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HOST=mysql.hrz.uni-giessen.de Arbeitsstelle Holocaustliteratur
Arbeitsstelle Holocaustliteratur am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen
Holocaustliteratur - zur Begriffsbestimmung


Seit einiger Zeit hat sich der Begriff "Holocaustliteratur" - aus dem Amerikanischen kommend - als eine Art Genre-Bezeichnung etabliert für eine Vielfalt von Textsorten, die die klassischen Gattungsgrenzen zwischen Epik, Lyrik und Drama überschreitet. Dabei bleibt die Bezeichnung - trotz ihrer (weiter zunehmenden) Verbreitung etwa in Verlagsprospekten, Rezensionen und wissenschaftlichen Untersuchungen - weitgehend diffus: Einmal werden nur fiktive Texte zum Holocaust unter diesem Begriff subsumiert, ein anderes Mal nur "authentische", d.h. von Überlebenden verfasste Schriften, und in wieder anderen Fällen beide Textsorten. Auch der Begriff "Holocaust" wird häufig unterschiedlich verstanden: Manchmal umfasst er die Gesamtheit der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik, dann wieder bezieht er sich konkret auf die Vernichtung der jüdischen Menschen in den Konzentrationslagern und spart andere Opfergruppen aus. Es versteht sich deshalb von selbst, dass die Arbeitsstelle zunächst klären musste, was unter dem Begriff "Holocaustliteratur" zu verstehen ist. Die nachfolgende Definition ist im Zuge der ersten Arbeiten entstanden und muss als "work in progress" verstanden werden:

"Holocaustliteratur" umfasst alle literarischen Texte über den Holocaust. Zugrunde gelegt wird hierbei zunächst ein weites Verständnis der Metapher "Holocaust": Diese umfasst alle Aspekte der nationalsozialistischen "Rassen"-, Verfolgungs- und Vernichtungspolitik gegen alle Opfergruppen. Ein solch weites Verständnis des Begriffs ist freilich nur legitim, wenn dabei der Einmaligkeitscharakter der planmäßigen Vernichtung der europäischen Juden nicht untergeht oder überdeckt wird, der das wesentliche und unvergleichbare Kennzeichen des nationalsozialistischen Terrors war. Daher wird dafür plädiert, dieses noch einmal gesondert mit der Metapher "Shoah" zu bezeichnen, die somit - um mit Walter Reich zu sprechen - "den schrecklichen Kern des Holocaust" bildete. Beide Begriffe stehen also in einem engen Verhältnis zueinander und werden nicht losgelöst voneinander verwendet.

Des weiteren kommt bei der Gattungsbezeichnung "Holocaustliteratur" ein weitgehend traditioneller Textbegriff zum Tragen, der von der Absicht eines Autors zur (sprachlichen) Kommunikation ausgeht. Außerdem wird ein weites Verständnis von "literarisch" vorausgesetzt: Es bezeichnet hier Texte, die das Geschehen vermitteln wollen, indem sie z.B. Tropen benutzen, auf Archetypen zurückgreifen und das Geschehen (in Sinn suggerierender Weise) anordnen, ohne dabei wissenschaftlichen Kriterien und Konventionen zu folgen. Die Texte sind indes jeweils - im weiteren Sinne - "subjektabhängige" Interpretationen des Holocaust und keine wissenschaftlichen "Metadokumente". Zu diesen Texten können neben Tagebüchern und Chroniken, die zur Zeit des Geschehens entstanden, auch Memoiren und Erinnerungen, die nach den Ereignissen von Betroffenen verfasst wurden, wie auch fiktionale Bearbeitungen (Romane, Gedichte, Dramen), die den Holocaust zentral behandeln, gehören. "Fiktional" wird hierbei verstanden als Bezeichnung für den imaginären bzw. erfundenen Charakter von (einzelnen) Personen und/oder Ereignissen und/oder Orten. Die Verbindung des Autors zum Geschehen, sein Status als unmittelbar Beteiligter (Täter oder Opfer) oder Unbeteiligter (z.B. als Angehöriger der nachfolgenden Generationen) an den Geschehnissen des Holocaust, spielt eine zentrale Rolle bei der Beurteilung der einzelnen Texte, doch ist diese Verbindung kein exklusives Kriterium für die Zugehörigkeit seines Textes zum Genre der "Holocaustliteratur".

(vgl. dazu: Sascha Feuchert [Hg.]: Holocaust-Literatur: Auschwitz. Stuttgart: Reclam 2000. S. 22f.)

Aktuelles:
[03.09.2010] Bericht über Tagebücher von Friedrich Kellner im Gießener Anzeiger
[01.09.2010] Änderung der Telefonnummer von Sascha Feuchert
[31.07.2010] Gießener Anzeiger berichtet über Werkstattgespräch mit Steve Sem-Sandberg
[31.07.2010] Ausstellung zu Leben und Werk Hilda Stern Cohens ausleihbar
[31.07.2010] Mitglied werden im Förderverein
[10.04.2008] Aktuelle Besprechungen der Getto-Chronik