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HOST=mysql.hrz.uni-giessen.de Arbeitsstelle Holocaustliteratur
Arbeitsstelle Holocaustliteratur am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen
Pressearchiv 2008


Jüdische Zeitung, Januar 2008: Der Krepierwinkel Europas

Jüdische Zeitung, Januar 2008: Alles, was geblieben ist....

Die Furche, 14.02.2008: Umweg in den Tod

Frankfurter Rundschau, 15.02.2008: Protokoll eines langsamen Todes

Die Welt, 01.03.2008: Verzweiflung und Selbstbehauptung

Bild, 13.03.2008: Der Chronist des Grauens

H-Soz-u-Kult, 14.03.2008: Die Chronik des Gettos Lodz/Litzmannstadt

Wetzlarer Neue Zeitung, 27.04.2008: Fenster zum Alltag der Opfer öffnen

DAAD Letter, Nr. 1, April 2008: Erschütterndes Dokument

Damals 5/2008: Chronik des Grauens

Gießener Anzeiger, 24.04.2008: Erschütterndes Dokument der menschlichen Grausamkeit

Urner Wochenblatt, 16.7.2008: Epochemachendes und ausführliches Werk

Gießener Anzeiger, 08.08.2008: "Ein Mensch, der sich treu geblieben ist"

Gießener Anzeiger, 08.10.2008: Lesung mit weltweit bekannter Autorin Ruth Klüger

Frankfurter Rundschau, 20.10.2008: "Chronik des Gettos Lodz"

Gießener Anzeiger, 08.11.2008: Anlaufstelle für Überlebende des Naziterrors

Gießener Allgemeine Zeitung, 21.11.2008: Auf 900 Seiten kritische Kommentare zum „Dritten Reich“


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Aus: Gießener Allgemeine Zeitung, 21.11.2008

Auf 900 Seiten kritische Kommentare zum „Dritten Reich“:

Lich/Laubach (vh). Fast 900 Seiten voll mit Anklagen gegen die politische Klasse im Allgemeinen und sein persönliches Umfeld in Laubach im Besonderen bilden das Vermächtnis von Justizinspektor Friedrich Kellner (geboren 1885 Vaihingen, gestorben 1970 Lich). Die Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Universität Gießen bereitet die Veröffentlichung vor. Am Mittwoch referierten Prof. Dr. Erwin Leibfried und Dr. Sascha Feuchert anlässlich der Reihe »9. November 1938« im VHS-Haus in Lich über Kellners »stillen Widerstand«.

Prof. Erwin Leibfried und Dr. Sascha Feuchert stellten im VHS-Haus Lich die Tagebücher des Laubacher Justizinspektors Friedrich Kellner vor. (Foto: vh)
Leibfried und Feuchert hatten sich 2005 die alleinigen Rechte an der Veröffentlichung gesichert. Mittlerweile sind alle handschriftlichen Texte Kellners (abgefasst im altdeutschen Sütterlin) digitalisiert worden. Redaktionelle Arbeiten verschiedener Art stehen jetzt noch bevor. Verläuft alles nach Plan, erscheint das vollständige Werk im Jahresverlauf 2009. Der geschäftsführende Justizbeamte am Laubacher Amtsgericht (von 1933 bis 1947) verfügte berufsbedingt über größere Zugangs- und Informationsmöglichkeiten als für die ländliche Bevölkerung in Oberhessen üblich. Zwei wesentliche Besonderheiten heben Kellners Aufzeichnungen von anderen ab. Ab 1938 und bis Kriegsende sammelte Kellner propagandistische Zeitungsartikel, vor allem aus überregionalen Blättern, so dem Völkischen Beobachter« (publizistisches Parteiorgan der NSDAP), der Hessischen Landes-Zeitung (amtliches Organ des NSDAP Gau Hessen-Nassau) und dem Hamburger Fremdenblatt (eine der bedeutendsten Tageszeitungen Hamburgs bis 1944). Eingeklebt ins Tagebuch, setzte der Absolvent der Mainzer Goethe-Oberrealschule eigene Beobachtungen, Rückschlüsse und ausführliche Kommentare hinzu. Propaganda versus Wirklichkeit. »Kommentare zum Zeitgeschehen wäre deshalb die bessere Formulierung als Tagebuch«, meinte Leibfried.

Die geplante Buchherausgabe beinhaltet sämtliche Zeitungsartikel, entweder als Abschrift oder Faksimile. Solcherlei Fragen sind es, die von den Herausgebern zurzeit geklärt werden. Ein weitaus größeres Problem der publizistischen Veröffentlichungsrechte bildet die vollständige Namensbenennung der Opfer und vor allem der Täter aus Laubach und Umgebung. Anders als etwa Victor Klemperer in seinen bekannten Tagebüchern blendet Kellner solche Alltagsschilderungen aus, die nicht unmittelbar auf einen politisch relevanten Sachverhalt Bezug nehmen. Daher scheint das zu veröffentlichende Werk insbesondere für den Unterricht an Schule und Universität geignet. Feuchert steuerte die Variante »Politisches Tagebuch - ein Gespräch mit sich selber« bei. Für das, was Kellner seiner Kladde anvertraute, ehlte ihm das personifizierte Gegenüber.

Wegen unbequemer Haltung gegenüber den neuen Machthabern wurde der bekennende Sozialdemokrat samt Familie bereits 1933 aus Mainz davon gejagt. Aber auch im beschaulichen Oberhessen musste Kellner sich ein Stückweit konform verhalten. Feuchert sprach von »massiven Bitten aus Laubach« an höhere Stellen, um Kellner auch von hier abzuschieben. Wahrscheinlich habe ihn ein unbekannter Gönner oder das Beamtenrecht (vielleicht sogar beides) vor Schlimmerem bewahrt. Obgleich Kellner der denkbaren Abschiebung ins Konzentrationslager entging, musste er mindestens auf eine Hausdurchsuchung gefasst sein. Hätte man dabei seine Aufzeichnungen entdeckt, wäre es um ihn allemal geschehen, folgerte Leibfried sinngemäß. Nach Kriegsende lehnte Kellner ein Angebot auf den Laubacher Bürgermeisterstuhl ab. Außerdem versuchte er nie, sein geheimes Tagebuch zu publizieren.

Ludwig Heck, ab 1935 als Lehrling am Laubacher Gericht, wusste als einer von wenigen Vertrauten von der Existenz dieser Aufzeichnungen. Er schilderte dem überschaubaren Zuhörerkreis in der Volkshochschule aufgrund seiner Einschätzung der Persönlichkeit Kellners die möglichen Gründe. Kellner, übrigens überzeugter Patriot und Demokrat, habe keinen Hass bei den Laubachern schüren wollen. Ja, Kellner habe überhaupt nie mit jemanden Krach gesucht. Er habe nur so objektiv wie möglich seine Sicht der Sachlage schildern wollen.

Erst 1968 vertraute der weitsichtige Kellner das zehnbändige Tagebuch seinem in den USA lebenden Enkel Professor Robert Scott Kellner an. Mittlerweile hat die TV-Gesellschaft CCI-Entertainment Toronto/Kanada den Dokumentarfilm »Mein Widerstand - Die Tagebücher des Friedrich Kellner« fertig gestellt. Weltweite Vermarktung ist angepeilt, auch das ZDF hat sich schon interessiert. Prof. Kellner organisiert Tagebuch-Ausstellungen in den USA, bisher etwa im George Bush Presidential Library & Museum und im Holocaust-Museum Houston (beides Texas).


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Aus: Gießener Anzeiger, 08.11.2008:

Anlaufstelle für Überlebende des Naziterrors

Arbeitsstelle Holocaustliteratur der JLU besteht seit zehn Jahren - Lesung mit Ruth Klüger zum Jubiläum - Lodzer Getto-Chronik

Heidrun HelwigGIESSEN. Überrascht ist der Austauschstudent nicht. Schließlich hat er die Dokumente selbst aus dem Depot bestellt. Denn er weiß seit langem, dass die Originale der Chronik im Staatsarchiv Lodz aufbewahrt werden. Deshalb beginnt er im Lesesaal auch sogleich, sich in die engbeschriebenen Tagesberichte aus dem Getto zu vertiefen. Und doch ist er schon bald verblüfft. Und fragt sich verwundert, warum sich so lange niemand für diesen "Schatz" interessiert hat. Warum diese "unfassbare Quelle" noch nicht komplett ediert und damit öffentlich zugänglich ist. "Diese Fragen haben mich damals nicht mehr losgelassen", erinnert sich Dr. Sascha Feuchert. Und kaum zurück in Gießen hat er gemeinsam mit Prof. Erwin Leibfried den Plan gefasst, die "einzigartige Textsammlung" in einer historisch-kritischen Ausgabe zu edieren. "Und das war die Geburtsstunde der Arbeitsstelle Holocaustliteratur." Noch aber dauerte es rund zwei Jahre, bevor 1998 an der Justus-Liebig-Universität (JLU) dann tatsächlich die Rahmenbedingungen für die Gründung der Arbeitsstelle geschaffen waren. Inzwischen liegt nicht nur die beeindruckende, sorgfältig bearbeitete Edition der Lodzer Getto-Chronik vor, sondern die Gießener Einrichtung hat sich obendrein fest in der internationalen Forschungslandschaft etabliert. Grund genug also, das zehnjährige Bestehen mit einer besonderen Veranstaltung zu begehen. Am Samstag, 15. November, wird die renommierte Autorin und Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger, die als Mädchen den Holocaust überlebt hat, um 19.30 Uhr im Netanya-Saal im Alten Schloss aus ihrem gerade erschienenen Erinnerungsbuch "unterwegs verloren" lesen.
"Es war unser ausdrücklicher Wunsch, dass Ruth Klüger zu diesem Jubiläum nach Gießen kommt", sagt Sascha Feuchert im Gespräch mit dem Anzeiger. Inzwischen nämlich leitet der Austauschstudent von einst gemeinsam mit Erwin Leibfried die Arbeitsstelle Holocaustliteratur. "Und wir freuen uns sehr, dass sie zugesagt hat." Denn für die Wissenschaftler ist der Besuch der 77-Jährigen ein "echter Höhepunkt". Schließlich hat die in Wien geborene Ruth Klüger mit ihrem autobiographischen Buch "weiter leben. Eine Jugend" im Jahr 1992 einen "Meilenstein der Erinnerungsliteratur" vorgelegt. Und ein Jahr später hatte die zierlich gewachsene, aber überaus resolute Literaturwissenschaftlerin daraus auch in Gießen gelesen. "Ruth Klüger hat mich damals nachdrücklich beeindruckt", erzählt Feuchert, der später zu "weiter leben" einen Band "Erläuterungen und Dokumente" veröffentlich hat. Und diese erste Begegnung habe - noch vor dem Auslandsemester an der Universität Lodz - eine "große Rolle" für die intensive Beschäftigung mit Holocaustliteratur gespielt. Allerdings stand von vornherein fest: "Es ging uns nicht nur um Forschung und Editionen. Wir wollten auch die Lehre ganz fest einbinden." Das spiegelt sich im Namen der Gießener Einrichtung wider: "Ganz bewusst haben wir uns nicht Forschungsstelle genannt."
Doch es war ein langer Weg bevor gemeinsam mit der Präsidialabteilung der JLU über die formale Gründung einer eigenen Institution diskutiert werden konnte. Denn nach dem Aufenthalt an der polnischen Partneruniversität der JLU im Jahr 1996 hatten Erwin Leibfried und Sascha Feuchert - später kam noch der Sprachwissenschaftler Prof. Jörg Riecke hinzu - zunächst überlegt, mit welcher Institution sie wegen der Edition der Lodzer Getto-Chronik in Verbindung treten könnten. "Dabei ist uns klar geworden, dass es keine Stelle gibt, die sich aus germanistischer Sicht mit solchen Texten beschäftigt", sagt der Literaturwisenschaftler. "Dass es eine Lücke in der Forschungslandschaft gibt, die so nicht bestehen bleiben darf." Als Glücksfall entpuppte sich dann der Kontakt zur Ernst-Ludwig Chambré-Stiftung zu Lich und deren geschäftsführenden Direktor Dr. Klaus Konrad-Leder. Denn immer wieder konnten die Wissenschaftler auf die finanzielle Unterstützung der Stiftung bauen. Parallel zu den Planungen für einen "institutionellen Rahmen", haben Feuchert und Leibfried wegen der Edition der kompletten Getto-Chronik damals auch Kontakt zum Staatsarchiv Lodz - die Nationalsozialisten hatten die Metropole in Litzmannstadt umbenannt - aufgenommen.
"Ein fremder, hässlicher Tod"Der Tod von Litzmannstadt-Getto ist ein fremder, hässlicher Tod. Ihn will ich zeichnen, wie er ist. Keine Novellen, keine erdachten Geschichten. In einigen erlebten Bildern soll er ohne jedes literarische Beiwerk an uns vorüberziehen", schrieb Otto Singer 1942. Der jüdische Schriftsteller und Journalist, der 1944 in Auschwitz ermordet wurde, ist einer der Hauptautoren der Chronik. Rund ein Dutzend Journalisten und Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen, die im Getto in Lodz eingepfercht waren, haben an dem 2000 Seiten umfassenden Text gearbeitet. Haben in Deutsch und Polnisch über das Leben und Sterben von mehr als 250000 Juden berichtet, die im Getto zwischen 1940 und 1944 unter extremsten Bedingungen ums Überleben kämpften. Und haben dabei mit einer unglaublichen Detailfülle Epidemien und Sterbefälle, verteilte Essenrationen und Festnahmen ebenso aufgezeichnet wie den täglichen Wetterbericht. Entstanden ist so "einer der längsten und vielstimmigsten Texte der Holocaust-Literatur", betont Feuchert. Das Staatsarchiv Lodz aber stand einer Edition - wohl auch von deutschen Germanisten - zunächst offenkundig kritisch gegenüber. "Wir haben uns drei Mal ein Nein abgeholt", erinnert sich Feuchert. Aufgegeben aber haben die Gießener Wissenschaftler nicht, und schließlich kam es doch zu einer sehr engen Kooperation mit den Forschern in Lodz. Eingebunden in die Partnerschaft der beiden Universitäten. Zunächst allerdings war die finanzielle Ausstattung der Arbeitsstelle bescheiden und immer wieder auch unsicher. Im Jahr 2002 aber dann der Durchbruch: Die deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) bewilligte die Förderung der Edition der Getto-Chronik.
Neben der rein wissenschaftlichen Ebene aber haben die Germanisten von Beginn an auch "andere Diskursebenen" mit eingebunden. Öffentliche Autorenlesungen wurden organisiert, Holocaustüberlebende zu Seminaren eingeladen, Exkursionen mit Studierenden nach Auschwitz, Lodz oder Buchenwald veranstaltet. "Wir wollten aber auch weltweit zum Ansprechpartner für Überlebende werden", sagt Sascha Feuchert. Und dadurch haben die Wissenschaftler und auch die Studierenden ganz besondere Menschen kennengelernt. Haben sich in persönlichen Gesprächen mit dem "so unfassbaren Ereignis Holocaust" beschäftigt und haben sich auch Freundschaften entwickelt. Besonders zu Lucille Eichengreen aus dem amerikanischen Berkeley. In Hamburg geboren, wurde die 83-Jährige als Kind mit Mutter und Schwester nach Lodz, später dann nach Auschwitz deportiert. Ihre Familie wurde ermordet, nur Lucille Eichengreen überlebte. Dabei hat sie in Lodz als Sekretärin von Otto Singer an der Entstehung der Chronik mitgearbeitet und schließlich auch die Edition der "wohl bedeutendsten Opferquelle" entscheidend unterstützt. Und die Wissenschaftler setzen auch weiter auf die Unterstützung der 83-Jährigen, die inzwischen drei Bücher über ihre menschenverachtenden Erlebnisse geschrieben hat. Denn an der Arbeitsstelle gibt es auch im Jubiläumsjahr zahlreiche Projekte. Etwa die Herausgabe einer im Getto Lodz entstandenen Enzyklopädie, die Edition der Tagebücher des ehemaligen Laubacher Justizangestellten Friedrich Keller oder die Untersuchung des "Holocaust in deutschen Zeitungen 1945 und 1946".


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Aus: Frankfurter Rundschau, 20.10.2008:

"Chronik des Gettos Lodz"

Statistik des Grauens

VON MARKUS BULGRIN
Es ist kalt, soviel ist sicher. Von Frost ist gar die Rede. Ganz pragmatisch, ganz sachlich. Der Wetterbericht. 1941 in Polen. Aber "das macht der Ghetto-Bevölkerung zu schaffen, die über keinerlei Heizmittel verfügt". So nüchtern dokumentieren die Schreiber ein beginnendes Massensterben. Und genau darin liegt die Kraft und Eindringlichkeit der "Chronik des Gettos Lodz".

Einem Zeugnis, das in seiner tabellarischen Auflistung, darüber wieviel Kilo Kohl und Kartoffeln jede Woche ins Lager kamen oder wie viele Diebstähle es täglich gab, in dieser unpersönlichen Statistik sein wahres Grauen entfaltet. Angesichts von 200 000 Menschen, die in dem Ghetto zusammengepfercht wurden.


Erstmals erscheint das Buch nun in deutscher Sprache, bisher gab es nur eine Gesamtausgabe, die ins Hebräische übersetzt wurde. Jahrelang hat Sascha Feuchert sich durch die 2 500 Seiten dieses einmaligen Zeugnisses gearbeitet. Rekonstruiert, kommentiert und schließlich verlegt. Gemeinsam mit seinen Studenten hat der Leiter der Arbeitstelle Holocaustliteratur an der Universität Gießen "tausende Dokumente" im Archiv in Lodz ausgewertet. Letztlich sind etwa 15 Verfasser für die Chronik verantwortlich. Journalisten, Wissenschaftler, Schriftsteller. Sie lebten im Ghetto Lodz und führten ihre Aufzeichnungen im Verborgenen, sagt Germanist Feuchert: "Ohne Kenntnis der übrigen Insassen."

Und vielleicht auch ohne Kenntnis der Nazis, aber das ist noch umstritten. Sicher ist, dass der so genannte "Juden-Älteste" Mordechai Chaim Rumkowski innerhalb der jüdischen Selbstverwaltung des Ghettos die Aufgabe erteilte, die täglichen Eintragungen vorzunehmen. "Wie eine Tageszeitung, nur ohne Leser", sieht Feuchert die Chronik deshalb. Zumal der Adressat unfassbar sei: "Der Leser der Zukunft." Der eines Tages die Geschehnisse auswerten soll. Auch über die Deportationen und Neuankünfte in Lodz.

Unter ihnen war auch Friedrich Schafranek. Am 19. Oktober 1941 wurde er als kleiner Junge, gemeinsam mit seinen Eltern und dem Bruder von zuhause abgeholt. Um sieben Uhr morgens. Als einer von 1125 Juden aus Frankfurt, sollte Schafranek nach Lodz deportiert werden. Und am Ende einer vor genau drei Überlebenden aus Frankfurt werden. Alle anderen gingen nach Auschwitz und in den Tod. Zur Vorstellung der Chronik am Sonntag sollte Schafranek eigentlich erzählen. Im Bunker, auf dem Fundament der ehemaligen Synagoge, sollte sich der Mann noch einmal an sein Leiden erinnern. Doch "aus gesundheitlichen Gründen" konnte er nicht kommen.

So bleiben die schriftlichen Zeugnisse. In doppelter Hinsicht: die Überlebenden sterben allmählich und mit ihnen die Erinnerung. Etwas, das die Chronik in ihrer Neuauflage verhindern soll. Und mit ihr die künftigen Leser.


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Aus: Gießener Anzeiger, 08.10.2008:

Lesung mit weltweit bekannter Autorin Ruth Klüger

Arbeitsstelle Holocaustliteratur feiert zehnjähriges Bestehen mit besonderem Gast - Erinnerungsbuch "unterwegs verloren"

GIESSEN (V). Einen ganz besonderen Gast kann die Arbeitsstelle Holocaustliteratur der JLU begrüßen. Denn zum zehnjährigen Bestehen der renommierten Einrichtung wird die weltweit bekannte Autorin Ruth Klüger am 15. November aus ihrem neuen Erinnerungsbuch "unterwegs verloren" lesen.
Ihr autobiographisches Werk "weiter leben. Eine Jugend" aus dem Jahr 1992 war ein Meilenstein der Erinnerungsliteratur: Es schildert nüchtern und frei von jeglichem Pathos die Erinnerungen an ihre vom Antisemitismus und Verfolgung geprägte Kindheit in Wien und das daraus resultierende gespaltene Verhältnis, das sie bis heute zu ihrer Geburtsstadt hat. Klüger berichtet darin eindringlich von ihrem Überleben im Getto Theresienstadt und den Konzentrationslagern Auschwitz-Birkenau und Christianstadt sowie über die (Un)möglichkeit des "weiter lebens" danach, heißt es in einer Pressemitteilung.
Ihr neuestes Erinnerungsbuch "unterwegs verloren" handelt nun von Klügers Leben nach dem Krieg. Aus dem dreizehnjährigen Mädchen, dem die Gaskammer nur durch einen glücklichen Zufall erspart geblieben war, wurde eine angesehene Literaturwissenschaftlerin, eine selbstbewusste Feministin und international ausgezeichnete Schriftstellerin. Ihr Leben in Amerika in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die komplexe Beziehung zu ihren zwei Söhnen, die unglückliche Ehe und die als Befreiung empfundene Scheidung sind Themen dieser Autobiographie. Sie berichtet, welche Reaktionen ihre eintätowierte Häftlingsnummer aus Auschwitz auslöst - auch noch Jahrzehnte nach dem Holocaust. Die Autorin beschreibt in ihrem neusten Buch ihr brüchiges Verhältnis zu Männern im Allgemeinen und Martin Walser im Besonderen.
Ruth Klüger wurde 1931 in Wien als Tochter eines jüdischen Arztes geboren. Bereits in ihrer frühen Kindheit erlebte sie den Antisemitismus und die systematische Ausgrenzung der Juden aus dem öffentlichen Leben in ihrer Heimatstadt. Der Vater und ihr Bruder fielen dem Holocaust zum Opfer. 1942 wurde Ruth Klüger im Alter von elf Jahren gemeinsam mit ihrer Mutter deportiert. 1945 gelang ihnen die Flucht noch kurz vor Kriegsende. 1947 emigrierte Ruth Klüger mit ihrer Mutter als 16-Jährige in die USA und wurde Professorin für deutsche Literaturwissenschaft. Seit 1988 Gastprofessorin an der Universität Göttingen. Dementsprechend wohnt und lebt Ruth Klüger in Irvine und Göttingen.
Sie hat zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen erhalten, etwa 2001 den Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch und 2003 die Ehrendoktorwürde der Georg-August-Universität Göttingen.
Die Lesung findet am 15. November um 19.30 Uhr im Netanya-Saal des Alten Schlosses statt. Der Eintritt ist frei.
http://www.holocaustliteratur.de .


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Aus: Gießener Anzeiger, 08.08.2008:

"Ein Mensch, der sich treu geblieben ist"

Kanadischer Fernsehfilm über den ehemaligen Laubacher Justizinspektor Friedrich Kellner im Laubach-Kolleg vorgeführt

LAUBACH (kr). Fast alle Schülerinnen und Schüler des Laubach-Kollegs haben den kanadischen Fernsehfilm "My Opposition. The Diaries of Friedrich Kellner. A Story of Courage and Devotion" im Atrium des Kollegs gesehen. Hauptperson der Dokumentation ist der ehemalige Laubacher Justizinspektor Friedrich Kellner, der während des Zweiten Weltkriegs ein geheimes regimekritisches Tagebuch führte. Sein Enkel Scott Kellner hatte den Film, an dem auch das ZDF interessiert ist, dem Kolleg zur Verfügung gestellt. Der Film "Mein Widerstand. Die Tagebücher des Friedrich Kellner. Eine Geschichte von Mut und Hingabe" war von einem kanadischen Filmteam 2005 unter anderem in Laubach gedreht worden. Er schildert, wie Friedrich Kellner mit seiner Familie 1933 aus Mainz nach Laubach übersiedelte, wo er eine Stellung am Amtsgericht annahm. Sein Widerstand gegen den Nationalsozialismus erschöpfte sich nicht in der trotz wiederholter Aufforderungen standhaften Weigerung, der NSDAP beizutreten. Bei dem Pogrom gegen Laubacher Juden am 9. November 1938, bei dem auch die Synagoge zerstört wurde, versuchte der Justizinspektor, auf seinen Chef einzuwirken, die Gewalt zu stoppen.
"My Opposition" verdeutlicht, dass eine solche Handlungsweise damals von einem deutschen Staatsbeamten viel Mut verlangte. Friedrich Kellner wurde denn auch mit der Einweisung in ein Konzentrationslager bedroht, wenn er seine Aktionen nicht einstelle. daraufhin entschloss er sich, im Geheimen ein Tagebuch zu führen, das einst künftigen Generationen nicht nur zur Mahnung dienen, sondern ihnen auch eine Waffe gegen jedes Wiederaufleben solchen Unrechts in die Hand geben sollte. In seiner Dienstwohnung im Erdgeschoss des Amtsgerichts verfasste Friedrich Kellner bis 1945 insgesamt zehn Tagebücher, die seine politischen und menschlichen Anschauungen gegenüber dem Nationalsozialismus zum Ausdruck bringen. Über die Tagebücher Friedrich Kellners veranstalteten der Gießener Anzeiger und der Heimatkundliche Arbeitskreis Laubach im Herbst 2005 eine Ausstellung im Heimatmuseum Fridericianum. Nach der Umgestaltung des Museums ist eine Dauerausstellung dem Wirken des einstigen Laubacher Justizinspektors, der nach dem Krieg in der SPD und in der Laubacher Stadtverwaltung aktiv war, gewidmet.
Der Film, für dessen Vorführung ein Unterrichtsnachmittag am Laubach-Kolleg ausfiel, beschäftigt sich aber nicht nur mit Friedrich Keller. Die Hintergründe hat sein Enkel, der in Texas lebende Professor Scott Kellner, recherchiert. Das Ehepaar Kellner hatte 1935 seinen Sohn Karl Friedrich Wilhelm in die USA geschickt, damit er der Einberufung zur Wehrmacht entgehe. Fred Kellner, wie er sich in Amerika nannte, war als Kind in die Ideologie der Nazis verstrickt worden und kam nicht mit dem Gefühl zurecht, ein Mensch ohne Vaterland zu sein. Nach dem Krieg kehrte er als US-Soldat nach Laubach zurück - "in er falschen Uniform", wie manche ihm damals vorwarfen. Fred Kellner schaffte es nicht, mit seinen zwiespältigen Loyalitäten fertig zu werden und nahm sich 1953 das Leben. Er hinterließ zwei Söhne und eine Tochter in den USA und eine weitere Tochter in Frankreich.
Scott Kellner wuchs in einem Kinderheim auf und kam als Angehöriger der US-Marine auf der Suche nach seinen Großeltern 1960 nach Laubach. Friedrich Kellner übergab ihm später seine Tagebücher, und der Enkel versprach, sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Eine Einleitung zum Film sprach Pfarrerin Christine Gengenbach im Kolleg. Es sei vor allem die Familiengeschichte der Kellners, die berühre, meinte sie. Dem Zuschauer des Films stellten sich aber auch Fragen wie die, warum man Friedrich Kellner in der Region kaum kennt. Gengenbach verwies auf zwei Gebäude, die Wirkungs- und Wohnstätten Friedrich Kellners waren und die bis heute im Laubacher Stadtbild zu finden sind: Das ehemalige Haus der Kellners in der Andreeallee und das heute als Altersheim genutzte einstige Amtsgericht in der Friedrichstraße. Diese lokale Verbundenheit könnte durchaus die heutigen Generationen dazu ermuntern, sich mit der Persönlichkeit Friedrich Kellners zu befassen, "der sich treu geblieben ist, trotz der Gefahren, die damit verbunden waren, und der nichts Spektakuläres vollbracht, sondern nur einen ganz persönlichen Widerstand geleistet hat".
Lisa Philipps ist Lehrerin am Laubach-Kolleg. Sie gehörte zu den Pädagogen, die die Filmvorführung organisierten. In zwei Geschichtskursen war die Vorführung der Dokumentation vorbereitet worden. Lisa Philipps und Christine Gengenbach berichteten übereinstimmend, der Film habe die Schülerinnen und Schüler sehr berührt.
Friedrichs Kellners stilles Wirken wird am Mittwoch, 19. November auch Gegenstand eines Kurses in der Kreisvolkshochschule in Lich sein, den Prof. Dr. Erwin H. Leibfried und Dr. Sascha Feuchert von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der JLU leiten. Leibfried wird von 18 bis 19.30 Uhr über "Friedrich Kellner: Ein Laubacher kritisiert die Nazis" referieren. Lesungen aus den Tagebüchern finden ebenfalls statt.

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Aus: Urner Wochenblatt, 16.7.2008:

Epochemachendes und ausführliches Werk

Zeitung des Grauens – Die Chronik des Gettos Lodz/Litzmannstadt

Die „Chronik des Gettos von Lodz/Litzmannstadt“ erschien von 1941 bis 1944. Die erstmals so ausführlich vorliegende Chronik berichtet akribisch über das Leben unter unmenschlichen Bedingungen.

Bruder Gerold Zenoni

„Die menschliche Sprache ist zu arm, um das ganze Ausmass, die ganze Flut von Verbrechen, die uns im Getto auf Schritt und Tritt, auf jedem Gebiet begegnet, vollständig und so präzise wie nötig wiederzugeben. (...) Es hat Menschen gegeben, die selbst bei der Milch für Säuglinge betrogen haben.“ Dies ist ein Ausschnitt aus einer Ansprache des Judenältesten an seine Mitbewohner aus der sogenannten Getto-Chronik vom 1. Februar 1941. Die Vorwürfe richten sich an die Juden im Getto. Genauso klar lässt sich allerdings sagen, dass die menschliche Sprache zu arm ist, um all das Leid aufzuzählen, das sie unglücklichen Menschen in ihrem von den Nazis eingerichteten Gefängnis erdulden mussten.

Einmalige Auszeichnung

Zwischen 1940 und 1944 pferchten die Nationalsozialisten im besetzten Lodz, das sie in Litzmannstadt umbenannten, nahezu 200 000 Juden auf etwas mehr als 4 Quadratkilometer zusammen. Zu den erschütterndsten Dokumenten aus dem Getto gehört die nun erstmals in dieser Ausführlichkeit vorliegende Getto-Chronik. Dieser rund 2000-seitige Text wurde seit 1941 in Polnisch und Deutsch im Archiv der Verwaltung des „Judenältesten von Litzmannstadt“ erstellt. Er ist ein markantes Zeugnis für die Zustände in diesem nach Warschau zweitgrössten jüdischen Getto.
In simplen Worten und nüchternen Sätzen wird über die Situation berichtet. Angaben zu Sterbefällen und Geburten, Wetterbeobachtungen und Festnahmen. Auch feuilletonartige Texte finden sich, und ganz am Rand ist sogar Platz für Humor. Nichts vermag aber darüber hinwegzutäuschen, dass es den Menschen ums nackte Überleben ging. Die Chronik bricht am 30. Juli 1944 ab. Mehr als 160 000 Menschen waren ermordet worden. Die „Chronik des Gettos Lodz/Litzmannstadt“ ist ein epochemachendes Werk, das an die Seite der „Echolot“-Bände von Walter Kempowski, worin er kollagenartig Schriftdokumente zum Zweiten Weltkrieg zusammengetragen hat, oder die Tagebuchaufzeichnungen von Victor Klemperer aus dem gleichen Zeitraum stellen darf.


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Aus: Gießener Anzeiger, 24.04.2008:
Erschütterndes Dokument der menschlichen Grausamkeit

Gießener Herausgeber der „Chronik des Gettos Lodz/Litzmannstadt“ stellten Editionsarbeit an Uni Heidelberg vor – „Unerträgliche Sachlichkeit“

Giessen/Heidelberd (jli). Ein „nicht leicht zu verdauendes Programm“ kündigte Prof. Alfred Bodenheimer an: Denn die Veranstaltung stand ganz im Zeichen der „Chronik des Gettos Lodz/Litzmannstadt“. Das Heidelberger Institut für Germanistik hatte die Herausgeber der Chronik, Dr. Sascha Feuchert, Prof. Erwin Leibfried (beide Gießen) und Prof. Jörg Riecke (Heidelberg), zu einer Lesung und anschleißenden Podiumsdiskussion in die kurpfälzische Universitätsstadt eingeladen. Rund 50 Zuhörer fanden sich dazu ein. Die Chronik, die im vergangenen September nach zehnjähriger Editionsarbeit im Wallstein-Verlag erschienen ist, eröffne „völlig neue Begegnungen mit den Menschen im Getto“, bemerkte Bodenheimer, Rektor der Heidelberger Hochschule für Jüdische Studien. Und Thedel von Wallmoden (Wallstein-Verlag betonte, die Chronik sei eine „Quelle, die den Kenntnisstand über das Getto Lodz erweitert“. Zwischen 1940 und 1944 hatten die Nationalsozialisten im polnischen Lodz – von den Nazis in Litzmannstadt umbenannt – rund 200 000 Juden auf einer Fläche von etwas mehr als vier Quadratkilometer zusammengepfercht. Die „Chronik des Gettos Lodz/Litzmannstadt“ gehört zu den erschütterndsten Dokumenten der Zeit. Über 60 Jahre sind vergangen, bis erstmals eine vollständige wissenschaftliche Ausgabe erscheinen konnte, Entstanden ist ein ergreifendes Dokument über das beinahe „vergessene Getto“, welches einen maßgeblichen Beitrag zur Erforschung der Lebens- und Leidensbedingungen im Getto Lodz leistet.

Lesung von Studierenden

Eine Reihe von Giessener Studierenden, die an dem Editionsprojekt aktiv beteiligt waren, boten in der 30-minütigen Lesung einen repräsentativen Querschnitt des umfangreichen Textes. In nüchternem Ton lasen sie Chronikausschnitte aus den Monaten Juli und August 1944. Gerade die verteilten Rollen verdeutlichten den Zuhörern den ambivalenten Charakter der Chronik. Statistische Angaben, Tagesnachrichten und sachliche Informationen zu Lebensmittelzufuhr und Arbeitslage wechselten sich ab mit essayistisch gestalteten Bereichten und persönlichen Eindrücken. Besonders erschütternd sei es gewesen, „wie sehr die Nüchternheit des sprachlichen Stils die Grausamkeit des Getto-Lebens“ widerspiegele, betonte ein Zuhörer nach der Veranstaltung im Gespräch mit dem Anzeiger.
Thematischen Tiefgang bot die anschließende Podiumsdiskussion, in der sich die drei Herausgeber den Fragen von Andreas Platthaus, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, stellten. Platthaus, der die „unglaubliche Arbeit“ der Wissenschaftler hervorhob, zeigte sich von der „unerträglichen Sachlichkeit“ des Chronik-Textes berührt. Im Laufe der Diskussion berichteten Feuchert, Leibfried und Riecke nicht nur über die Erfolge und Schwierigkeiten während des Editionsprozesses, sondern informierten Zuhörer au0erdem über die vielseitigen Herausforderungen, die sich ihnen hinsichtlich der sprachlichen Eigenheiten des Textes boten.
Ums o bewegender ist es, dass die Chronik des Gettos Lodz, die über viele Jahrzehnte eine „Zeitung ohne Leser“ gewesen ist, nun endlich ihren ursprünglichen Zweck erfüllt: Ein Portrait dessen zu zeichnen, was wirklich hinter den Zäunen des Gettos passierte.



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Aus: Damals 5/2008:

Chronik des Grauens

„Vor dem Haus Nr. 38 in der ul. Dolna starb am Freitag 20 Uhr die 31-jährige Cecylia Rubaszki...vor Erschöpfung.“ So lautet ein symptomatischer Eintrag in der Lodzer Ghetto-chronik unter dem 26. Sezember 1941. Eingepfercht auf engstem Raum, mit Lebensmitteln völlig unterversorgt, waren etwa 200 000 Juden gezwungen, im Ghetto von Lodz, das die deutschen Besatzer in Litzmannstadt umbenannt hatten, zu leben. Immer mehr starben an Unterernährung, wurden erschossen oder deportiert.

Die Chronik, geführt im Auftrag des von den Deutschen eingesetzten „Ältesten“ Mordechai Chaim Rumkowski, berichtet von Sterbefällen, Geburten, Verbrechen, von der Versorgungslage; später treten auch individuellere Berichte hinzu. Ängste und Gerüchte scheinen auf, das Grauen des Ghettoalltags nimmt Gestalt an. Diese wertvolle Quelle für die Geschichte der Judenverfolgung ist jetzt in einer deutsch-polnischen Kooperation vollständig ediert worden, versehen mit einem mustergültigen Kommentar und einer historischen Einführung.


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Aus: DAAD Letter, Nr. 1, April 2008:

Erschütterndes Dokument

Die Chronik des Gettos von Lodz erstmals vollständig publiziert

Deutsche und polnische Germanisten erinnern an die von den Nationalsozialisten in Polen ermordeten Juden.

Als im Jahr 1939 die Hitler-Truppen in Polen einfielen, lebten in der Stadt Lodz, südwestlich von Warschau, mehr als 230 000 Juden. Sie bildeten ein gutes Drittel der gesamten Stadtbevölkerung und waren die zweitgrößte jüdische Gemeinde in Europa. Viele von ihnen konnten vor den Nazis fliehen, aber die überwiegende Mehrheit wurde von Februar 1940 an in die Elendsviertel von Lodz verbannt und mit Stacheldraht von der übrigen Bevölkerung abgetrennt.
Das Getto von Lodz – oder Litzmannstadt, wie die Deutschen die Stadt umbenannten – wurde bis zu seiner Schleißung im Jahr 1944 zur Todesfalle für mehr als 160 000 Juden und war für alle, die dort lebten, „ein mehr oder weniger gleichartig trostloses Gebiet des Elends, des Hungers und der grauen Verzweiflung“. So notierte der aus Prag nach Lodz deportierte Volkswirt Bernhard Heilig im Mai 1942. Über die menschenunwürdigen Zustände im Getto machte er viele Aufzeichnungen, so etwa über die Enge der Schlaflager, die das Gefühl erzeugten, „sich bereits in einem Massengrabe zu befinden“.

Rekord an Todesfällen

Zahlreiche solcher Schilderungen finden sich in der einzigartigen Publikation, die Germanisten der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Universität Gießen in Zusammenarbeit mit ihren an der Universität Lodz erarbeitet haben, Im Mittelpunkt der fünfbändigen Edition steht eine Chronik, die die Getto-Jahre von 1941 bis 1944 lückenlos dokumentiert. Angefertigt wurde sie im Auftrag des Judenältesten Mordechai Chaim Rumkowski, der von den Deutschen als Verwalter des Gettos eingesetzt worden war.
Rumkowski organisierte das Getto als Arbeitslager, um seine Bewohner den Deutschen unentbehrlich zu machen. Die Juden arbeiteten hier in erster Linie für die deutsche Kriegsführung, was sie jedoch nicht davor schützte, systematisch ausgehungert und in großer Zahl abtransportiert zu werden, in Vernichtungslager wie Auschwitz.
Im Archiv der Verwaltung richtete Rumkowski nicht nur eine „Statistische Abteilung“ ein, sondern beschäftigte auch 15 Autoren, darunter Journalisten und Schriftsteller, die an der Chronik schrieben und akribisch die Ereignisse jedes Tages verzeichneten: Sterbefälle, Geburten, Krankheiten und Verbrechen bis hin zu Versorgungslage und Wetter. So erfährt der heutige Leser etwa, dass der Januar 1941 „einen Rekord an Todesfällen erbrachte: nicht weniger als 1 216 Tote bei nur 85 Geburten. Die Todesursachen: Hunger, Kälte, Erschöpfung und diejenigen Krankheiten, die zum Gefolge dieser fürchterlichen Würger gehören.“

Eigene Geschichtsschreibung

Trotz der internen Zensur beschränkten sich die Autoren keineswegs auf die reinen Fakten, flochten Feuilletons und literarische Miniaturen in den Text ein und versuchten bereits eine Einordnung der Ereignisse. Das erschütternde Dokument, das zunächst auf Polnisch, später durch den erzwungenen Zuzug vieler Juden aus dem Reichsgebiet vorwiegend in deutscher Sprache niedergeschrieben wurde, war das Werk von „Historikern, die zugleich vermittelndes, interpretierendes Subjekt und erlebendes Objekt ihrer Geschichtsschreibung“ waren, wie Herausgeber Sascha Feuchert anmerkt.
Dass der Wunsch der Verfasser, der Nachwelt ein exaktes Bild vom Gettoleben zu überliefern, in Erfüllung ging, ist dem Getto-Briefträger Nachman Zonabend zu verdanken. Als 1944 fast alle Bewohner in die Todeslager abtransportiert waren, versteckte er die Papiere in einem Brunnen. Später übergab er Teile davon den polnischen Behörden, andere gelangten nach Israel und in die USA. In den vergangenen Jahrzehnten wurden kleinere Sammlungen einzeln publiziert.
Für die erste vollständige wissenschaftliche Edition trugen die Forscher aus Gießen und Lodz die weltweit verfügbaren Chronik-Varianten zusammen, verglichen und kommentierten sie und vernetzten sie mit weiteren Dokumenten, Memoiren und Tagebüchern aus dem Getto. Für ihr fast zehnjähriges Projekt und die Edition, die sie Ende 2007 vorlegten, fanden die Forscher viele Förderer, darunter die Deutsche Forschungsgemeinschaft und den DAAD. Der DAAD fördert seit 1993 im Rahmen eines Sonderprogramms die Germanistische Institutspartnerschaft zwischen Gießen du Lodz, aus der sich im Laufe der Jahre eine fruchtbare wissenschaftliche Kooperation entwickelte.

Leonie Loreck


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Aus: Wetzlarer Neue Zeitung, 27.04.2008:

Fenster zum Alltag der Opfer öffnen

Gießener Arbeitsstelle Holocaustliteratur legt erste Lodzer Getto-Chronik vor

Von Sabine Preisler

Gießen/Lodz

„70 Prozent der Gebäude stehen noch.“ Sascha Feuchert hat beim Besuch des ehemaligen Getto-Geländes in Lodz Geschichte „erlebt“. Als Austauschstudent der mit der Hochschule der polnischen Stadt verschwisterten Gießener Universität hat er vor zwölf Jahren Boden betreten, auf dem die Nationalsozialisten von 1940 bis 1944 200 000 Juden zusammenpferchten. Höchstens 8000 Menschen haben überlebt. Das Schicksal der Opfer greifbar machen, es verstehen – mit diesem Wunsch kam er Germanist zurück. Sie auf seine Initiative gegründete Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Giessener Hochschule ist bundesweit einmalig und hat nun in deutscher Sprache die erste vollständige Lodzer Getto-Chronik veröffentlicht.

Täglich und bis ins Detail Zeugnis über Sterbefälle, knappe Lebensmittel, aber auch über Geburten und die Zwangsarbeit für die Wehrmacht und deutsche Industrie abgelegt haben darin im Getto 15 jüdische Journalisten, Wissenschaftler und Schriftsteller, in einer vom Judenältesten eingesetzten Archivabteilung.

„Im Juni sagt man: der Juli wird Kartoffeln bringen, Im Juli troestet man sich: der August wird Gemuese bringen. Aber der Trost allein hat nicht die Kraft, Hungerige satt zu machen und Kranke gesund zu machen. Taeglich werden Dutzende Faelle von Bauchtyphus und Tuberkulose gemeldet.“ (Chronik, 7.8.1943)

„Sie öffnen uns heute ein Fenster in den Alltag der Opfer, in Gerüchte, ihre Hoffnungen und ihre Zerschlagung“, beschreibt Feuchert die Bedeutung der Arbeit. Er steht als Stellvertreter von Professor Erwin Leibfried an der Spitze der Projektstelle in Gießen. Zur Chronik gehören neben Daten auch Artikel und Getto-Humor.
„Es gab keine Kanalisation und Holzbuden, die kaum beheizbar waren“, entnimmt der Literaturwissenschaftler der Beschreibung: „Bei extremen Wetterlagen stieg die Zahl der Toten, zum Teil gab es drei Wochen nur Weißkohl zu essen.“
Die Nüchternheit solcher Zahlen ist es, die für Mitarbeiterin Charlotte Kitzinger die Grausamkeit deutlich macht. 45 000 Menschen starben noch vor den Transporten in die Todeslager von Kulmhof und Auschwitz an Hunger, Kälte und Hitze in dem von den deutschen Besetzern eingerichteten Getto, wie das Gießener Projekt in den fünf neuen Bänden belegt.
„Kaum einer wusste von den Aufzeichnungen, ob die Deutschen es ahnten, ist unklar“, spricht Feuchert von einem „halboffiziellen Charakter“ der Schrift. Auf jeden Fall hätten sich die Autoren aus Vorsicht – auch gegenüber dem von den Deutschen eingesetzten Judenältesten – der „Selbstzensur“ unterworfen: „Für uns war es deshalb wichtig, auch die erhaltenen Streichungen zu veröffentlichen“, erklärt der 37-Jährige dieser Zeitung.

In Detektivarbeit Aufzeichnungen jüdischer Autoren gesammelt und ausgewertet

Er nennt die Hinterlassenschaft aus dem 939 Kilometer entfernten Lodz „eine Zeitung ohne Leser, aber für die Leser der Zukunft“, von Profis wie Theaterkritiker Oskar Rosenfeld und Oskar Singer, bis zur Inhaftierung Redakteur des „Prager Montags“, gemacht. Beide überlebten nicht, wurden von den Deutschen ermordet. „Kannst Du Dir das vorstellen?“ – diese Frage hätten sie jedoch mit dem „Blick hinter den Horizont der Vernichtung“ zuvor gestellt.
6000 getippte Seiten mit Originaldokumenten haben die hessischen Wissenschaftler in Archiven von Polen über New York bis Jerusalem, auch sprachlich ausgewertet, mit Erläuterungen in den Zusammenhang von Tagebüchern und Fotos sowie mit der Geschichte außerhalb der nun 4,13 Hektar hinter dem Stacheldraht gestellt. Eine Fläche, die gerade einmal acht Fußballfeldern entspricht.
„Eine Detektivarbeit“ nennt Charlotte Kitzinger die Reisen und den Forschungsprozess der rund 30 deutschen und polnischen Wissenschaftler. Eingebunden waren dabei neben den Literaturkennern auch Historiker und Sprachexperten: Nicht zuletzt weil das Zeitdokument in den ersten zwei Jahren noch in Polnisch verfasst worden war.
Geborgen hatte es ein jüdischer Postbote. 1944 zum Aufräumkommando für das ausgelöschte Getto von den Deutschen abgestellt, versteckte er stattdessen die in Koffer verpackten Blätter im Brunnen und holte diese nach dem Krieg wieder hervor. Nach und nach verteilten sie sich jedoch auf Archive in der ganzen Welt.

Die Frage ‚Wie lange soll das so dauern?, verliert allmählich ihren Sinn. Der Tod haelt Parade... Das Getto liquidiert sich von selbst. Litzmannstadt-Getto straft sein Attribut Krepierwinkel Europas nicht Luegen.“ (Chronik, 7.8.1943)

Ein Puzzle, das es zusammenzusetzen galt. Eine Spurensuche, die für Feuchert schon während seines Studienaufenthaltes begonnen hat. „Ich bin damals ins Staatsarchiv Lodz gegangen und habe dort Teile der Chronik gelesen.“ Mit Staub bedeckt wurden sie zu seinem Tische gebracht. „Als ich nach Hause kam, wollte ich das fortsetzen und war irritiert, dass es keine deutsche Ausgabe gab.“ So war das Bild des Vergessend perfekt.
Mit gerade einmal 3000 Mark starteten die Giessener deshalb vor zehn Jahren ihre Pionierarbeit und erarbeiteten sich international Anerkennung: In den vergangenen fünf Jahren hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft sie mit einer Stelle und 350 000 Euro unterstützt.
Die Jewish Claims Conference steuerte 36 000 Dollar bei –„eine Ehre“, wie die Giessener zur Spende der jüdischen Vereinigung betonen. „Tausende von Stunden“ haben Feuchert, Leibfried und Herausgeberkollege Jörg Riecke die Seiten gedreht und gewendet: „Wir kennen jedes Komma.“
„Ohne den Austausch mit Überlebenden des Gettos wäre das nicht denkbar gewesen“, betonen sie zugleich. Allein zehnmal hat Lucille Eichengreen sich auf den Weg von Kalifornien nach Gießen gemacht, um an der Justus-Liebig-Universität über ihre Zeit als Sekretärin von Chronik-Verfasser Oskar Singer und seit 2007 als Ehrendoktorin der Hochschule zu sprechen. Nur ein Lodzer Autor hat den Holocaust überlebt. „Für viele ist die Chronik auch ein Grabstein, den sie sonst nicht hätten.“ So hofft es zumindest Charlotte Kitzinger.


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Aus: Jüdische Zeitung, Januar 2008:

Der Krepierwinkel Europas

Eine editorische Meisterleistung: Die Chronik des Ghettos Lodz

von L. Joseph Heid

Um es vorweg zu sagen: das ist keine Gute-Nacht-Bettlektüre.
Die Gesamtchronik des Ghettos Lodz/Litzmannstadt handelt vom Grauen des großen Judenmords 1941 bis 1944. Es ist die Geschichte der Apokalypse. Aus eigener Erfahrung weiß der Rezensent, dass Editionen zum Holocaust eine aufwühlende wissenschaftliche Angelegenheit ist, verständlich, wenn sich vor dem Bearbeiter Leichenberge türmen. So muss es auch den Herausgebern der Lodzer Ghetto-Chronik gegangen sein, die die Geschehnisse dieses nach Warschau größten nationalsozialistischen Ghettos vor 60 Jahren dokumentieren: Dokumente, die den Judenmord in dem „Krepierwinkel Europas“ – der wie Oskar Rosenfeld, einer der Chronisten, diesen Ort bezeichnete – belegen, müssen veröffentlicht werden, daran führt kein Weh vorbei, dies ist man den Opfern schuldig.
Die Lodzer Ghetto-Chronik – verfasst abseits der Wahrnehmung sowohl der Ghetto-Bewohner als auch der deutschen Machthaber -, das ist ein 2.000-seitiger Text, der seit Januar 1941 Tag für Tag in polnischer und deutscher Sprache von bis zu 15 Mitarbeitern alle relevanten Ereignisse im Ghetto aus der Perspektive des „Judenältesten“ oder „Präses“, wie er auch genannt wurde, Chaim Rumkowski – festhielt und kommentierte. Die Chronik-Autoren, allesamt vor dem Krieg als Schriftsteller, Wissenschaftler oder Journalisten tätig, waren anfangs um größtmögliche Sachlichkeit bemüht, doch nach und nach lassen sie den neutralen Ton hinter sich, gleiten ins Feuilletonistische hinüber und bemühen, indem sie mit Entsetzen Scherz treiben, gar den sarkastischen Ghetto-Humor, den man besser „Galgenhumor“ nennen könnte, die letzte Waffe der Wehrlosen.
Im Hinblick auf die Deutschen war die Abfassung der Tagesberichte, die auf Geheiß Rumkowskis notiert wurden, ein durchaus gefährliches Unterfangen, die Angst vor Entdeckung war ein ständiger Begleiter. Die Chronisten mussten auf jedwede Kritik an Rumkowski, der, ausgestattet mit quasi absoluter Machtfülle nach Innen (auch wenn er auf Gedeih und Verderb den deutschen Herrenmenschen ausgeliefert war), keinen Widerspruch geduldet hätte, verzichten. Andererseits durften die Texte nicht den Deutschen in die Hände fallen. Eine interne Zensurkommission achtete daher auf die „korrekte“ Tendenz. Mit der Zeit entwickelten die „Chroniqueure“, wie sich die Schreiber selbst nannten, eine Art Selbstzensur, in der sie ihre kritische Sichtweise auf subtile Wiese doch noch artikulierten, ohne Gefahr zu laufen, vom Judenältesten zur Rechenschaft gezogen zu werden.
Die Herausgeber der nun vollständig vorliegenden fünfbändigen Chronik haben die Rumkowskischen Notate, will sagen, die Gesamtchronik, sorgfältig, kenntnisreich und behutsam in einem üppigen Anmerkungsapparat kommentiert. Trotz ihrer historischen Bedeutung wurde diese Chronik bislang nur unzureichend publiziert und beachtet. Es ist nun das Verdienst der „Arbeitsstelle Holocaustliteratur“ am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen in Verbindung mit dem Staatsarchiv Lodz und des Auswärtigen Amtes, der Deutschen Forschungsgemeinschaft sowie weiterer zahlreicher Stiftungen, die Mittel zur Verfügung gestellt haben, die Gesamtchronik der deutschen Öffentlichkeit zugänglich zu machen. 3.052 Seiten, verteilt auf fünf Bände, ein ebenso beachtliches wie verdienstvolles Verlagsprojekt, das Bewunderung abnötigt.
Die Chronisten waren bemüht, die täglichen Nachrichten über das Leben im Ghetto durch eine feste journalistische Form berechenbar und ertragbar zu machen. Sie wollten informieren, berichten und kommentieren. Dabei sollten ihre Aufzeichnungen literarisch eingefärbt sein, in Form unterhaltender Textsorten. „Man hört, man spricht“, „Kleiner Ghetto-Spiegel“ und „Ghetto-Humor“, das waren Rubriken, die im geradezu leichten und luziden Deutsch geschrieben, ab 1943 eingerückt wurden, um die permanenten entwürdigenden Ereignisse erst konsumierbar werden zu lassen. „Ein Jude fragt den anderen: Was ist denn das, dass ich so schwache Beine habe? – Der andere: Schwache Beine im Ghetto kommen von schwachen Plejzes“. „Plejzes“ bezeichnet im Jiddischen „Schulter“ oder „breiter Rücken“ und wurde im Ghetto im Sinne von „Beziehungen“ also als Entsprechung für „Protektion“ verwendet. Die Literarisierung erscheint als der stolze Rest von Normalität und Humanität gegenüber einer aus den-Fugen geratenen Welt des Terrors. Kurz: Die am Stilideal der deutschen Klassik und am Ton des eleganten Feuilleton geschulte Chronisten-Sprache steht im bizarren Kontrast zu der Sprache, die die Nationalsozialisten in ihren Befehlen und Bekanntmachungen im Ghetto verlauten lassen. Die Chronik war eine Tageszeitung – ohne Leser.
Bei seiner Errichtung am 8. Februar 1940 drängten sich 160.000 Menschen auf 4,13 Quadratkilometer in 31.000 Zimmern im Ghetto. Kaum eins der Holzhäuser verfügte über fließendes Wasser. Die Kosten für die tägliche Versorgung der Ghetto-Insassen wurden auf 23 Pfennig pro Kopf festgelegt und lagen damit weit unter dem Satz für Gefängnisinsassen.
Die Chronik des Ghettos „Litzmannstadt“ setzt – zunächst polnischsprachig – mit dem 12. Januar 1941 ein. 10 Grad unter Null zeigte das Thermometer an diesem Tag. Es war windstilles, sonniges Wetter. 52 Personen waren an diesem Tag „gestorben“. Die Ursachen waren an erster Stelle Herzkrankheiten, was man doppeldeutig verstehen mag, dann aber Erschöpfung vor Hunger und Kälte und schließlich an dritter Stelle Tuberkulose.
Anfang 1941 begannen die Deportationen aus dem Ghetto Lodz nach Chelmo, das die deutschen Kulmhof nannten, wo innerhalb der nächsten vier Monate 55.000 Menschen den dortigen Mordaktionen zum Opfer fielen. Ende 1943 arbeiteten 117 Werkstätten und Fabriken im Ghetto auf Hochtouren für die deutsche Kriegswirtschaft und produzierten für Firmen (u.a. Neckermann), wodurch die Ghetto-Arbeiter sich, so zynisch es klingt, einen Todesaufschub erarbeiteten.
Über das Schicksal des Ghettos und seiner Bewohner ließen die Nazis keinerlei Zweifel. SS-Brigadeführer Friedrich Uebelhoer, Regierungspräsident von „Litzmannstadt“, kündigte an: „Zu welchen Zeitpunkten und mit welchen Mitteln das Ghetto [...] von Juden gesäubert wird, behalte ich mir vor. Endziel muss jedenfalls sein, dass wir diese Pestbeule restlos ausbrennen“.
Rumkowski hatte die Order, die Transportlisten für die Deportation, angeblich zur Arbeit in nahe gelegene Dörfer, zusammenzustellen. Doch war dies, wie vieles sonst auch, reine Täuschung: Die Verschleppten wurden unmittelbar nach ihrer Ankunft in Chelmo ermordet.
Was mit den deportierten Männern, Frauen und Kindern, geschah, darüber wussten die Ghetto-Bewohner nichts, sie hatten allenfalls eine düstere Ahnung. In der Chronik wurden diese „Aussiedlungen“ genannten Deportationen angstvoll geschildert. Immer wieder legt die Chronik Zeugnis davon ab, wie sehr die Menschen ahnten und fürchteten, dass die Transporte keineswegs zu Arbeitseinsätzen gingen, sondern Ungeheures mit den Verschleppten geschah.
Oskar Rosenfeld ist einer der unbestechlichen Chronisten, der im „Ghetto-Spiegel“ seine eigenen Gefühle ausdrückte. So berichtete er am 22. Juni 1944 von der Fahndung nach der elfköpfigen Familie Szmulewicz. Doch es gab die Familie nicht mehr, die ausgesiedelt, „gestorben“, erschossen oder durch Selbstmord „verschwunden“ war. Rosenfeld kommentierte: „Zu spät. Der Tod hat der Behörde ein Schnippchen geschlagen. Gegen den Tod ist sogar die schlagartigste Hand machtlos“.
Der letzte Tagesbericht am 30. Juli 1944 meldet eine Tagestemperatur von 22 bis 38 Grad, sonnig und heiß, alles in allem aber herrsche im Ghetto Ruhe und Ordnung. Im Ghetto spürte man das Heranrücken des Krieges: „Neugierig schaut der Ghetto-Mensch den durcheilenden Kraftwagen der verschiedenen Waffengattungen nach.“ Das wichtigste aber war doch noch immer: “Was gibt es zum Essen?“ Wenn allerdings kein Mehl einkomme, hieß es unter der „Approvisation“ (Lebensmittelversorgung), könne die Lage äußerst kritisch werden, es werde behauptet, dass die Mehlvorräte des Ghettos nur knapp für knapp zwei bis drei Tage reichten.
Die deutschen Ghetto-Betreiber waren nur selten Thema in der Chronik, sie blieben als anonyme Macht außerhalb des Stacheldrahts. Das war zum einen der Angst geschuldet, die Chronik könne des Deutschen in die Hände fallen, doch scheint es fast so, als interessierten sich die „Chroniqueure“ nicht für ihre Peiniger. Umso mehr wurde von einigen Chronisten dagegen oftmals die mangelnde Solidarität unter den Ghetto-Bewohnern angeprangert, Kritisierte wurden Menschen, die sich auf Kosten der Gemeinschaft bereichern, die sich entsolidarisiert hatten und gegenüber dem Leid des Nächsten abgestumpft waren.
Am 19. Januar 1945 wurde Lodz von der Roten Armee befreit. 600 Menschen, die im Ghetto als Aufräumkommando zurückgelassen worden waren, sowie rund 270 Menschen, denen es gelungen war, sich vor der Deportation zu verstecken, hatten hier überlebt.
Die Chronik, als institutionalisiertes Gedächtnis der jüdischen Zwangsgemeinschaft gedacht, gestattet uns einen tiefen Einblick in eine Exstenz jenseits humaner Lebensbedingungen, sie ist ein beredtes Zeugnis der Leidengeschichte einer jüdischen Gemeinschaft, ein Dokument des Zivilisationsbruchs, ein Menschheitsgedächtnis.

Die Chronik des Gettos Lodz/Litzmannstadt.
Hg. von Sascha Feuchert, Erwin Leibfried, Jörg Riecke (=Schriftenreihe zur Lodzer Ghetto-Chronik), 3.052 S. 5 Bde, Wallstein, Göttingen 2007, 128 Euro.


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Aus: Jüdische Zeitung, Januar 2008:
Alles, was geblieben ist....

Zur Editionsgeschichte der Lodzer Ghetto-Chronik

von Karl-Josef Müller

Vom Ghetto ist 1996 in Lodz kaum noch etwas zu sehen. Doch im Staatsarchiv stößt Sascha Feuchert, Austauschstudent in Polen, auf ein Dokument, von dem er annimmt, dass es längst veröffentlicht wurde: die Getto-Chronik von Lodz. Und so glaubt er, die Lektüre aufschieben zu können. Zurück im hessischen Gießen kann man ja dann nachlesen, wie das Leben ausgesehen hat im Ghetto zwischen 1941 und 1944. Damals hat Feuchert sich kaum träumen lassen, dass er elf Jahre später fünf Bände mit über 3.000 Seiten Text in Händen halten würde.
Zurück in Gießen berichtet Feuchert über seinen Fund in Lodz. Gemeinsam mit Erwin Leibfried, Professor für Neuere deutsche Literatur an der Justus-Liebig-Universität Gießen, wird beschlossen, die Aufzeichnungen der Chronisten des Ghettos von Lodz der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. 1998 wird die Arbeitsstelle Holocaustliteratur gegründet, um dem Mammutprojekt einen organisatorischen Rahmen zu geben.
Seit 1978 gibt es eine Universitätspartnerschaft zwischen Gießen und Lodz. Ohne den intensiven Austausch zwischen den beiden Universitäten wäre die Edition der Ghetto-Chronik nicht zu Stande gekommen, weil Sascha Feuchert dann wohl kaum auf die Idee gekommen wäre, in Lodz zu studieren. Die gewachsene Partnerschaft zwischen Lodz und Gießen bildet die Grundlage dafür, dass die Ghetto-Chronik nunmehr in deutscher Sprache vorliegt und demnächst auch in polnischer Sprache zugänglich sein wird.
Es grenz an ein Wunder, dass die Chronik überhaupt entstehen konnte; ein fast noch größeres Wunder ist, dass die Textzeugen – so nennen Editoren sämtlich erhaltenen Texte und Textvarianten eines Werkes. Im Zusammenhang mit der Ghetto-Chronik erhält der Fachbegriff des Textzeugen eine tiefere Bedeutung. Denn nicht nur die überlieferten Texte selbst zeugen vom Geschehen im Ghetto, auch das Papier, die Tippfehler, die verschiedenen Textvarianten und Schreibweisen legen Zeugnis ab davon, unter welchen Bedingungen die Chronik entstanden ist: “Keines der erhaltenen Konvolute besteht aus nur einer Papiersorte; auffällig stark vertreten ist Durschlagpapier, auch als Originale, erste Seite. Die Papierfarbe ist nicht immer weiß beziehungsweise oft leicht bräunlich-gelb, es gibt auch blaues, rosafarbenes, gelbes, grünes Papier. Die Qualität schwankt, womöglich auch kriegsbedingt; heute sind viele der über 60 Jahre alten Blätter sehr brüchig oder anderweitig beschädigt.“ Was Erwin Leibfried und Elisabeth Turvold beschreiben, gehört mit zur Überlieferung der Texte. Die Beschaffenheit des Papiers spiegelt nichts anderes wider als die unmenschlichen Lebensbedingungen im Ghetto. Es gab nicht genug zu essen, es fehlte an allem, und natürlich auch an Papier und Schreibwerkzeug. Man versuchte, unter dem unmenschlichen Gesetz des permanenten Mangels zu überleben. Die Textzeugen künden von der „realen Schreibsituation“, welche die Edition „nicht verdecken“ wollten: „Man muss hier etwa bedenken, dass manche der Sekretärinnen keine normale Schulbildung genossen hatten, da eine solche von den Nationalsozialisten verhindert worden war. Folglich sind Unsicherheiten in der Rechtschreibung, die etwa auch bei der Schreibung von Fremdwörtern deutlich werden, erklärbar. (...) Zu den realen Bedingungen, die zu Schreibfehlern oder – beim Schreiben nach Diktat – zu Hörfehlern führten, gehörte weiterhin auch eine durch Hunger und Kälte geschwächte Aufmerksamkeit.“ Dem hochwertigen holzfreien Papier der heutigen Edition sieht man nicht an, welch schwierigen Bedingungen das, was heute in den prächtig daherkommenden fünf Bänden zu lesen ist, abgerungen werden musste.
Ein weiteres Beispiel für den Respekt vor den Texten, der oberste Leitlinie der Editoren war, ist der behutsame Umgang mit dem Problem, dass Teile der Chronik – insbesondere die von Januar 1941 bis August 1941 – in polnischer Sprache verfasst worden sind: „Ziel der Übersetzung war es, einen über 60 Jahre alten Text in ein zeitgenössisches Deutsch zu übertragen, ohne dabei die Eigenart gänzlich zu vernachlässigen. Es wurde versucht, den chronikalen Duktus des Originals behutsam zu bewahren (...). In der Übersetzung werden darüber hinaus die polnischen Straßennamen übernommen.. (...) In der Weiterverwendung dieser Straßennamen, die eigentlich mit der Errichtung es Ghettos abgeschafft worden waren, kann auch ein Akt des Widerstandes gesehen werden – daher sollten sie bewahrt bleiben.“
Die Ghetto-Chronik insgesamt kann als ein Akt des Wiederstands gegen die totale Vernichtung gelten. Wenn wir ihre Exstenz wie ihr Überdauern als Wunder bezeichnen, darf dabei nicht vergessen werden, dass dieses Wunder auf dem freien Willen einzelner Menschen gründet. Zu nennen sind die Autoren und Initiatoren der Chronik, aber auch diejenigen die späterhin dafür Sorge trugen, dass die Texte nicht vernichtet wurden. Es war Nachman Zonabend, früher Briefträger im Ghetto, der im Oktober 1944 als ehemaliger Ghetto-Bewohner von den Deutschen angewiesen wurde, „die Spuren ihrer Gewaltherrschaft (zu) beseitigen und dabei auch die letzten Reste jüdischen Eigentums sicher(zu)stellen.“ Zonabend versteckte die in Koffern und Bündeln verpackten Papiere in einem stillgelegten Brunnen. „Den größten Koffer, der nicht in den Schacht passte, begrub er unter Decken im Hof des Gebäudes, darauf vertrauend, dass hier niemand suchen würde.“ Weiter schreibt Saschs Feuchert: „Tatsächlich überstanden fast alle Dokumente wie durch ein Wunder die folgenden Monate“. Das Wunder konnte aber nur geschehen, weil Nachman Zonabend das menschenmögliche dafür getan hatte.
Die jetzt vorliegende Edition der Ghetto-Chronik hat drei Vorläufer. Zonabend übergab den Großteil der Chronik der in Polen gegründeten Jüdischen Historischen Kommission. Andere Teile landeten in New York und Israel. Besondere Aufmerksamkeit verdient er erste Versuch, die Ghetto-Chronik komplett zu veröffentlichen. Anfang der sechziger Jahre begannen Lucjan Doroszycki und Danuta Dabrowska „mit einer außerordentlich sorgfältigen Ausgabe des vorhandenen Materials.“ Dobroszycki hatte selbst das Ghetto von Lodz überlebt, Dabrowska den Krieg im Untergrund überstanden. Zwei Chronik-Bände konnten erscheinen, zwei weitere, die das Projekt abgeschlossen hätten, waren schon gesetzt – als sie vernichtet wurden und die bereits publizierten aus den Buchhandlungen entfernt wurden. Neben anderen Gründen macht Sascha Feuchert vor allen Dingen antisemitische und antizionistische Tendenzen in der polnischen Politik für dieses Vernichtungswerk verantwortlich. Nach dem Sechs-Tage-Krieg habe in Polen „eine regelrechte antijüdische Hysterie“ um sich gegriffen – mit dramatischen Folgen: „ Mit den Geschehnissen von 1968 endete praktisch die jüdische Geschichte in Polen: Sie waren der Schlusspunkt einer Reihe negativer Entwicklungen seit 1945.“Lucjan Dobroszycki ging in die USA und konnte dort 1984 „eine vielbeachtete einbändige Ausgabe der Chronik in englischer Sprache herausgeben.“
Auch eine hebräische Ausgabe der Chronik geht auf die gewaltsam unterdrückte polnische zurück. Herausgeber war Arie Ben-Menachem, der selbst im Ghetto von Lodz hatte leben müssen, und Joseph Rab, der bereits vor dem Krieg nach Palästina emigrieren konnte. Die Chronik erschien 1986 bis 1989 und lenkte „die Aufmerksamkeit auch in Israel auf das Ghetto Litzmannstadt“.
Die jetzt erschienen Ausgabe der Chronik fußt auf dem Erreichten und geht darüber hinaus. Die Fäden der verschiedenen Textvarianten wurden miteinander verknüpft und der Text umfassend kommentiert. In der letzten Szene des Dramas „Kronika“ des polnischen Autors Henryk Grynberg, zusammengesetzt aus originalen Textteilen der Chronik, sammelt die Figur Ostrowski die verstreuten Texte der Archiv-Mitarbeiter zusammen und stellt fest: „Das ist alles, was geblieben ist...“ Verloren gegangen ist es nicht.







Aktuelles:
[03.09.2010] Bericht über Tagebücher von Friedrich Kellner im Gießener Anzeiger
[01.09.2010] Änderung der Telefonnummer von Sascha Feuchert
[31.07.2010] Gießener Anzeiger berichtet über Werkstattgespräch mit Steve Sem-Sandberg
[31.07.2010] Ausstellung zu Leben und Werk Hilda Stern Cohens ausleihbar
[31.07.2010] Mitglied werden im Förderverein
[10.04.2008] Aktuelle Besprechungen der Getto-Chronik