Arbeitsstelle Holocaustliteratur am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen
Pressearchiv 2010Gießener Anzeiger, 31.07.2010: "Literatur darf alles und muss alles dürfen"
Gießener Anzeiger, 07.01.2010: Von den Nazis zu Nummern gemacht
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Aus: Gießener Anzeiger: 07.01.2010
Von den Nazis "zu Nummern gemacht"
Der ungarische Holocaust-Überlebende Dr. György Denes besucht die Arbeitsstelle Holocaustliteratur der JLU
(V). Für die Mitarbeiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur war der Besuch eine große Freude. Vor allem die herzlichen Worte, die der Holocaust-Überlebende Dr. György Denes aus Ungarn für die Tätigkeit der weltweit einzigartigen Institution fand. Dabei wurde auch eine mögliche Zusammenarbeit ins Auge gefasst. Denes war Häftling in den Konzentrationslagern Bergen-Belsen und Theresienstadt. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Csöpi wurde er von Charlotte Kitzinger und Dr. Markus Roth an der JLU begrüßt. Das Ehepaar informierte sich über die Lehrveranstaltungen sowie die Forschungsprojekte der Arbeitsstelle. György Denes, selbst Historiker und Jurist, erhielt so Einblicke, wie die Tagebücher des ehemaligen Laubacher Justizangestellten Friedrich Kellner transkribiert und für eine Edition vorbereitet werden.
Die während des Nationalsozialismus im Verborgenen festgehaltenen Niederschriften belegen, dass die "normalen" Deutschen sehr wohl über die Judenvernichtung Bescheid wissen konnten. Wenn sie denn wollten.
Bevor György und Csöpi Denes die Arbeitsstelle besuchten, hatten sie in Lich das Kulturzentrum Bezalel-Synagoge besichtigt. Dabei hatte Dr. Klaus Konrad-Leder, Geschäftsführer der Ernst-Chambré-Stiftung, die Geschichte und Nutzung des Gebäudes im Lauf der Jahrzehnte erläutert.
György Denes wurde 1923 in Orosháza in Südostungarn geboren. Sein Vater war Jude, seine Mutter evangelische Christin. Er wuchs zweisprachig auf und machte am evangelischen Gymnasium Abitur, danach studierte er an der Universität der Stadt Pecz Geschichte und Jura. Als die Deutsche Wehrmacht im April 1944 Ungarn besetzte, wurde Denes ins Getto eingewiesen und zur Zwangsarbeit herangezogen. Im Dezember 1944 wurde er dann mit 4000 Juden ins Konzentrationslager Bergen-Belsen im heutigen Niedersachsen deportiert. Er musste dort als Holzfäller arbeiten, magerte aufgrund der schweren Arbeit sowie der katastrophalen Ernährungs- und Unterbringungssituation auf 33 Kilogramm ab.
Am 10. April - eine Woche bevor englische Truppen Bergen-Belsen befreiten - wurde György Denes mit 2000 Leidensgenossen in Güterwaggons ins Konzentrationslager Theresienstadt geschickt. Weil der Zug als Militärtransport getarnt war, wurde er bei der Fahrt, die zwölf Tage dauern sollte, von alliierten Flugzeugen beschossen.
"Sehr, sehr viel Glück"Unter anderem kamen dabei in Brandenburg in der Nähe des Dorfes Zernitz 48 Häftlinge ums Leben, da sie nicht wie die Wachmannschaften den Zug verlassen und Deckung suchen konnten. Ihre Leichen wurden nach Angaben von György Denes vor einiger Zeit von Mitarbeitern der Gedenkstätte Bergen-Belsen in einem Massengrab entdeckt. Dabei hat Denes bisher 45 Namen der getöteten Kameraden recherchieren können. "Das waren Menschen mit Namen, auch wenn die Nazis sie zu Nummern machten", sagte er. Sein Ziel ist es, dass eine Gedenktafel mit den Namen aller 48 Toten an dem Massengrab angebracht wird. Denes überlebte den Transport nach Theresienstadt schwer verletzt und "mit sehr, sehr viel Glück". Durch einen weiteren kaum vorstellbaren Zufall - eine ungarische Krankenschwester aus seiner Geburtsstadt entdeckte ihn in dem Raum, in den er zu den Sterbenden gelegt worden war - konnte er im Mai 1945 in Theresienstadt befreit werden. Nach einigen Wochen Krankenlager kehrte er nach Ungarn zurück. Dort machte er seinen Vater ausfindig, der der Vernichtung ebenfalls entgangen war. Drei Schwestern und zwei Brüder fielen jedoch ebenso dem Holocaust zum Opfer wie viele weitere Verwandte.
György Denes beendete sein Studium und wurde Geschichtsprofessor in Ungarn. Gegenüber Deutschen habe er zunächst keine "guten Gefühle" gehabt, "das ist zu verstehen, nachdem was passiert ist", sagte er. Bald habe er jedoch deutschstämmige Studenten kennengelernt und gemerkt, dass es auf die Einstellung der einzelnen Menschen ankomme. "Dass einer Deutscher ist, macht ihn noch nicht zu einem schlechten Menschen", sagt der Holocaust-Überlebende.
Mit seinen Studenten beteiligte sich György Denes 1956 am Aufstand gegen das stalinistische Regime. Nach der Niederschlagung saß er drei Monate im Gefängnis und wurde als Universitätsdozent abgesetzt. Durch sein Zweitstudium als Jurist fand er als Anwalt eine Anstellung bei einem größeren Unternehmen. Dann studierte er Geowissenschaften und durfte - weil dies im Unterschied zur Geschichte "kein politisches Fach" war - auch wieder an der Universität forschen und lehren.
Heute ist György Denes stellvertretender Vorsitzender des Dachverbandes der ungarischen KZ-Häftlinge und in Deutschland Mitglied im Beirat der niedersächsischen Gedenkstätten. Bei seinem Besuch der Arbeitsstelle Holocaustliteratur regte er eine Vernetzung mit der Gedenkstätte Bergen-Belsen an und erklärte sich bereit Kontakte herzustellen. Charlotte Kitzinger und Markus Roth zeigten sich erfreut über dieses Angebot und ermunterten ihn auch vor Studierenden der JLU über sein Schicksal zu berichten. György Denes war auf Einladung der Lagergemeinschaft Auschwitz - Freundeskreis der Auschwitzer für zehn Tage in Hessen und hatte in mehreren Schulen mit Jugendlichen diskutiert.