsgerichts, gegen die Hatz auf die Juden vorzugehen, war den Machthabern offensichtlich zu viel (in der Pogromnacht am 9. November war Laubachs Synagoge verwüstet, Einrichtungs- und Kultgegenstände auf der „Helle“ verbrannt worden). In Darmstadt ließ der Amtsrichter nachforschen, ob die Kellners jüdische Wurzeln hätten – ein Fehlschlag, beider Familien waren seit Generationen evangelisch.

Erinnerungen von Zeitgenossen Kellners

1940 musste Friedrich Kellner dann doch in Gießen vor Gericht. Dort drohte man ihm mit KZ für den Fall, dass er seinen staatsfeindlichen Kurs weiter verfolge.
Kellner behielt Kurs, wenn auch nurmehr im Stillen. Er begann, die politische Stimmung, das Unrecht in Deutschland zu fixieren – in seinem, meist des nachts verfassten Tagebuch. Am 25. Juni 1941 notierte Kellner: “Menschheit erwache!“, stellte dies dem Schlachtruf der Nazis entgegen. Seine große Hoffnung war, dass sich die Welt der Grausamkeit der Nazis bewusst werde und ihr entgegenwirke. Denn in einem späteren Eintrag fragt er sich, wie lange noch diese „Herrschaft des Terrors“ dauere.
Wie gesagt, solche Mahnungen und Appelle formulierte Kellner – sich der Übermacht der Verhältnisse beugend – fortan nurmehr im Geheimen. Für seine Mitbürger war er ein Gemeindemitglied wie jedes andere. Eine Laubacherin erinnert sich an den aufrechten Demokraten: In dessen Familie habe sie damals als Pflichtjahrmädchen gearbeitet. „Die Kellners haben mich herzlich aufgenommen. Es ging mir gut in ihrem Haus.“ Politische Fragen seien in ihrer Gegenwart nie thematisiert worden. Sie selbst sei – wie damals üblich – im BDM gewesen. Kellner habe niemals versucht, sie politisch zu beeinflussen.
Obgleich Kellner seiner politischen Überzeugung treu geblieben war, so musste er doch den Kampf gegen das Hitler-Regime verlieren. Zu mächtig war der Staats- und Polizeiapparat. So starb sein Aktivismus gegen die Nazis, doch der demokratische Gedanke in Kellner überlebte: “Ich konnte die Nazis nicht in der Gegenwart schlagen, denn sie hatten die Macht, mich mundtot zu machen. Daher beschloss ich, die in der Zukunft zu besiegen“. So Kellners Worte zu seinem Enkel Scott, als er dem Ende der 60er Jahre sein Tagebuch übergab. Nach Kriegsende hatte er solchen Worten taten folgen lassen, hatte sich fortan gegen das Wiederaufkeimen nazistischer Ideologie gewandt, sah seine Erinnerungen als „Waffe“ für dieses Bemühen. Die Kommunalpolitik bot ihm ein Forum, endlich aktiv ins politische Geschehen einzugreifen, Demokratie zu leben.

Otto Schmidt: ein „konsequenter Beamter“

Von 1945 bis 1946 war er Beigeordneter der Stadt Laubach, von 1956 bis 1960 gar Erster Stadtrat. Kellner war auch beim Wiederaufbau der SPD engagiert, deren Vorsitzender er einige Zeit war. Otto Schmidt, Sohn des direkt nach dem Krieg von den Amerikanern eingesetzten Bürgermeisters, kennt Kellner noch aus der gemeinsamen Zeit im Magistrat. Schmidt betonte das Vermögen des SPD-Mannes, sich bei der Wahrnehmung seiner öffentlichen Ämter neutral zu verhalten. Auch dass der Justizinspektor ein „konsequenter Beamter“ gewesen sei, stellte Schmidt heraus. So habe dieser die Messlatte bei Neubesetzungen kommunaler Posten „denkbar hoch angesetzt“ – nicht zuletzt, was die Anforderungen in Sachen Entnazifizierungsnachweis angeht.

1970 im Alter von 85 Jahren gestorben

Der Sohn der Kellners, Friedrich, hatte als GI in Frankreich gekämpft. 1946 sah sich die Familie das letzte Mal in Laubach. Wie wiederum auf der Homepage der „George Bush Bibliothek“ zu lesen, nahm sich der einzige Sohn wenig später das Leben. Im Interview mit der „Washington Times“ sagt dessen Sohn Scott: „Mein Vater hat sich nie damit abgefunden, ein Mann ohne Wurzeln zu sein.“ Eine Identifikationsfigur hat er jedoch in seinem Großvater gefunden, den er 1968 erstmals sah und der ihm nun das Tagebuch übergab. Begleitet mit dem Appell, seine Erinnerungen an die „barbarischen Akte“ der Nazizeit öffentlich zu machen. Zwei Jahre später starb Friedrich Kellner, der zum Ende im Laubacher Altenheim lebte, im Alter von 85 Jahren.
Sein Enkel hatte studiert, an der Texas A&M University in College Station die Unilaufbahn eingeschlagen. Einige Jahre hat er für die Übersetzung des Tagebuchs ins Englische gebraucht, diese dann sodann mitsamt der Vorlage an die von George Bush gegründete Bibliothek übergeben. Scott Kellner: „Ich glaube, die Welt muss mehr denn je auf die Botschaft meines Großvaters hören.“ Ein Kernsatz: „Jeder Mensch hat die Wahl zwischen Gut und Böse. Entscheide dich für das Gute und stelle dich denjenigen entgegen, die das Böse gewählt haben.“


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Gießener Anzeiger, 09.04.2005:
"Ihr Großvater war eine geachtete Persönlichkeit"

Der Villinger Ludwig Heck erinnert sich an seinen besten Freund Friedrich Kellner

LAUBACH/VILLINGEN (kr). "Ihre Großeltern waren, soweit ich wahrnehmen konnte, angenehme Bürger und Nachbarn. Ihr Großvater war eine geachtete Persönlichkeit und ein Könner in seinem Beruf." Das schrieb Ludwig Heck, der von Friedrich Kellner im Amtsgericht Laubach im Justizdienst ausgebildet wurde, Kellners Enkel Robert Scott Kellner nach Texas. Friedrich Kellner, der in der Nazizeit und danach bis 1960 am Amtsgericht Laubach arbeitete, führte bis zum Kriegsende ein geheimes Tagebuch (der Gießener Anzeiger berichtete). Darin brandmarkte der Justizbeamte die Verbreches des Nazi-Regimes. Der ehemalige Rechtspfleger Ludwig Heck, der in Villingen wohnt, erinnert sich noch gut an die Freundschaft mit dem Mann, dessen Vermächtnis zurzeit durch die Veröffentlichung seines Tagebuchs in den USA und eine Ausstellung in der George-Bush-Bibliothek gewürdigt wird. Ludwig Heck, der vor wenigen Tagen 85 Jahre alt wurde, hat nach Friedrich Kellners Tod auch die Vollstreckung von dessen Testament übernommen. Zweidicke Aktenordner füllt der Schriftverkehr mit den Erben, die erst einmal ausfindig gemacht werden mussten. "Eine Sache ist immer noch nicht abgeschlossen", so Heck. "Es gibt einen Erben in Frankreich, der sich vor zehn Jahren einmal gemeldet hatte, aber seitdem nicht mehr".
Wörterbücher für Englisch und Französisch stehen im Bücherregal in Ludwig Hecks Arbeitszimmer neben historischen juristischen Werken, die er von seinem alten Ausbilder geschenkt bekam. Sie zeugen von den Schwierigkeiten der Testamentsvollstreckung. "Die Hinterbliebenen mussten erst einmal überhaupt ausfindig gemacht werden" erzählt Ludwig Heck. "Und dann gab es alle diese Dokumente zu übersetzen. Wenn ich gewusst hätte, was das für eine Arbeit sein würde. . ."
Ludwig Heck hatte Robert Scott Kellner auch die genauen Daten der Laufbahn von dessen Großvater mitgeteilt. Von 1933 bis 1947 war Friedrich Kellner Geschäftsleiter am Amtsgericht Laubach. Von 1948 bis 1950 war er Bezirksrevisor beim Landgericht Gießen und ging dann in den Ruhestand. 1949/1950 baute das Ehepaar Kellner sein Haus in der Laubacher Andree Allee. Von 1950 an war Friedrich Kellner trotz seines Ruhestands wieder drei Jahre lang als Prozessagent und Rechtsbeistand am Amtsgericht Laubach zugelassen. 1962 verkaufte das Ehepaar sein Haus und zog in die Stadt, aus der es 1933 vor den Nazis nach Laubach geflohen war, nach Mainz. Nach einem weiteren Umzug nach Bad Münster am Stein starb Friedrich Kellners Ehefrau Pauline Anfang 1970. Sie wurde in Mainz beerdigt. Friedrich Kellner kehrte kurz darauf nach Laubach zurück und wohnte dort im Altenheim des Stifts. Er erkrankte im Herbst 1970, wurde ins Licher Kreiskrankenhaus eingeliefert und starb dort am 4. November 1970. Friedrich Kellner wurde eingeäschert und ebenfalls in Mainz beigesetzt. Ludwig Heck und seine Ehefrau haben bis zum Ablauf der Liegezeit jedes Jahr kurz vor dem Totensonntag das Grab besucht und es auch gepflegt.
Auch in der Jubiläumsschrift "75 Jahre Sozialdemokratische Partei Laubach" aus dem Jahre 2000 wird Friedrich Kellner, der schon in Mainz Sozialdemokrat gewesen war und die Partei in seiner neuen Heimatstadt nach dem Krieg wieder aufbaute, gewürdigt. In einer Mitgliederliste aus dem Jahre 1960 wird der Mann, der auch Vorsitzender der SPD Laubach gewesen war, unter der Nummer 23 mit folgendem Vermerk geführt: "Kellner, Friedrich, geb. 1.2. 1885, Justiz-Oberinspektor in Laubach. Tag des Eintritts 21.12. 1945, polit. organisiert seit 1918".


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Westfalenpost, 6.4.2005:
Der Kampf gegen das Vergessen

Dokumente aus dem Untergrundarchiv des Warschauer Ghettos in der Alten Synagoge

Meschede. (ut) Es war ein Kampf gegen das Vergessen – einen Kampf, den die meisten Mitarbeiter der Gruppe „Oneg Schabbat" im Warschauer Getto mit dem Leben bezahlten. Ein Teil der Berichte, Passierscheine, Zeichnungen, Rechnungen, Tagebücher und Interviews, die die Menschen um den Historiker Emanuel Ringelblum zusammengetragen haben, sind bis Samstag, 6. Mai, im Bürgerzentrum Alte Synagoge ausgestellt.
„Es sind die vielen Einzelschicksale, die in den zeitgenössischen Quellen festgehalten werden und die die Ausstellung auch für Jugendliche interessant machen", sagte Dr. Andrea Löw. Sie referierte gestern über die Geschichte des Ringelblum-Archivs und des Warschauer Ghettos bei der Ausstellungseröffnung vor rund 80 Besuchern.
Schicksale, die sich von den unvorstellbaren Zahlen lösen und lebendig werden. Wer kann sich schon vorstellen, dass zeitweise auf den rund drei Quadratkilometern des Ghettos 450 000 Menschen lebten, besser vegetierten. Und dass ab 1942 täglich bis zu 10 000 Menschen in die Vernichtungslager deportiert wurden. „Die Nazis wollten dafür sorgen, dass auch die Erinnerung an die Juden ausradiert wird." Die Gruppe „Oneg Shabbat" habe unter unvorstellbaren Bedingungen dagegen angekämpft.
Ermöglicht hat die Ausstellung die Sparkasse Meschede, die, so Sparkassendirektor Heinz-Dieter Tschuschke, aufklären will. „Das ist gerade heute wichtig, da man den Eindruck gewinnt, dass die ewig Gestrigen wieder Aufwind erhalten."
Die Ausstellung ist mittwochs bis freitags von 15 bis 17 Uhr und samstags von 11 bis 13 Uhr geöffnet. Schulklassen können unter Tel. 208362 qualifizierte Führungen absprechen.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Gießener Allgemeine Zeitung, 31.03.2005:
Leid, Angst und Hoffnung werden lebendig

Hilda Stern Cohens Gedichte und Prosatexte („Genagelt ist meine Zunge") liegen jetzt auf CD als Hörbuch vor

Gießen (si). Vor eineinhalb Jahren hat die „Arbeitsstelle Holocaustliteratur" an der Justus-Liebig-Universität den Band „Genagelt ist meine Zunge" vorgelegt. Er enthält Gedichte und Prosatexte der 1924 in Mücke-Nieder-Ohmen geborenen Jüdin Hilda Stern Cohen, in denen sie ihr Leiden im Getto Lodz und KZ Auschwitz und dann die äußerst ambivalenten Gefühle und Erfahrungen einer Überlebenden reflektiert. Gerade in Mittelhessen waren viele Menschen – und darunter etliche Schüler – tief bewegt vom Schicksal und der Erzählkraft der Frau, die nach dem Ende des Nationalsozialismus über ein Camp für „Displaced Persons" in die USA kam, wo sie 1997 starb. Ermutigt von der großen Resonanz hat die Arbeitsstelle – wieder mit Unterstützung der in Lich ansässigen Chambré-Stiftung, die die Aufarbeitung des Holocaust fördert – nun eine Auswahl der Texte als Hörbuch herausgegeben. Das Konzept stammt von der Schauspielerin Lilli Schwethelm, die liest, und dem Gitarristen Georg Crostewitz, der dem Werk einen musikalischen Rahmen gegeben hat.
Angst, tiefe Verzweiflung, aber auch schier unerschütterlich erscheinende Hoffnung sprechen aus den Texten Cohens, die ihr Ehemann erst nach dem Tod seiner Frau entdeckte und der Öffentlichkeit zugänglich machte. Lilli Schwethelm bringt dem Hörer die große Kraft dieser Gefühle nahe – wie schon zuvor bei mehreren Lesungen (unter anderem in Lich). Das Mitglied des „Theater mimikri", Träger des Wetterauer Kulturpreises, beschäftigte sich schon seit vielen Jahren theaterpädagogisch mit dem Holocaust; mit einer „Tournee der Verständigung", zu der die Lagergemeinschaft Auschwitz, der Verband der Hitlerverfolgten Krakau und das dortige Goethe-Institut den Anstoß gegeben hatte, und ähnlichen Projekten war das Ensemble mehrfach in Polen. Georg Crostewitz, der als Komponist und Musikproduzent unter anderem für öffentlich-rechtliche Sender arbeitet und mit der Band „Leaf" auch als Jazzmusiker hervorgetreten ist, umrahmt die Lesungen Schwethelms schon seit 2001 musikalisch. Auf der Hör-CD ist er mit eigenen Stücken vertreten, andere hat er dem Kontext angemessen einfühlsam bearbeitet.
Das künstlerisch gestaltete Hörbuch (Hilda Stern Cohen: „Genagelt ist meine Zunge". Lyrik und Prosa einer Holocaust-Überlebenden. Leaf Musicproduktionen Ortenberg 2005) hat eine Spieldauer von 56 Minuten und kostet 12 Euro (zusätzlich Porto und Verpackung). Bestellt werden kann es bei der Arbeitsstelle Holocaustliteratur, Otto-Behaghel-Straße 10B/1, 35390 Gießen, Tel. 0641/99-29093 (Katja Zinn), Fax 99-29094 oder im Internet unter der Adresse www.holocaustliteratur.de/hilda.
Über Hilda Stern Cohen werde derzeit auch eine Ausstellung erarbeitet, sagte gestern Dr. Klaus Konrad-Leder für die Chambré-Stiftung, die hierzu den Auftrag gegeben hat. Sie solle erstmals im Rahmen der Einweihungsfeierlichkeiten der ehemaligen Licher Bezalel-Synagoge – vermutlich im Spätsommer dieses Jahres – gezeigt werden und dann als Wanderausstellung an interessierte Einrichtungen in ganz Mittelhessen gehen. Angesprochen sind vor allem Schulen, denen die Stiftung auch die jetzt veröffentlichte Hör-CD zur Verfügung stellen will.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Gießener Anzeiger, 31.03.2005:
Erfolgreicher Lyrikband nun als Hörbuch

Texte der Holocaust-Überlebenden Hilda Stern-Cohen aus Nieder-Ohmen auf Audio-CD „Genagelt ist meine Zunge"

GIESSEN (ts). Hilda Stern-Cohen kam 1924 in Nieder-Ohmen zur Welt und begann schon mit acht Jahren zu dichten. 1941 wurde die jüdische Familie ins Ghetto Lodz deportiert, wo die Eltern und Großeltern des Mädchens starben. Die junge Frau hatte das Vernichtungslager überlebt und hielt ihre Erinnerungen in Gedichten und Prosatexten fest. Eine Auswahl davon liegt nun unter dem Titel „Genagelt ist meine Zunge" als Hörbuch vor.
„Genagelt ist meine Zunge" - so hieß schon der Band mit Lyrik und Prosa Hilda Stern-Cohens, den die Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Gießener Uni zusammen mit der Licher Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung vor zwei Jahren herausgegeben hatte. „Das Buch war eine sehr erfolgreiche Publikation. Von der Tausender-Auflage sind bereits 700 Exemplare um Umlauf. Deshalb haben wir uns zu diesem Hörbuch entschlossen", berichtete gestern Dr. Klaus Konrad-Leder (Chambré-Stiftung) bei der Vorstellung der Audio-CD. Er erinnerte noch einmal daran, dass die Werke von Hilda Stern-Cohen nur durch mehrere Zufälle zur Veröffentlichung gelangten: Erstens habe ihr Mann nach ihrem Tod 1997 in den USA die alten Manuskripte gefunden, zweitens habe er sich an das Goethe-Institut in Washington gewandt, wo man von der Arbeit der Gießener Holocauststelle gewusst habe.
Der für einen Lyrikband große Erfolg ist zum einen in den Texten selbst und ihrer ergreifenden Wirkung auf den Leser begründet. Zur breiten Resonanz trugen sicher auch die Lesungen der Schauspielerin Lilli Schwethelm bei, die bei ihrem Auftritten von dem Gitarristen Georg Crostewitz begleitet wurde. Dieses Künstlerduo hat auch die Audio-CD aufgenommen. „Die tragischen Texte brauchen eine Pause, und die Gitarrenmusik bekommt der Lyrik wirklich gut", weiß die Schauspielerin aus Erfahrung. Sie möchte sich vor allem an das junge Publikum wenden.
Die Texte der damals 21-jährigen Dichterin behandeln die verschiedensten Themen ihres Leidensweges: Neben lyrisch-kritischen Reflexionen über Glaube, Sprache und Kultur, die das Verzweifeln deutlich machen, schlagen sich ihre Überlebensängste im Ghetto Lodz und im KZ Auschwitz mit aller Wortgewalt nieder. Auch die Probleme der Überlebenden im DP-Camp (DP steht für „displaced persons") kommen zur Sprache. „Ich hatte die Qual der Wahl aus der umfangreichen Publikation Texte für 60 Minuten auszuwählen", so Hilda Stern-Cohens eindringliche Interpretin Lilli Schwethelm.
Die Audio-CD „Genagelt ist meine Zunge" kostet zwölf Euro und kann über die Arbeitsstelle Holocaustliteratur am Institut für Germanistik, Otto-Behaghel-Straße 10 B/1, Telefon 99 29093 oder über Internet www.holocaustliteratur.de/hilda bezogen werden.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Neue Zürcher Zeitung, 19./20.03.2005:
Die letzten Tage des Lodzer Ghettos

Jdl. Vor einundsechzig Jahren wurde das Ghetto von Lodz aufgelöst, doch war es keine Befreiung, die dieser Auflösung voranging. 76 000 Menschen sind kurz vor Kriegsende noch ins Vernichtungslager Chelmno und nach Auschwitz-Birkenau gebracht worden. Damit endete das grausame Ghettoleben für die allermeisten Gefangenen mit dem Tod. Das stets überbelegte Ghetto in Lodz fungierte seit seiner Einrichtung im Jahr 1939 als billiger Produktionsort, an dem Nazi-Deutschland seine erbitterte Grausamkeit mit wohlüberlegten ökonomischen Zwecken verband. Dass die Vorgänge in Lodz oder Litzmannstadt, wie es vom deutschen Okkupanten genannt wurde, bis ins Detail belegt sind, liegt an einer von jüdischen Insassen akribisch geführten 2000-seitigen "Ghetto-Chronik". Als historische Grundlage ist die Chronik ebenso unschätzbar wertvoll wie als Dokument des individuellen Überlebenswillens. Die "Letzten Tage" des Ghettos und damit Ausschnitte der Chronik liegen jetzt in Buchform vor. Die täglichen Eintragungen während der Monate Juni und Juli 1944 sind erschütternde Notate einer mühsam sich aufrecht erhaltenden Rationalität. Alle relevanten Zahlen des Ghettos sind in der Chronik vermerkt – von den Verstorbenen bis zu den kargen Lebensmittelrationen. Es gibt die "Tagesnachrichten" und einen feuilletonistischen "Kleinen Getto-Spiegel", der von Gerüchten berichtet und von Hoffnungen. Am letzten Tag der Chronik heisst es lapidar: "Auch der heutige Tag verlief sehr ruhig." Da rollen längst die Transporte nach Auschwitz. Die komplette Lodzer Ghetto-Chronik soll im nächsten Jahr publiziert werden.

Letzte Tage. Die Lodzer Ghetto-Chronik Juni/Juli 1944. Herausgegeben von Sascha Feuchert, Erwin Leibfried und Jörg Riecke. Wallstein-Verlag, Göttingen 2004. 256 S., Fr. 34.40.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Frankfurter Rundschau, 18.03.2005:
Stiftung veröffentlicht Texte einer Überlebenden als Hörbuch

Lyrik aus dem Holocaust

Die Ernst-Ludwig Chambré Stiftung und die Gießener Arbeitsstelle Holocaustliteratur haben erstmalig die Lyrik und Prosa einer Holocaust-Überlebenden als Hörbuch veröffentlicht.

Von Georg Kronenberg

Giessen. Mit ausdrucksvollen Gedichten und Prosatexten hat die Auschwitz-Überlebende Hilda Stern Cohen kurz nach Ende der NS-Diktatur versucht, die Greueltaten des Holocaust zu verarbeiten. "Es stammelt meine Seele ihre Pein", schreibt die Autorin im Gedicht "Gebet", erzählt vom "beinahen Hungertod" und dem "Massengrab Maryschin", aber auch von der "Hoffnung".
Bereits vor rund eineinhalb Jahren hat die Gießener Arbeitsstelle Holocaustliteratur den "einzigartigen literarischen Nachlass zwischen Martyrium und Lebenszuversicht" als Buch herausgebracht.
Das jetzt veröffentlichte Hörbuch eröffne durch die Interpretationen von Schauspielerin Lilli Schwethelm und der zurückhaltenden Musikbegleitung des Gitarristen Georg Crostewitz einen "neuen Zugang zu den Texten", sagt Klaus Konrad-Leder von der Chambré Stiftung in Lich. "Die Gedichte werden wird durch das Vortragen eindringlicher", unterstreicht Katja Zinn von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur. Deshalb biete sich die Audio-CD auch besonders für den Schulunterricht an.
Das schriftstellerische Werk der in Nieder-Ohmen am Rande des Vogelsbergs geborenen Hilda Stern Cohen war erst 1997 nach ihrem Tod von ihrem Mann entdeckt worden. Die Auschwitz-Überlebende hatte die Texte bereits zwischen 1945 und 1947 geschrieben, als sie in Österreich auf die Ausreise in die USA wartete. "Ihre Lyrik war für Hilda Stern Cohen ein Überlebensmittel", sagt Sascha Feuchert von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur.
"Gekettet" an ihre Muttersprache - die auch die Sprache der NS-Verbrecher war - habe die Frau, die immer Dichterin werden wollte, damals mit einer literarischen Aufarbeitung der Greuel begonnen. In Amerika angekommen hatte sie dann ihre schriftstellerischen Arbeit beendet, und nicht einmal ihrem Mann während der fast 50-jährigen Ehe von den Texten erzählt.
Die CD "Hilda Stern Cohen: Genagelt ist meine Zunge" kostet 12 Euro und ist bei der Arbeitsstelle Holocaustliteratur zu beziehen.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus:Uni-Forum, Februar 2005:
Stiftung im Sinne Chambrés

Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung fördert C1-Stelle mit 150.000 Euro – Planungssicherheit bis Dezember 2010 – Komplette Ausgabe der Lodzer Getto-Chronik für dieses Jahr geplant

Von Christel Lauterbach


Einen Vertrag über die anteilige Stiftung einer Wissenschaftlichen Assistenten-Stelle für das Fachgebiet „Holocaust-Literatur" am Institut für Germanistik haben der Uni-Präsident Prof. Dr. Stefan Hormuth und der Geschäftsführende Direktor der Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung zu Lich, Dr. Klaus Konrad-Leder, vor Weihnachten unterzeichnet.
Vom 1. Januar 2005 bis zum 31. Dezember 2010 stellt die Chambré-Stiftung der JLU insgesamt 150.000 Euro zur Verfügung, um eine von der Universität am Fachbereich 05 – Sprache, Literatur, Kultur eingerichtete C1-Stelle zur Hälfte zu finanzieren. Die darüber hinaus erforderlichen Mittel zur Finanzierung der Stelle werden von der Universität und dem Institut für Germanistik erbracht.
Der Universitätspräsident bedankte sich herzlich bei der Chambré-Stiftung für die großzügige Förderung der Arbeitsstelle Holocaust-Literatur, die bereits seit 1998 erfolgt. In dieser Zeit hat die Stiftung bis jetzt bereits insgesamt 80.000 Euro für verschiedene Publikationen und Projekte zur Verfügung gestellt. Die Arbeitsstelle Holocaust-Literatur (Leiter: Prof. Dr. Erwin Leibfried, stellvertretender Leiter: Dr. Sascha Feuchert) werde inzwischen nicht nur von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert, so der Präsident, sondern sie erfahre auch international immer stärkere Anerkennung.
Dies sei besonders wichtig auch für die deutsch-polnische Zusammenarbeit. So erschien – nach einer Reihe unterschiedlicher Publikationen – zum 60. Jahrestag der Liquidierung des Gettos Lodz Ende August 2004 der erste Band der Getto-Chronik: „Letzte Tage" des Gettos (Wallstein-Verlag). In diesem Band sind die Aufzeichnungen der letzten beiden Monate Juni und Juli 1944 der Lodzer Getto-Chronik abgedruckt. Bis zum Jahr 2006 soll die komplette Ausgabe der Getto-Chronik, die von der DFG gefördert wird, folgen. Dabei handelt es sich um eine Zusammenarbeit der Arbeitsstelle Holocaust-Literatur mit der polnischen Partneruniversität Lodz und dem Archiv der Stadt Lodz.
Dr. Konrad-Leder unterstrich die Bemühungen der Stiftung, im Sinne ihres Begründers Ernst Ludwig Chambré die Erinnerung an den Holocaust gerade auch in dieser Region und an seiner ehemaligen Universität in Gießen wach zu halten. Deshalb wolle man die erfolgreiche Tätigkeit der Arbeitsstelle Holocaust-Literatur an der JLU gern unterstützen.
Ernst Ludwig Chambré wurde 1909 als Sohn einer alteingesessenen jüdischen Familie in Lich geboren. Er studierte an der damaligen Ludwigs-Universität in Gießen Rechtswissenschaft und musste am Tag seines juristischen Abschlussexamens im März 1933 bereits seinen Heimatort verlassen und konnte so auch sein Studium in Deutschland nicht mehr beenden. Zunächst floh er vor dem Nazi-Terror nach Belgien, später gelang ihm die Flucht über Frankreich, Spanien und Portugal nach Palästina. Seine Familie wurde in Auschwitz ermordet. 1947 wanderte Ernst Ludwig Chambré mit seiner Frau in die USA aus, wo er 1995 starb.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Berliner Zeitung, 31.01.2005:
Wird man uns in Ruhe lassen?

Von Andrea Mix

„Unser einziger Weg ist Arbeit", verkündete Chaim Rumkowski, der von den Deutschen eingesetzte „Judenälteste" des Ghettos von Lodz. Das zweitgrößte im Krieg errichtete Ghetto, in dem über 200 000 Menschen zusammengepfercht wurde, war eine wichtige Produktionsstätte der deutschen Kriegswirtschaft. Die Geschichte des Ghettos wurde von Mitarbeitern des „Jüdischen Ältestenrats" aufgezeichnet. Die zweitausend Seiten umfassende „Ghetto-Chronik", die von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Universität Gießen ediert wird, dokumentiert den Alltag im Ghetto von 1941 bis 1944. Nüchtern berichten die Einträge von Hunger und Epidemien, aber auch Anekdoten und Gerüchten. „Alle Gedanken, Erwägungen, Hoffnungen und Befürchtungen gipfeln schließlich in der einen Hauptfrage: ’Wird man uns in Ruhe lassen?’" Acht Tage nach dem Eintrag vom 22. Juli 1944 wurde das Ghetto geräumt, die letzten 65 000 Juden nach Auschwitz deportiert.

Sascha Feuchert, Erwin Leibfried, Jörg Riecke (Hrsg.): Letzte Tage. Die Lodzer Ghetto-Chronik Juni/Juli 1944. Wallstein, Göttingen 2004. 256 S., 19 Euro.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Süddeutsche Zeitung, 27.01.2005:
Die Juden von Lodz

Eine zeitgenössische Chronik über das Leben im Ghetto

Das Schicksal der Juden von Lodz stand immer im Schatten der Geschichte des Warschauer Ghettos, dessen Einwohner sich im Frühjahr 1943 gegen die deutschen Besatzer erhoben haben. Dabei war das Lodzer Ghetto nicht nur der zweitgrößte unter den "jüdischen Wohnbezirken" im besetzten Polen, sondern existierte auch länger als alle anderen. Es war nämlich wegen seiner Rüstungsindustrie "kriegswichtig".
Dies hatte auch der von der SS eingesetzte Vorsitzende des Judenrates, Mordechai Chaim Rumkowski, erkannt. Er gab die Parole aus: "Unser einziger Weg heißt Arbeit" - und zog sich damit den Hass eines Teils der Ghetto-Bewohner zu, da er sich somit zum Erfüllungsgehilfen der Deutschen gemacht habe. Doch wird Rumkowski heute von Historikern bescheinigt, dass er mit aller Kraft versucht hat, das Ghetto vor seiner Auflösung zu bewahren, denn dies hätte den sicheren Tod seiner Bewohner bedeutet.
Der Ältestenrat hat eine Chronik führen lassen, deren Niederschrift, in einem Brunnen versteckt, wie durch ein Wunder die Zerstörung eines Großteils des Ghettobezirks im Spätsommer 1944 überstanden hat. Es handelt sich um insgesamt rund 2000 Seiten, verfasst nicht nur auf Polnisch, sondern auch auf Deutsch. Ein Teil der Lodzer Juden hatte Deutsch gesprochen, auch waren Glaubensbrüder aus dem Reichsgebiet in das Ghetto Litzmannstadt, wie die Besatzer die Stadt genannt hatten, gebracht worden. Zu dem Archiv gehören heimlich aufgenommene Fotografien, die den Alltag im Ghetto dokumentieren. Nun liegen erstmals die Tagesberichte aus den beiden letzten Monaten vor der Auflösung des Ghettos in Buchform vor, sorgfältig kommentiert und, wo erforderlich, ins Deutsche übersetzt.
In den Tagesberichten wurde zunächst amtliche Statistik geführt. So ist für den 20. Juli 1944 verzeichnet: 14 Todesfälle, 2 Geburten (1 männlich, 1 weiblich), Einwohner: 70 117. Über die Versorgung mit Lebensmitteln ist festgehalten: "Die Zufuhr von Weißkohl hält auch heute an. Die Bevölkerung verträgt die jetzt gebotenen Krautsuppen sehr schlecht. Außerdem fehlt es ja an den notwendigen Zutaten, vor allem an Mehl, um eine einigermaßen nahrhafte Mahlzeit aus dem Kraut herstellen zu können."
Aufschluss über die Stimmung unter den Ghetto-Bewohnern gab der "Kleine Ghetto-Spiegel", der meist von dem Journalisten Oskar Rosenfeld verfasst wurde. Durch die Berichte mehrerer Tage zieht sich die tragische Geschichte eines jungen Mannes, der von den SS-Wachen gesucht wird und sich zunächst verstecken kann. Er hatte ein schweres Vergehen begangen: Radio gehört. Um der unvermeidlichen Folter zu entgehen, setzt der Verfolgte schließlich seinem Leben selbst ein Ende.

Lachen durch Tränen

Doch es sind nicht nur düstere Episoden, die Rosenfeld festgehalten hat. Vielmehr spiegelt seine Chronik auch das Hoffen der Ghetto-Bewohner auf einen guten Ausgang wider. Feuilletonistische Perlen sind seine doppelbödigen Skizzen unter der Rubrik "Ghetto-Humor". Da gibt es eine alte alleinstehende Frau, die bündelweise Postkarten kauft, als die deutschen Besatzer vorübergehend die Einrichtung einer "Ghetto-Post" erlauben. Sie hat zwar niemanden, an den sie schreiben könnte - aber wer weiß, wann es wieder Postkarten gibt? Lachen durch Tränen.
Es sind vor allem die "Tagesberichte", die das Lodzer Ghetto-Archiv zu einer einzigartigen Dokumentensammlung machen. Sie geben dem Schrecken und auch dem Erschrecken ein menschliches Gesicht - und bewegen den Leser fast ein Menschenalter später viel tiefer als es Statistiken jemals könnten. Die Herausgeber haben somit auch ein wichtiges Stück deutscher Geschichte freigelegt, das nie in Vergessenheit geraten darf.

Thomas Urban


Aktuelles:
[03.09.2010] Bericht über Tagebücher von Friedrich Kellner im Gießener Anzeiger
[01.09.2010] Änderung der Telefonnummer von Sascha Feuchert
[31.07.2010] Gießener Anzeiger berichtet über Werkstattgespräch mit Steve Sem-Sandberg
[31.07.2010] Ausstellung zu Leben und Werk Hilda Stern Cohens ausleihbar
[31.07.2010] Mitglied werden im Förderverein
[10.04.2008] Aktuelle Besprechungen der Getto-Chronik