Ausstellung zu Friedrich Kellner am 18.09.2005 in Laubach
Ausstellung zu Friedrich Kellner am 18.09.2005 in Laubach Arbeitsstelle Holocaustliteratur veröffentlicht Tagebücher
Friedrich Kellner hat in Laubach jahrelang Tagebuch geführt. Im Geheimen, weil es für ihn den sicheren Tod bedeutet hätte, wären die Notizen bekannt geworden. Der Sozialdemokrat brachte seine Beobachtungen während der Nazizeit zu Papier. Weil er und seine Ehefrau Pauline Kellner sich für verfolgte Juden eingesetzt hatten, wurde dem Justizangestellten mit Verhaftung und KZ gedroht. Friedrich Kellners Tagebücher wurden bisher nur in den USA öffentlich gezeigt. Jetzt werden die historischen Dokumente zum ersten Mal auch in Deutschland der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Der Gießener Anzeiger und der Heimatkundliche Arbeitskreis Laubach präsentieren - in Zusammenarbeit mit der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der JLU - gemeinsam im Laubacher Heimatmuseum eine Ausstellung über die Tagebücher. Kellners Enkel Professor Dr. Scott Kellner kommt eigens dazu aus den USA nach Laubach. Die Ausstellung, für die ein Raum im Erdgeschoss des Museums reserviert ist, wird am Sonntag, 18. September, um 11 Uhr eröffnet und dauert zwei Wochen. Dr. Sascha Feuchert, der stellvertretende Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur, wird am Eröffnungstag die Bedeutung der Tagebücher als Zeitdokument erläutern und eine Einführung in die Ausstellung geben. Die Arbeitsstelle Holocaustliteratur hat unter Leitung von Professor Dr. Erwin Leibfried mit Scott Kellner einen Vertrag geschlossen, der ihr die Buch-Veröffentlichungsrechte an den Tagebüchern in Deutschland sichert. Bis zum Jahr 2007 soll das 150000-Euro-Projekt abgeschlossen sein.
Im texanischen College Station, der Heimatstadt von Friedrich Kellners Enkel, hat es bereits eine Ausstellung über die Tagebücher gegeben. Sie wurde gezeigt in der George Bush Presidential Library and Museum, einer Einrichtung, die vom ehemaligen US-Präsidenten geschaffen wurde. Scott Kellner ist begeistert darüber, dass das Werk seines Großvaters nun in Deutschland als Buch veröffentlicht und sogar in der Stadt, in der Friedrich Kellner viele Jahre lang lebte, in einer Ausstellung gezeigt wird: "Das ist genau das, wofür mein Opa geschrieben hat: Er wollte kommenden Generationen eine Waffe gegen jedes Wiederaufleben solch barbarischer Akte geben."
Nach Kriegsende blieb Friedrich Kellner in Laubach, war für die SPD wieder politisch aktiv und wurde unter anderem Erster Stadtrat. 1970 starb der Mann, den Sascha Feuchert als "äußerst geradlinige und aufrechte Persönlichkeit" bezeichnet. In der Ausstellung im Laubacher Heimatmuseum werden Dokumente aus dem Leben Friedrich Kellners zu sehen sein, Fotos der Familie aus den Laubacher Jahren und der Zeit davor in Mainz und natürlich ausgewählte Eintragungen aus den Tagebüchern - sowohl als Reproduktionen, die die gestochen scharfe Sütterlinschrift Kellners zeigen, als auch gedruckte Transkriptionen dieser Eintragungen.
Friedrich Kellner kam es bei seinen damals geheimen Aufzeichnungen nicht darauf an, Zeitgenossen bloßzustellen. Er verstand sein insgesamt zehnbändiges Tagebuch, das er von 1939 bis 1945 führte, als Waffe für kommende Generationen gegen eine mögliche neue Tyrannei. Auf 860 Seiten brachte er 676 datierte Eintragungen zu Papier und klebte 525 Zeitungsausschnitte ein.
Öffentlich konnte Friedrich Kellner seine Meinung damals nicht mehr kundtun. Dem Tagebuch aber vertraute Friedrich Kellner kompromisslos an, welche Gefahren er im Nazisystem sah. So schrieb er beispielsweise am 17. September 1939: "Die Demokratie mit den Füßen zu treten und einem einzigen Menschen die Gewalt über nahezu 80 Millionen Menschen zu geben, ist so furchtbar, dass man ob der Dinge, die da kommen werden, sehr wohl zittern kann."
Die Ausstellung der Tagebücher wird im Heimatmuseum Fridericianum in Laubach (Friedrichstr. 11) ab dem 18. September zu folgenden Zeiten zu sehen sein:
Di. u. Do. 18-20 Uhr
Mi. 10-12 Uhr
Sa. 14-17 Uhr
So. 10-12 Uhr und 14-17 Uhr