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HOST=mysql.hrz.uni-giessen.de Arbeitsstelle Holocaustliteratur
Arbeitsstelle Holocaustliteratur am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen
Pressearchiv 2007



Rheinische Post, 20.12.2007: Die Chronisten des Ghettos

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.2007,
Literaturbeilage: Das Grauen im Begünstigungssystem


Gießener Anzeiger, 3.11.2007: Vom Hoffen und Sterben im „Krepierwinkel“

uniforum, Nr. 1/29.03.2007: „Nicht vergessen, aber endlich verzeihen“

Liboriusblatt. Wochenzeitschrift für die katholische Familie, 11.03.2007: Tägliches Bild des Leidens

Gießener Anzeiger, 07.03.2007: Verzweifelter Versuch, aus der fahrenden Hölle auszubrechen

Gießener Allgemeine Zeitung, 05.03.2007: Blick hinter Kulissen

Gießener Allgemeine Zeitung, 03.03.2007: Chronik des Gettos Lodz kommt im Herbst

Gießener Anzeiger, 10.02.2007: „Wer einmalig ist, hat keinen Nachfolger“

Gießener Anzeiger, 30.01.2007: „Der Auschwitz-Prozess war eine Tortur für die Zeugen“

Gießener Anzeiger, 27.01.2007: Berichte der Opfer an „zukünftige Historiker“

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.01.2007: Wille zum Überleben

Hagener Rundschau, 20.01.2007: Die Geschichte der Juden im Getto Litzmannstadt


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Aus: Rheinische Post, 20.12.2007:

Die Chronisten des Ghettos

15 Juden führten zwischen 1941 und 1944 jeden tag eine Chronik über das Leben im Ghetto von Lodz: über das Wetter, über Selbstmorde und Geburten, die Versorgung – und lustige Ereignisse. Jetzt wurde das Dokument veröffentlicht.

Von Lothar Schröder

Düsseldorf. Von den 200 000 Juden im Ghetto von Lodz ist Jakob der vielleicht berühmteste. Weil er durch Zufall Radionachrichten im Büro der SS hört und diese weiter erzählt – und weil er weitere Neuigkeiten zu erfinden beginnt: vor allem von der baldigen Befreiung des Ghettos. Jakob ist ein Hoffnungsträger der eingepferchten, ausgehungerten, gequälten Menschen. Zugleich ist damit „Jakob der Lügner“, den sich er Schriftsteller Jurek Becker (1937-1997) ersann für seinen gleichnamigen, weltberühmt gewordenen Roman. Jakob wurde zur späten Trostfigur auch für Becker selbst, den die Nazis als Kind ins Ghetto sperrten und der dort ums Überleben kämpfte. Jakob erzählt, wie die Welt auch hätte sein können. Und es gab andere im

„Die Nazis nannten das Ghetto Litzmannstadt, die Juden nur „Krepierwinkel“

Ghetto Lodz, die erzählten, wie es war, haarklein, Tag für Tag.
Es ist eine der wohl umfangreichen Chroniken des jüdischen Schicksals überhaupt, und würden nicht alle katastrophalen Umstände es verbieten, man müsste den Fund eine Sensation nennen. Etwas 15 Mitarbeiter hatten sich Anfang 1941 im Archiv der jüdischen Ghettoverwaltung gefunden, die für 43 Monate jeden Tag im Ghetto, selbstverständlich geheim, dokumentierten. Sie waren ehemalige Schriftsteller, Forscher, Journalisten, die nun mit ihrer Feder das Leben und Streben in jener begrenzten Ghetto-Welt beschrieben, die die Nazis Litzmannstadt und viele Juden einfach nur den „Krepierwinkel“ nannten.
Dieses große Gemeinschaftswerk ist jetzt erschienen., in fünf Bänden, auf über 3000 Seiten, die Jahre zwischen 1941 und 44 beschreibend. Und kaum etwas schien damals zu winzig, als dass es nicht eine Erwähnung verdiente. Die Tagesbereichte beginnen fast immer mit der Wetterlage, und diese klingen auf erschreckende Weise normal: „26. Januar 1941 – Wetterlage: Am heutigen Tag wurden die Ghettobewohner von einem plötzlichen Kälteeinbruch überrascht. In den Morgenstunden fiel die Temperatur auf 15 Grad unter Null. Sonniges Wetter.“
Es folgt dann ein bisschen Kriminalistik, Sterbefälle und Geburten., die häufiger werdenden Selbstmorde, die Deportationen, Neues und Wissenswertes von den Produktionsstätten – die für die Wehrmacht besonders wichtig waren – und der Versorgungslage. „Es wird teuer!“ heißt es irgendwann; und dann folgt jene karge Auflistung: „Der Privatmarkt notierte heute bei deutlich steigender Tendenz folgende Preise: Brot 12 Mk, pro 2.kg-Laib, Kartoffeln 2,70 pro kg. Grütze 10 Mk...“
Diese Nüchternheit überfällt den heutigen Leser, die kühle Sprache der Chronik wiederspricht unseren Bildern des Leidens vor allem unserem Wissen vom Massenmord am jüdischen Volk. Natürlich wussten die „Chroniqueure“, wie sich die Verfasser selbst nannten, um die Lage der Dinge. Spätestens im Ghetto hat alle Naivität und Blauäugigkeit ein Ende. Und die, die in der jüdischen Verwaltung arbeiteten, sahen wahrscheinlich eher als alle anderen Bewohner, wie groß und ungehemmt der Vernichtungswille der Nazis war.
Die Chroniqueure – von denen nur einer den krieg überlebte – haben aber nicht trotz, sondern wegen dieser finsteren Aussichten geschrieben. Sehr bewusst richten sich ihre tageaktuellen Texte an einen Leser der Zukunft. Ihre Arbeit dient der Erinnerung einer späteren Zeit, die sie nach eigener Einschätzung wohl nicht mehr erleben werden, aber der sie wenigstens ihre Sicht vermitteln können.

Der Ghetto-Briefträger versteckte die Dokumente in einem Brunnenschacht

Dabei fiel ihnen das Schreiben offenkundig immer leichter. Schon früh zeigen sie gefallen an abwegigen Ereignissen wie die peinliche Lage einer jüdischen Familie, die frühmorgens entdecken musste, dass ihnen in der Nacht die Treppe samt Balustrade und Geländer gestohlen war.
Der Stil der Chronisten bleibt aber weiterhin vorherrschend, aber es wird für viele Autoren mit der Zeit reizvoller, ironisch zu werden, witzig, sarkastisch. Namenkürzel finden sich plötzlich unter Einträgen, es entsteht die Kolumne „Kleiner Ghetto-Spiegel“. Da heißt es dann: „Neben Amerika ist das Ghetto von Litzmannstadt das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Was gestern noch streng untersagt war, wird morgen Gesetz. Innerhalb weniger Stunden wird das gesamte Ghetto auf den Kopf gestellt...“ Humor als Trost.
Dass die Chronik jetzt von deutschen und polnischen Forschern erschlossen, erläutert und veröffentlicht werden konnte, ist Nachman Zonabend zu verdanken, dem Briefträger des Ghettos. Der versteckte die Papiere in einem Brunnenschacht und übergab sie nach dem Krieg dem Staatsarchiv von Lodz. Eine Geschichte so unglaublich wie ein Roman. Vielleicht berühren sich in diesem Punkt Jakob der Lügner und die wahrheitsliebenden Chroniqueure. Ihnen allen war das Erzählen und Schreiben im tiefsten Sinne des Wortes überlebenswichtig.


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Aus: Gießener Anzeiger, 3.11.2007

Vom Hoffen und Sterben im „Krepierwinkel“

„Lodzer Getto-Chronik“ in beeindruckender Edition erstmals komplett auf Deutsch veröffentlicht

Von Heidrun Helwig

Giessen. Kinder, Frauen und Männer haben die Deutschen längst abtransportiert. Nun soll auch jegliche Erinnerung an sie ausgelöscht, die Beweise für Mord, Erniedrigung und Ausbeutung getilgt werden. Deshalb ist das zurückgelassene „Aufräumkommando“ der Deportation – zumindest für einige Zeit – entkommen. Nachman Zonabend aber fügt sich den Anordnungen der Nazischergen nicht. Gleich mehrfach kann er seinen Bewachern im Oktober 1944 entwischen. Und statt Spuren im liquidierten Getto zu vernichten, verkehrt er dabei seinen Auftrag genau ins Gegenteil: Der ehemalige Briefträger betreibt Spurensicherung. Im Haus des „Archivs des Judenältesten“ ist er nämlich auf Koffer voller Dokumente und Bündel von Papieren gestoßen. UN die versteckt er kurzerhand in einem stillgelegten Brunnenschacht im angrenzenden Hof. Wohl ein Wunder, dass die Unterlagen tatsächlich die Monate bis zur Befreiung der polnischen Stadt Lodz überdauern, die von den Nationalsozialisten einst in Litzmannstadt umbenannt worden war. Und auch Nachman Zonabend übersteht unversehrt die letzten Monate des Krieges. Im Januar 1945 schließlich kann er Koffer und Bündel endgültig bergen. Darunter die rund 2000 Seiten umfassende „Lodzer Getto-Chronik“. Diese einzigartige Textsammlung bereichtet vom Schicksal der hinter Stacheldraht eingepferchten Menschen, legt Zeugnis ab von Not und Verzweiflung, aber auch von der immer wieder aufkeimenden Hoffnung auf Leben.

Ergreifendes Dokument

Mehr als 63 Jahre nach der Liquidierung des Gettos im August 1944 ist die Chronik nun erstmals vollständig auf Deutsch erschienen. Herausgegeben von Dr. Sascha Feuchert, Prof. Erwin Leibfried und Prof. Jörg Riecke von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Gießener Justus-Liebig-Universität. Und somit ist das wohl umfangreichste überlieferte Einzeldokument von Seiten der Opfer des Naziterrors – endlich – dem Verstauben in dunklen Archivregalen entrissen und öffentlich zugänglich. Damit nicht genug: Gleichsam als Zeichen der Versöhnung hat das deutsche Forscherteam gemeinsam mit polnischen Wissenschaftlern die Edition vorbereitet. Geschrieben wurde die ergreifende „Lodzer Getto-Chronik“ nämlich ursprünglich auf Deutsch und Polnisch. Und während diesseits der Oder die rund 1100 deutschsprachigen Seiten bearbeitet wurden, waren die Kollegen jenseits der Oder für die rund 900 auf Polnisch verfassten Seiten verantwortlich. Und da die Chronik erstmals komplett in beiden Originalsprachen veröffentlicht wird, musste der polnische Teil ins Deutsche und der deutsche ins Polnische übersetzt werden. Noch sind die Arbeiten in Lodz nicht abgeschlossen, zeitgleich mit der fünfbändigen deutschen Edition wird dort zunächst der erste Teil mit den Tagesbereichten des Jahres 1941 präsentiert.
„Für die vorliegende Ausgabe konnten erstmals mehrere tausend Seiten der Getto-Chronik miteinander in Bezug gesetzt werden, sodass die gewaltige Leistung der Getto-Archivare in ihrem ganzen Ausmaß hervortritt“, heißt es im Vorwort der deutschen Ausgabe. Die sorgfältig und ausführlich kommentierte Edition zeigt aber auch die gewaltige Leistung die an der Arbeitsstelle Holocaustliteratur, von den drei deutschen Herausgebern und ihren vier polnischen Kollegen sowie den zahlreichen Mitarbeitern vollbracht worden ist. Denn das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt umfasst weit mehr als die Wiedergabe und Erläuterung des im Staatsarchiv in Lodz verwahrten Hauptkonvoluts der Getto-Chronik. Das interdisziplinäre Team von Philologen und Historikern hat vielmehr erstmals systematisch die – von Nachman Zonabend – auf Archive in Polen, Amerika und Israel verteilten Textfassungen aufgespürt, um Abweichungen und Varianten zu ermitteln und darzustellen. Jeder Tagesbericht wurde nämlich gleich mit mehreren Durchschlägen getippt. Und anschleißend von den Archivaren nochmals beraten. Dadurch ergaben sich Korrekturen oder Veränderungen, und deshalb sind insgesamt nahezu 6000 Typoskriptseiten überliefert.
Darüber hinaus sind in der Edition die Berichte mit zahlreichen anderen Dokumenten, mit Zeugenaussagen, Erinnerungen und Tagebucheintragungen, vernetzt. Wenn etwa am 1. September 1942, dass die Deutschen die „Evakuierung“ der Kranken – also die Deportation ins Vernichtungslager – angeordnet haben, lassen bewegende Berichte von Zeitzeugen im Kommentare die Panik und Verzweiflung ganz unmittelbar spürbar werden.
Rückblende: Abgeriegelt wird der zweitgrößte „jüdische Wohnbezirke“ im besetzten Polen im April 1940. Eingesperrt auf engstem Raum werden die Bewohner bis zur Erschöpfung für die deutsche Rüstungsindustrie ausgebeutet, bis im August 1944 das Getto aufgelöst und die letzten noch verbliebenen 76000 Menschen ins benachbarte Chelmno, jenem Vernichtungslager, das die Deutschen Kulmhof nennen, und nach Auschwitz-Birkenau transportiert werden. Bis zum Schluss wird innerhalb der abgeriegelten Straßenzüge den Männern, Frauen und Kindern die „Illusion der Normalität“ vorgegaukelt. Mit Krankenhäusern, Postwesen, Arbeitsamt, Schulen, Kulturhäusern. Zur vermeintlichen jüdischen Selbstverwaltung mit dem umstrittenen Mordechai Chaim Rumkowski an der Spitze gehören auch die Statistische Abteilung und das Archiv. Dort notieren die etwa 15 Mitarbeiter – überwiegend Schriftsteller und Journalisten – akribisch seit Januar 1941 die täglichen Nachrichten. Berichten 43 Monate lang über Wetter und Bevölkerungsstand. Informieren über besondere Vorkommnisse und verzeichnen exakt den Umfang der Lebensmittellieferungen. Vermelden die Sterbefälle samt Todesursache und schließlich auch die „Transporte zur Arbeit“ außerhalb des Gettos“. Obendrein gewähren sie beklemmende Einblicke in die wild kursierenden Gerüchte im „Krepierwinkel Europas“. Anfangs ist der Stil noch überaus sachlich. Nahezu emotionslos werden die Ereignisse vermeldet. Allmählich aber wird die Chronik mehr als eine Sammlung von Tagesnachrichten und statistischen Daten. Um die reine Wiedergabe der Fakten des Alltags gruppieren sich nach und nach literarische gefärbte und sogar humoristische Texte. Dadurch erscheint die Chronik wie eine Tageszeitung. Mit Berichten und Kommentaren, Glossen und unterhaltenden Artikeln. Dominiert wird der Alltag der jüdischen Zwangsgesellschaft vom Hunger. Ab 1942 aber machen sich auch zunehmend Angst und Verunsicherung angesichts der brutalen Deportationen breit. Diese Ereignisse „haben alles andere in den Schatten gestellt. Man vergisst sogar bereits den Hunger oder spricht nicht mehr von ihm, der immer allgegenwärtiger und immer unerträglicher wird“, heißt es am 21. Mai 1942. Daneben machen Krankheiten und Ungeziefer den Bewohnern immer mehr zu schaffen: „der Kampf gegen das Ungeziefer, vor allem gegen die Wanzen, ist, angesichts der Enge des Raumes und der unzulaenglichen Mittel, aussichtslos. In der Hitze vermehrt sich das Ungeziefer und jagt die von der schweren Arbeit des Tages erschoepften Menschen des Nachts aus den Wohnungen“, wird am 23. August 1943 berichtet. Doch trotz der detaillierten Schilderungen ist auch die Chronik letztlich Teil der vorgetäuschten Normalität, die sich aus Sicherheitsgründen einer internen Zensur unterwirft. Aber für de Autoren des kollektiven Tagebuchs – federführend sind der Jurist und Journalist Dr. Oskar Singer sowie der Schriftsteller Dr. Oskar Rosenfeld – gibt es keine unmittelbare Leserschaft. Deshalb wird das Bestreben der Chronisten immer größer, das historische Gebilde „Getto Litzmannstadt“ für spätere Generationen nachvollziehbar zu machen. Konsequent wenden sie sich an zukünftige Leser. Etwa am 2. Juli 1944 mit dem Hinweis: „ Ein wenig kompliziert sind die Sachen für den erstaunten Leser unserer Nachwelt.“ Überlebt hat nur einer der Autoren der Chronik die Deportation: der Ingenieur Bernhard Ostrowski. De kollektive Erinnerung des Gettos aber konnten die Nationalsozialisten nicht auslöschen, die Chronisten haben also ihr Ziel erreicht. Die erschütternde Dokumentensammlung erreicht „den Leser der Nachwelt“ in einer nur behutsam „normalisierten“ Fassung. Denn die reale Schreibsituation der Chroniquere“ – wie sie sich selbst nannten – sollte durch Eingriffe der Herausgeber nicht überlagert werden. Schließlich waren Schreibfehler oder Hörfehler der Sekretärinnen beim Diktat wohl nicht selten der durch Hunger und Kälte geschwächten Aufmerksamkeit geschuldet. Vor allem der „Respekt vor der beeindruckenden Arbeit“, heißt es im Vorwort, hat die Gestalt der Edition beeinflusst: Die ersten vier Bände umfassen jeweils die Tageschroniken eines Jahres und werden abgeschlossen durch einen umfangreichen Anmerkungsapparat. Im fünften Band „Supplemente und Anhang“ finden sich ausführliche Angaben zu den Chronisten und ihren Arbeitsbedingungen, zur Geschichte des Gettos und zur Sprache der Chronik sowie zu den Editionsrichtlinien. Gezeigt werden in allen Bänden auch überwiegend heimlich gemachte Fotoaufnahmen, de den Alltag im Getto dokumentieren.

„Leser der Nachwelt“

Und während die wissenschaftliche Genauigkeit der Ausgabe beeindruckt, rührt vor allem eine Entscheidung der Herausgebern an: Das umfangreiche Personenregister unterscheidet zwischen Opfer und Tätern, trennt die Gepeinigten zumindest symbolisch von ihren Peinigern. Bemerkenswert auch der mit 128 Euro durchaus erschwingliche Preis für die Edition der „Lodzer Getto-Chronik“. „Wir wollen, dass die Texte gelesen werden“, haben die Herausgeber stets betont. Für sie und alle Mitarbeiter ist die Edition nämlich weit mehr als eine wissenschaftliche Veröffentlichung. Die fünf Bände sind „die nachgereichten Grabsteine für die Opfer des Naziterrors“.

Die Chronik des Gettos Lodz/Litzmannstadt. Herausgegeben von Sascha Feuchert, Erwin Leibfried und Jörg Riecke. Wallstein Verlag 2007, 3052 Seiten mit 168 Abbildungen, 128 Euro.


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Aus: uniforum, Nr. 1/29.03.2007:
„Nicht vergessen, aber endlich verzeihen“

Aurelia Scheffel las in der Licher Bezalel-Synagoge aus ihrem Buch „Lodz-Geschichte(n)

Von Hans-Georg Schlegel

„Vergessen darf man nicht, aber man muss endlich verzeihen können!“ Mit diesem bewegenden Plädoyer für friedvolles Zusammenleben beendete Aurelia Scheffel eine Lesung aus ihrem Buch „Lodz-Geschichte(n)“. Ein vom Fachgebiet Germanistik und hier besonders von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur organisiertes Seminar „Holocaustliteratur im Unterricht“ befasste sich im Wintersemester mit der Verarbeitung und Aufbereitung der Holocaustthematik im Schulunterricht. In Kooperation mit der Ernst-Ludwig-Chambré Stiftung fand dieses Seminar im Kulturzentrum der Stadt Lich, der Bezalel-Synagoge statt. Etwa 20 Studierende hatten hier im Rahmen von zwei Blockseminaren unter Leitung von Dr. Andrea Löw die Möglichkeit zu einem etwas anderen Zeitzeugengespräch.
Aurelia Scheffel, die als Lodzer Deutsche in den Wirren des Zweiten Weltkrieges die Errichtung des Lodzer Ghettos sowie die Repressions- und Vernichtungspolitik des Nazi-Regimes unmittelbar erlebte, fasste 2004 ihre Erlebnisse und Eindrücke in einem Erinnerungsbändchen zusammen. Sie verlor ihren Vater kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges und floh dann mit ihrer Familie aus der russischen Besatzung von Polen nach Deutschland. Dort fand sie ein neues Zuhause in Oldenburg, wo sie noch heute lebt.
Begleitet von ihrem Sohn stieß die 78-Jährige zum Kreis der Seminarteilnehmer und bannte diese sowie einige Gasthörer mit einem lebendigen, emotional gehaltvollen Vortrag. Episoden aus dem Buch, die sowohl das Alltagsleben in Polen der 1930er und 1940er Jahre schildern als auch sehr persönliche Erlebnisse von Verlust und Vertreibung beinhalten, trug Scheffel mit kraftvoller Stimme, häufigem Schmunzeln und offensichtlicher Bewegtheit vor. So schilderte sie ihre Erlebnisse unter der russischen Besatzungsmacht ebenso wie leicht nachzuahmende Tipps zum erfolgreichen „Schuleschwänzen“.


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Aus: Liboriusblatt. Wochenzeitschrift für die katholische Familie, 11.03.2007:
Tägliches Bild des Leidens

Chronik des Gettos Lodz wird erstmals komplett veröffentlicht

Von Stefanie Walter

„Auch der heutige Tag verlief sehr ruhig“, schrieb der Chronist am 30. Juli 1944. „Im Getto herrscht Ruhe und Ordnung.“ Trügerische Ruhe. Denn am nächsten Tag wurde bekannt, dass das Getto in der polnischen Stadt Lodz endgültig geräumt werden sollte. Alle Transporte gingen in das Vernichtungslager Auschwitz.
Es war der letzte Eintrag in der Getto-Chronik. Drei Jahre lang hatten 15 Autoren – Schriftsteller, Wissenschaftler und Journalisten – alle relevanten Ereignisse festgehalten. Sie schrieben im Angesicht des Todes, und – wie sie es selbst formulierten – für „Leser der Zukunft“. Die jüdischen Gettobewohner erfuhren davon nichts.
Erst jetzt, mehr als 60 Jahre später, werde der Wille der Autoren erfüllt, sagt Sascha Feuchert, Mitherausgeber und stellvertretender Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Universität Gießen. Gießener Wissenschaftler haben zusammen mit polnischen Kollegen die Texte aus Archiven in aller Welt zusammengetragen und bearbeitet.
Im Oktober soll erstmals die vollständige Getto-Chronik veröffentlicht werden. „Es ist die größte zusammenhängende Quelle des Holocausts“, sagt Feuchert. Und „eine täglich abgebildete Leidensgeschichte“ aus Hunger, Tod uns Zwangsarbeit. Insgesamt waren im Lodzer Getto, das die Nationalsozialisten Anfang 1940 eingerichtet hatten, etwa 200.000 Menschen eingesperrt.
„Das Getto war ein riesiger Wirtschaftsbetrieb“, berichtet Feuchert. In der Textilstadt Lodz leben viele Facharbeiter, deren Wissen und Fähigkeiten die Nationalsozialisten ausbeuteten.
Die Autoren der Getto-Chronik listeten akribisch Todesfälle, Geburten, Lebensmittelzuteilungen und Bevölkerungszahlen auf. Sie berichteten über Getto-Politik, Verhaftungen und Ängste der Bewohner. Aber sie füllten auch eine Rubrik „Getto-Humor“ und besuchten kulturelle Veranstaltungen. „Das war Teil des Widerstands“, erklärt Feuchert. Unklar sei, ob die Deutschen von der Existenz der Chronik wussten. Dass sie bei der Räumung des Gettos nicht vernichtet wurde, ist Nachman Zonabend zu verdanken. Der ehemalige Briefträger im Getto warf die Koffer mit Dokumenten in einen Brunnen und holte sie nach Kriegsende wieder hervor. Von den Chronisten überlebte keiner den Holocaust.


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Aus: Gießener Anzeiger, 07.03.2007:
Verzweifelter Versuch, aus der fahrenden Hölle auszubrechen

Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität (JLU) lädt zu Vorführung des Kinofilms "Der letzte Zug" ins Licher Traumstern Kino

GIESSEN (rst). Die Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität (JLU) lud zu einer Vorführung des Kinofilms "Der letzte Zug" ins Licher Traumstern Kino. Der Schauspieler Hans-Jürgen Silbermann, der den Berliner Kabarettisten Noschik spielte, diskutierte im anschließenden Gespräch mit dem Publikum über den preisgekrönten Film und die komplizierten Dreharbeiten. Im Zentrum des "Letzten Zugs" steht der letzte Judentransport, der Berlin 1943 in Richtung Auschwitz verlässt.
In Viehwaggons gepfercht, werden 688 Menschen unterschiedlichster Profession, jung und alt, arm und reich, aufgrund des nationalsozialistischen Rassewahns auf eine leidvolle sechstägige Reise geschickt. Zunächst noch hoffend, sinkt die Zuversicht der Eingesperrten zusehends von Stunde zu Stunde. Der Zuschauer begleitet die Insassen eines Waggons auf ihrem Weg und erlebt hautnah die klaustrophobische Enge und das Bangen um die Ungewissheit des Ziels, die an den Nerven zerren. Die katastrophalen hygienischen Bedingungen, unsäglicher Durst und Hunger fordern bald ihre ersten Opfer. Immer verzweifelter versuchen einige mit allen Mitteln aus der fahrenden Hölle auszubrechen - unter ihnen ein junges Paar (Sibel Kekilli, Roman Roth) und die Familie des Boxers Henry Neumann (Gedeon Burkhard, Lale Yavas). Tag und Nacht arbeiten sie an einem Fluchtweg, währenddem sich andere in ihre Erinnerungen zurückziehen. So auch der Berliner Kabarettist Jakob Noschik (Hans-Jürgen Silbermann), dessen Frau und Liebe seines Lebens - die brillant von Brigitte Grothum ("Drei Damen vom Grill") gespielt wird - in seinen Armen stirbt. Schließlich gelingt es nur einer jungen Frau und dem Mädchen Nina - die Nachwuchsschauspielerin Lena Beyerling zeigt in dieser Rolle eine beeindruckende Leistung - dem Albtraum zu entkommen. Die Regisseure Joseph Vilsmaier und Dana Vávrová haben mit "Der letzte Zug" einen ungeheuer plastischen und emotionalen Film vorgelegt, der die Kinogänger die Strapazen der Deportierten fast physisch nachvollziehen lässt.
Es ist bestimmt auch Hans-Jürgen Silbermanns unterhalterischem Talent zu verdanken, dass die große Mehrheit der Kinogäste an der Diskussion nach dem Film lebhaft teilnahm, die von Charlotte Kitzinger moderiert wurde. Schließlich spielte Silbermann nicht nur den Kabarettisten Noschik, neben der Schauspielerei arbeitet er tatsächlich beim Leipziger Kabarett "Pfeffermühle". Obwohl ihm die Figur des Kabarettisten damit nicht gänzlich fremd gewesen sei, habe er dennoch wochenlang die Aussprache eines jiddischen Liedes immer wieder geübt, was er denn auch zur Freude des Publikums gerne vorführte. Durch seine offene und einnehmende Art ermutigt, wandten sich viele Matineebesucher mit ihren Fragen an den charismatischen Schauspieler. Das Interesse rangierte von allgemeinen Fragen zu einzelnen Filmsequenzen bis zu seiner ganz persönlichen Vorbereitung. Im Zusammenhang mit den Dreharbeiten betonte der Kabarettist nachdrücklich den großartigen Verdienst des Ehepaars Vilsmaier/Vávrová, die trotz vielfacher Produktionshürden alles darangesetzt hatten, den Film auf die Leinwand zu bringen. So wären diese Beiden, nachdem bereits diverse andere Regisseure im Streit mit Produzent und Drehbuchautor Artur Brauner das Handtuch geworfen hätten, unermüdlich bei der Sache geblieben. Und dies sei nicht etwa Brauners Einlenken zu verdanken gewesen, sondern vor allem ihrer tiefen Überzeugung: weil sie - wie übrigens das gesamte offenbar nur mäßig bezahlte Team - "einfach für das Thema brannten".
Eindrücklich berichtete Silbermann weiter von den Dreharbeiten in Prag: Sie hätten tatsächlich in einem originalgetreuen Waggon gedreht, damit das "Gefühl und die Atmosphäre" auch wirklich zu spüren seien. Und auch zum Hintergrund des Films konnte Silbermann wichtige Details erzählen: Das Schicksal der jungen Frau und des Mädchens, denen die Flucht mit Hilfe von polnischen Partisanen gelungen war, basierte auf einer wahren Begebenheit. Als einzige aus ihrem Waggon haben diese Beiden den Holocaust tatsächlich überlebt und es sich über 60 Jahre später nicht nehmen lassen, die Schauspieler bei ihren Dreharbeiten für einen Tag am Set zu besuchen.

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Aus: Gießener Allgemeine Zeitung, 05.03.2007:
Blick hinter Kulissen

Schauspieler Hans-Jürgen Silbermann im „Traumstern“

Lich/Gießen (he). Nach sechs Tagen in einem Viehwaggon ohne Wasser und Brot, eingepfercht mit 100 anderen Juden , von denen viele schon nicht mehr leben, verliert der Kabarettist und unerschütterliche Optimist Jakob Noschik den Verstand. Der Zug hat Auschwitz erreicht, die Türen werden geöffnet, Noschik tritt in die Öffnung, rezitiert Schikkers Ode „An die Freude“. Um ihn herum fällt – wie Schnee – Asche vom Himmel. Es ist eine seltsam poetische Szene. Dann fällt der Schuss.
Im Holocaust-Drama „Der letzte Zug“ (2006) wird Noschik vom Schauspieler und Kabarettisten Hans-Jürgen Silbermann verkörpert. Am Sonntag war er zu Gast im Kino „Traumstern“. Eingeladen hatten die Kinobetreiber und die Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität. Während der Matinée war zunächst der Film zu sehen, anschließend hatte das Publikum die Möglichkeit zum Gespräch mit Silbermann.
Ging es zunächst vor allem um die Betroffenheit, die der Film – übrigens nach einer wahren Begebenheit - in Publikum und Schauspielern ausgelöst hatte und interessierte das Publikum vor allem das Schicksal der beiden Überlebenden, drehte sich das Gespräch später mehr um die Produktionsbedingungen. Dabei gab Silbermann interessante Einblicke in die Dreharbeiten. So wurde schnell deutlich, dass sich die Zusammenarbeit mit Produzent und (unter Pseudonym) auch Drehbuchautor Artur Brauner oft als schwierig erwies. Es ist kein Zufall, dass das Regisseur(ehe)paar Dana Vávrová und Joseph Vilsmaier erst nach mehreren Wechseln im Filmstab die Regie übernahm. Brauners unbedingtes Festhalten an jedem einzelnen Wort des Drehbuchs raubte nicht nur der Regie die Nerven, sondern hatte auch zur Folge, dass am Ende ein über zwei Stunden langer Film vorlag. Nach vielem Hin und Her wurden daraus schließlich zwei Stunden. Dass die Dreharbeiten trotz solcher Differenzen und teilweise bis heute nicht gezahlter Gage dennoch für alle Beteiligen bereichernd gewesen seien, rechnet Silbermann dem Regieteam hoch an: „Die beiden haben eine tolle Atmosphäre hergestellt!“
Außerdem sprach Silbermann über seinen Kollegen Gedeon Burckhard – „mit dieser schwierigen Rolle wollte er weg vom Kommissar Rex“ -, über die Schwierigkeit, das Thema Holocaust mit Kinderschauspielern zu drehen und über das große Engagement der Beteiligten: „ Alle brannten für die Sache.“ Für Silbermann, dessen kabarettistisches Talent auch bei der eher ernsten Diskussion gelegentlich aufblitze, war die Rolle des Noschek „die größte tragische Charakterrolle meines Lebens“. Es ist sicher auch die fassettenreichste Rolle des Films, der trotz Ehrungen kein Kassenerfolg wurde.
Ins Licher „Traumstern“ hatten sich dennoch zahlreiche Gäste gefunden, die anschließend angeregt mitdiskutierten.


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Aus: Gießener Allgemeine Zeitung, 03.03.2007:
Chronik des Gettos Lodz kommt im Herbst

Gießen (epd). Im Herbst erscheint erstmals die vollständige Chronik des polnischen Gettos Lodz. „Es ist die größte zusammenhängende Quelle des Holocaust“, sagte der stellvertretende Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Justus-Liebig-Universität Gießen, Sascha Feuchert. Mit den Dokumenten ändere sich das Bild vom Getto Lodz. „Wir haben jetzt eine stärkere Opferperspektive.“ Die Chronik sei „eine täglich abgebildete Leidensgeschichte“. Die Chronik umfasst 2000 Textseiten, die aus 6000 Dokumenten entstanden sind. Etwa 15 Autoren – Schriftsteller, Wissenschaftler und Journalisten – verfassten die Chronik in der Zeit vom 12. Januar 1941 bis zum 30. Juli 1944. Sie beschreiben den Alltag im Getto, das die Nationalsozialisten Anfang 1940 eingereichtet hatten. Das Getto Lodz sei bisher in der Wissenschaft wenig beachtet worden, unter anderem, weil dort eine „zentrale Widerstandsbewegung fehlte“, erläuterte Feuchert. Lodz sei jedoch das zweitgrößte polnische und am längsten bestehende Getto gewesen. Nach Angaben Feucherts waren dort etwa 200.000 Menschen eingesperrt. Insgesamt gebe es nur 3000 bis 12.000 Überlebende.
An der Veröffentlichung der Getto-Chronik, die von Feuchert, dem Literaturwissenschaftler Erwin Leibfried und dem Sprachwissenschaftler Jörg Riecke im Göttinger Wallstein-Verlag herausgegeben wird, haben 15 polnische und deutsche Wissenschaftler gearbeitet. Die Chronik werde im Mai fertiggestellt und im Oktober veröffentlicht. Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit etwa 400.000 Euro finanziert.


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Aus: Gießener Anzeiger, 10.02.2007:
„Wer einmalig ist, hat keinen Nachfolger“

Prof. Erwin Leibfried verabschiedet sich in den Ruhestand - Unkonventioneller Hochschullehrer –„Angenehm anders“

Heidrun Helwig GIESSEN. Bloß keine offiziellen Worte. Stattdessen die Nationalhymne, eigene Bemerkungen, das Studentenlied „Gaudeamus igitur“ und dann vor allem „lang anhaltende stehende Ovationen“. Dieses Drehbuch hatte Prof. Erwin Leibfried für seinen Abschied von der Justus-Liebig-Universität (JLU) geschrieben. Sogar eine Titelzeile für den Abschiedsartikel hatte er schon formuliert. Die Universität hat sich seinem Wunsch nicht gebeugt und zwei Redner geschickt. Wohl um den akademischen Gepflogenheiten Genüge zu tun. Und auch die gewünschte Titelzeile bekommt der quirlige Literaturwissenschaftler nicht. Doch wirklich nur, weil „Das hat Gießen noch nicht gesehen: gestern ist ein Gott gegangen“ in keine noch so lange Überschrift passt. Dafür aber gab es tosenden Applaus von den stehenden Gästen. Wenngleich dafür keine Regieanweisung erforderlich gewesen wäre. Um es für Leibfried-Nichtkenner gleich vorwegzunehmen: der überaus kluge Hochschullehrer leidet nicht an Selbstüberschätzung. Ganz im Gegenteil. Bescheiden tritt er auf, stets freundlich und vor allem niemals professoral. Das mag einigen seiner Kollegen ein Berufsleben lang missfallen haben, seine Studentinnen und Studenten aber haben ihn dafür geliebt, geachtet und bewundert. Mit Erwin Leibfried haben sie gelacht, hin und wieder auch über ihn. Und das hat der Literaturwissenschaftler auch immer wieder selbst getan. Selbstironisch über sich nachgedacht und die dabei gewonnenen Erkenntnisse launisch und manchmal auch ins krasse Gegenteil verkehrt verkündet. Und so war auch seine letzte Vorlesung an der Gießener Universität „ein typischer Leibfried“ - zwischen minutiösem Plan und plötzlicher Panne war einfach nicht zu unterscheiden.
Deshalb auch mögen es tatsächlich nicht alle Gäste der „Veranstaltung aus gegebenem Anlass“ als Drohung empfunden haben, als der grauhaarige Professor ein „Zeitfenster von acht bis zwölf Stunden“ für seine "Performance" avisierte. Untermalt mit exakt 12236 Folien. „Wir haben ja nur so viele, wie es Verse im Faust gibt.“An der Wand des schmucklosen Hörsaals gab es dann aber - nachdem er das ungewohnte Jackett gegen die übliche Weste getauscht hatte - gerade mal knapp 70 Folien zu betrachten, doch Goethe begleitete Leibfried dennoch den ganzen Abend. Schließlich verbindet den Literaturwissenschaftler eine ganz besonders enge, liebevolle Beziehung mit dem Dichter. Und die von ihm herausgegebene, leider längst vergriffene Kassette „Goethe! - Ein Komet am Himmel der Jahrhunderte“ hat das Nachrichtenmagazin Spiegel einst als „momentan erfrischendste Art, Goethe neu kennen zu lernen“ gepriesen. Neben Goethe aber blieb noch Platz: Für die Bibel, für Multatuli, für den Wissenschaftlichen Literaturanzeiger. Vor allem aber für Lodz. Als Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur hat Leibfried an der JLU eine bundesweit einzigartige Einrichtung begründet. Ganz zu schweigen von seinen Verdiensten um die deutsch-polnische Freundschaft durch das binationale Projekt zur Herausgabe der „Lodzer Getto-Chronik“. Deshalb auch wurde er - gemeinsam mit Privatdozent Dr. Jörg Riecke und Dr. Sascha Feuchert - mit der Freundschaftsmedaille der Universität Lodz, der Gießener Partneruniversität, ausgezeichnet. Dabei hatte ihn beim Festakt im vergangenen Mai in Lodz besonders beeindruckt, dass ganz selbstverständlich zum Auftakt die Nationalhymne erklang. Und schon stand der Beginn des Drehbuchs fest. Fest stand - zumindest für ihn - dass es keine „offiziellen Worte“ geben sollte. „Man möge sie sparen bis zur nächsten Feier, wo er dann schweigen will: wenn er ein Engagement gefunden hat auf dieser Bühne des Lebens (wie er mit Shakespeare sagte). Er möchte eine kleine Nebenrolle, die des Erfolgsschriftstellers und klammheimlich Harry Potter toppen. Denn er fühlt sich jetzt arbeitslos und will mit seinen teils schon bekannten Schreibereien fortfahren“, formulierte Erwin Leibfried in seinem Pressetext zum Abschied. Geschrieben hat er schon jetzt reichlich: Gegen ein Dutzend Bücher, gut zwei Dutzend Aufsätze, gut 500 kleinere Buchbesprechungen.

Zum Denken ermutigt

Doch es ging und geht ihm nicht nur um Schreiben und Lesen, denn die „Angewandte Literaturwissenschaft“ war von Beginn an seine Aufgabe. Das Wichtigste aber überhaupt ist für ihn das Denken, dazu hat er seine Studierenden stets ermutigt. Mit seiner herzlichen, manchmal schnoddrigen Art. Als „angenehm anders“ charakterisiert ihn einer seiner Mitarbeiter, als „gutmütig“ ein anderer. Alle haben das „fröhliche, liebenswerte Chaos“ des Erwin Leibfried kennengelernt und hin und wieder auch mit dem Professor heftig diskutiert. „Auch beim Streit kennt er keine Hierarchie, er war meist der erste, der sich wieder versöhnen wollte.“ Als Geschenk haben Kollegen, Weggefährten und Mitarbeiter eine Festschrift für ihn verfasst. „Ich habe das nicht gewollt, so viel Aufwand um meine Person“, sagte er, schaute in die Runde, fügte hinzu: „Ach, was soll`s“ und nahm den dicken Band mit Tränen in den Augen in Empfang.
Seine Professur wird mit Beginn seines „unbefristeten Forschungsfreisemesters“ nicht mehr besetzt. Denn: “Wer einmalig ist, hat keinen Nachfolger.“ Den unkonventionellen Professor werden seine Studierenden vermissen. Und auch der Gießener Universität wird der engagierte innovative Hochschullehrer fehlen.


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Aus: Gießener Anzeiger, 30.01.2007:
„Der Auschwitz-Prozess war eine Tortur für die Zeugen“

Früherer Staatsanwalt Wolfram Wiesemann hält Vortrag über Frankfurter Auschwitz-Prozess - "Es war alles ganz anders" - Blockseminar in Licher Synagoge

GIESSEN (V). „Einfach phantastisch: Die Studenten stellen Fragen zum Prozess und ich kann direkt das Wort an ihn weitergeben“, freute sich Dr. Andrea Löw über den Besuch Wolfram Wiesemanns beim germanistischen Blockseminar „Holocaustliteratur im Unterricht“ der Justus-Liebig-Universität (JLU). Etwa 15 Studenten lauschten denn auch gebannt den Worten des pensionierten Oberstaatsanwalts, der nicht nur die Frankfurter Auschwitz-Prozesse live erlebt, sondern auch acht Jahre bei der „Ludwigsburger Zentralen Stelle“ ermittelt hat. Seinen Vortrag unter dem Titel „Der Auschwitz-Prozess. Ein Zeitzeuge berichtet“ hielt Wiesemann im Rahmen der Analyse von Peter Weiss´ Drama „Die Ermittlung“. Und dies in der „coolen location“ - wie es einer der Studenten ausdrückte - der Licher Bezalel Synagoge, deren Wiederaufbau der Ernst-Ludwig Chambré-Stiftung zu verdanken ist, die überdies auch die finanziellen Mittel für dieses zusätzliche Blockseminar an der JLU bereitstellte, heißt es in einer Pressemitteilung. Bereits etwas früher eingetroffen, verfolgte Wiesemann interessiert die Diskussion der Studenten über das dokumentarische Theaterstück „Die Ermittlung“. In ihrer engagierten Debatte über literarische Stilmittel und die Darstellung des Verfahrens entstanden jedoch immer wieder neue Fragen: Wie haben die Täter tatsächlich reagiert? Und wie die Opfer? War die Verhandlung wirklich so nüchtern und steril wie Peter Weiss´ Text nahe legt? Dabei verwies Andrea Löw an den Fachmann an ihrer Seite. Und Wiesemann ließ sich nicht zweimal bitten: „Nein, so war es nicht. Die Atmosphäre ist völlig falsch dargestellt.“ Detailliert beschrieb er den verblüfften Studenten, wie er die Situation im damaligen Prozess als junger Referendar wahrgenommen hatte.
Im Dezember 1963 begann der größte Schwurgerichtsprozess der deutschen Nachkriegsgeschichte im Frankfurter Römer, später im Bürgerhaus Gallus, der bereits durch seine Ankündigung zu einem internationalen Medienereignis wurde. Vor allem dem Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer war es zu verdanken, dass nun zum ersten Mal die Mitglieder der Lagermannschaft des Konzentrationslagers Auschwitz für ihre Gräueltaten zur Rechenschaft gezogen wurden. Drei Richter und sechs Geschworene bildeten das Gericht, das über die 22 Angeklagten Recht sprechen sollte. Zudem nahmen vier Staatsanwälte und drei Nebenklägervertreter an dem Verfahren teil. Die Anklage stützte sich dabei hauptsächlich auf eine Vielzahl von Zeugenaussagen - soweit attestiert Wiesemann dem Dramatiker Weiss auch historische Genauigkeit. Die hohe Emotionalität im Verhandlungssaal gebe „Die Ermittlung“ Wiesemann zufolge aber nicht mal andeutungsweise wieder. Der Prozess sei einer Tortur der Zeugen gleichgekommen: An einem kleinen Tisch, direkt vor den Richtern und Gerichtsmitgliedern, eingezwängt zwischen den Reihen der Angeklagten, Verteidiger und Zuschauer, hätten die Zeugen sitzen müssen. Wie Beutetiere umringt von der ausgehungerten Meute. „Stellen Sie sich vor,“ so Wiesemann, „Sie haben die Schrecken von Auschwitz überlebt und werden nun, 20 Jahre danach, in das Land Ihrer Peiniger gerufen, um ihnen in die Augen zu sehen.“ Eindringlich skizziert er die Atmosphäre der Bedrohung und die Angst, ja Todesangst der Zeugen, die von den meisten Verteidigern auf brutale Weise angeschrieen, eingeschüchtert und verunsichert wurden. „Die Situation war kafkaesk“, schüttelte Wiesemann nach all den Jahren noch immer fassungslos den Kopf. Das Gericht habe diesen Attacken oft hilflos gegenüber gestanden, zumal die Fragen rechtlich zulässig waren. Das milde Strafmaß - sechsmal lebenslänglich, eine zehnjährige Haftstrafe und zehn kürzere Freiheitsstrafen - sei vor allem darauf zurückzuführen, dass zum einen Ungeheuerlichkeiten wie Massenvernichtung und Massenmord im Strafgesetzbuch gar nicht bedacht waren. Zum anderen beriefen sich die Angeklagten immer wieder auf den so genannten Befehlsnotstand, gaben Unwissenheit vor oder negierten die Vorwürfe komplett. Folglich konnte ihnen persönliche Verantwortung für die Taten nur schwer nachgewiesen werden.
Nicht nur diese Schilderungen Wiesemanns beeindruckten - da er Teile seines Vortrags bereits in der Seminarrunde vorweggenommen hat, sprach er spontan über seine Arbeit bei der „Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen“ in Ludwigsburg und seinen Weg dorthin. Diese faszinierten mindestens ebenso sehr wie Wiesemanns ausgesprochenes Redetalent, das die Studentengruppe in ihren Bann schlug.

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Aus: Gießener Anzeiger, 27.01.2007:
Berichte der Opfer an „zukünftige Historiker“

Dr. Andrea Löw legt beeindruckende Dissertation über „Juden im Getto Litzmannstadt“ vor - Perspektive von innen

Heidrun Helwig GIEßEN. Demütigungen und Erniedrigungen, Hunger und Tod waren sie im „Krepierwinkel Europas“ ausgesetzt. Denn das erklärte Ziel der Nationalsozialisten war ihre Vernichtung. Mit den Juden sollte aber auch jede Erinnerung an die Männer, Frauen und Kinder getilgt werden. Nicht nur im Getto Litzmannstadt. Doch diesem Vorhaben der Mörder widersetzten sich gerade dort unzählige Menschen mit verzweifeltem Mut. Heimlich verfassten sie Tagebücher, Berichte, Erzählungen, in denen sich mitunter sogar direkte Hinweise an „zukünftige Historiker“ finden. Schließlich waren die Autoren überzeugt, dass sich irgendwann jemand für ihre Geschichte interessieren würde. Und die künftige Erinnerung an das Getto wollten sie unbedingt mitbestimmen. Die vielfältigen Selbstzeugnisse aus dem zweitgrößten Getto auf polnischem Territorium hat die Gießener Historikerin Dr. Andrea Löw in ihrer eindrucksvollen Dissertation „Juden im Getto Litzmannstadt“ nun erstmals systematisch ausgewertet. Dabei hat die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität eine Vielzahl privater Dokumente in deutscher, polnischer und jiddischer Sprache in die detailreiche Untersuchung einbezogen. Neben Aufzeichnungen, die während der deutschen Besatzungszeit entstanden, auch Erinnerungsberichte von Überlebenden der Nazidiktatur. Durch die breit angelegte Quellenbasis gelingt es Andrea Löw, die Geschichte der Menschen im Getto Litzmannstadt, dem polnischen Lodz, überzeugend zu rekonstruieren. Sie erschließt die Perspektive der Opfer, untersucht „Lebensbedingungen, Selbstwahrnehmung, Verhalten“ - so auch der Untertitel der knapp 590 Seiten umfassenden Studie - der Eingeschlossenen und legt damit erstmals eine Innenansicht des Gettos vor. Doch das ist nicht das einzige Verdienst dieser überaus sorgfältigen Arbeit, denn Andrea Löw gibt zudem einen kenntnisreichen Überblick über den Forschungsstand zum Getto Litzmannstadt. Da der größte Teil der Untersuchungen zu dem von den Nationalsozialisten ausgewiesenen „Wohngebiet der Juden“ auf Polnisch und Jiddisch vorliegt, hat die Wissenschaftlerin beide Sprachen im Verlauf ihres Dissertationsprojektes erlernt und vermag deshalb bislang überwiegend nebeneinander verlaufende Forschungsstränge zusammenzuführen.
Abgeriegelt wurde das Getto Ende April 1940. Doch weitreichende Repressalien mussten die rund 230000 Juden, die in Lodz lebten, schon zuvor ertragen. Vor allem seit ihre Heimatstadt Anfang November 1939 ins Deutsche Reich eingegliedert worden war. Das eigens eingerichtete „Wohngebiet“ umfasste die ärmsten Teile der Stadt, viele der Häuser waren baufällig, verfügten weder über fließend Wasser noch über einen Anschluss an die Kanalisation. Dort wurden Männer, Frauen und Kinder unter katastrophalen Bedingungen zusammengepfercht. Und zu den ohnehin lebensbedrohlichen Zuständen - viele Bewohner starben an Hunger oder Typhus -, kam ab Januar 1942 die ständige Gefahr von Massendeportationen in das nahegelegene Vernichtungslager Kulmhof hinzu. Im August 1944 schließlich wurde das Getto liquidiert, die noch verbliebenen rund 76 000 Menschen ebenfalls nach Kulmhof und Auschwitz-Birkenau verschleppt und dort fast alle ermordet.
Der zeitliche Rahmen der Untersuchung umfasst die Zeit vor der deutschen Besatzung von Lodz bis zur Auflösung des Gettos und wird ergänzt um einen Ausblick auf die Geschichte der Juden, die noch bis zur Befreiung der Stadt durch die Rote Armee im Januar 1945 in der Stadt lebten. Spannend und auch anrührend ist dabei vor allem auch die Überlieferungsgeschichte der Tagebücher, Erlebnisberichte, Beschreibungen. Zudem geht die Historikerin - soweit möglich - dem Schicksal der Autoren nach. Ein unbekannter Verfasser etwa schrieb sein Tagebuch auf die Seiten des französischen Romans „Les Vrai Riches“ Auf Jiddisch, Polnisch, Englisch und Hebräisch. „E wollte sicher sein, dass das, was er beschrieb, wirklich von der Nachwelt zur Kenntnis genommen wird“ schreibt Andrea Löw. Entdeckt wurde das Buch im Nachbarhaus von einem Überlebenden des Gettos, der nach Kriegsende in seine Wohnung zurückkehrte. Der Schreiber aber wurde vermutlich mit seiner kleinen Schwester in Auschwitz ermordet.

Private Aufzeichnungen

In den privaten Aufzeichnungen steht der Alltag im Getto im Mittelpunkt, die sich zusehends verschärfenden Lebensbedingungen, die katastrophale Versorgungslage. „Das Leben im Getto war die Hölle, das geht aus sämtlichen Selbstzeugnissen hervor. Doch umso wichtiger erscheint es, die Versuche darzustellen, dem etwas entgegenzusetzen“, schreibt die Wissenschaftlerin. Theateraufführungen und Konzerte werden organisiert, aber auch Freundschaften geschlossen und Liebesbeziehungen angeknüpft. Zudem gab es - wenn auch wenige - Kontakte nach „draußen“ und einen organisierten Schmuggel. Damit widerspricht Andrea Löw dem gemeinhin gezeichneten Bild des Gettos Litzmannstadt als „hermetisch“ abgeriegelt.
Die Selbstzeugnisse zeigen zudem, dass die Gettogesellschaft keineswegs eine Einheit war, sondern starke soziale Konflikte die Zwangsgemeinschaft kennzeichneten. Andrea Löw beschreibt darüber hinaus den ungeheueren Aktionismus, mit dem auch die innerjüdische Verwaltung mit dem nicht unumstrittenen Mordechai Chaim Rumkowski an der Spitze versucht hat, den Alltag zu organisieren und dem Leben einen Rahmen zu geben. Zu der scheinbaren Normalität gehörten auch die statistische Abteilung und das Archiv. Dort notieren etwa 15 Mitarbeiter - überwiegend Journalisten und Schriftsteller - die täglichen Nachrichten. Berichten über Wetter und Bevölkerungsstand. Informieren über besondere Vorkommnisse und verzeichnen akribisch den Umfang der Lebensmittellieferungen. Vermelden die Sterbefälle samt Todesursache und die „Transporte zur Arbeit außerhalb des Gettos“, die Transporte ins Vernichtungslager. Neben den Selbstzeugnissen war auch diese rund 2000 Seiten umfassende Tageschronik „von unschätzbarem Wert“ für die Untersuchung der Wissenschaftlerin.
Die Veröffentlichung dieses auf Deutsch und Polnisch verfassten einzigartigen Dokuments wird an der Arbeitsstelle Holocaustliteratur gemeinsam mit Wissenschaftlern der Gießener Partneruniversität Lodz und des Staatsarchivs Lodz vorbereitet. Daran arbeitet auch Andrea Löw mit, deren Dissertation über das Getto Litzmannstadt im Anhang 24 Fotoaufnahmen zeigt. Denn vor allem Mendel Grossman und Henryk Ross versuchten mit geheimen Aufnahmen das Leben und Sterben im Getto zu dokumentieren, wollten die spätere Erinnerung an das Getto aktiv mitgestalten. Diesen Wunsch der Fotografen und der Verfasser von Tagebüchern, Berichten und der Tageschronik erfüllt Andrea Löw mit ihrer Arbeit. Sie gibt den Opfern eine Stimme und die sollte von möglichst vielen Menschen gehört werden.

Andrea Löw: Juden im Getto Litzmannstadt. Lebensbedingungen, Selbstwahrnehmung, Verhalten. Schriftenreihe zur Lodzer Getto-Chronik. Herausgegeben von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur (Universität Gießen) und dem Staatsarchiv Lodz. Wallstein-Verlag: Göttingen 2006, 584 Seiten, 46 Euro.


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Aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.01.2007:
Wille zum Überleben

Das schreckliche Schicksal der Juden im Getto Litzmannstadt

Überleben durch Arbeit war die Strategie von Mordechai Chaim Rumkowski, „Judenältester“ des Gettos Litzmannstadt - in einem System, das ein Überleben nicht vorsah. Die Gettos waren als Zwangsquartiere für Juden im von Deutschland besetzten Osteuropa geschaffen worden, ihre Entstehung, Organisation und Auflösung unterschieden sich erheblich, aber alle entwickelten sich zu Zwischenstationen der Vernichtung. Die in Litzmannstadt umbenannte und dem Deutschen Reich einverleibte polnische Stadt Lodz hatte das größte Getto in den eingegliederten Gebieten und damit im Deutschen Reich. Auf 4,13 Quadratkilometern ohne Kanalisation drängten sich zeitweise 200 000 Menschen in katastrophalen hygienischen Verhältnissen, davon überlebten nach optimistischen Schätzungen etwa 7000. Mehr als 45 000 Menschen starben im Getto selbst, mindestens 145 000 wurden im Vernichtungslager Kulmhof und in Auschwitz ermordet oder starben auf den Transporten dorthin.
Die Historikerin Andrea Löw konzentriert sich in ihrer Studie auf die Lebensverhältnisse der Bewohner. Sie stützt sich dabei vor allem auf in erstaunlicher Vielfalt und Anzahl erhaltene Quellen in polnischer und jiddischer Sprache, die von deutschen Forschern bisher wenig genutzt wurden. Nach einer Zusammenfassung der Verhältnisse vor dem Krieg und in den ersten Monaten der Besatzung beschreibt sie zunächst die Phase der Einschließung des Gettos am 30. April 1940. Es folgt die Schilderung der in mehreren Wellen erfolgten weiteren „Aussiedlungen“ bis zum September des Jahres und der Phase zwischen Ende 1942 und Juni 1944, in der das Getto zur reinen Produktionsstätte wurde. Die Auflösung des Gettos von Juni bis August 1944, als bis auf einen kleinen Rest alle Bewohner, darunter Rumkowski, abtransportiert und ermordet wurden, bildet den Schluss der Darstellung. Dabei folgt Löw nicht immer streng der Chronologie, doch die dann teilweise mehr sachthematisch aufgebauten Abschnitte dienen bei der Vielfältigkeit der Erscheinungsformen der besseren Anschaulichkeit.
Zum „Ältesten der Juden“ bestimmte die deutsche Verwaltung Mordechai Chaim Rumkowski, der schon vorher in der jüdischen Gemeinde engagiert war. Er blieb der wichtigste Ansprechpartner der „Macht“, wie die deutschen Behörden im Getto genannt wurden. Er allein war den Deutschen verantwortlich und bezog daraus seine Machtfülle gegenüber den Getto-Bewohnern. Die Selbstverwaltung blieb jedoch stets eine Scheinautonomie. Rumkowski erhielt direkte Anweisungen und hatte minimalen Spielraum. Er machte sich jedoch mit großem Eifer an die ihm gestellte Aufgabe und baute innerhalb kurzer Zeit einen hochdifferenzierten Verwaltungsapparat auf. Die wichtigsten Aufgaben waren Unterbringung und Versorgung der Bevölkerung. Arbeitskraft war, nachdem alles, was auch nur irgendeinen Wert hatte, abgegeben worden war, das einzige, was die Einwohner des Gettos zu bieten hatten. Eine breite Palette von Waren wurde hier produziert, die Rohstoffe wurden bereitgestellt und dann verarbeitet, dafür wurden Lebensmittel geliefert, die allerdings nie ausreichten.
Neben der Behebung unmittelbarer Notlagen durch Gesundheitswesen und Fürsorge für Bedürftige hatten Bildung für Kinder und Jugendliche sowie Theater und Konzerte einen hohen Stellenwert. Wichtig für die Menschen war, mit dem Fortbestehen des kulturellen Lebens an die Zeit vor dem Krieg anzuknüpfen und durch die Schulen in die Zukunft zu investieren. Diese Anknüpfung an eine Normalität trug zum Überlebenswillen wesentlich bei. Eine eigene Abteilung der Verwaltung widmete sich der Dokumentation, die bewusst auch Quellen für Historiker späterer Zeiten schaffen sollte.
Die hierarchische Struktur schuf auch soziale Unterschiede, und ein zentrales Thema war die Verteilung der Lebensmittel. Um seine Macht durchzusetzen, standen Rumkowski eine Polizei - der „Ordnungsdienst“ -, ein Justizapparat und auch Strafvollzug zur Verfügung, und er machte Gebrauch davon. Unmut und Groll über die Lebensverhältnisse richteten sich in der Folge vor allem gegen Rumkowski und nicht gegen die eigentlichen Urheber. Die Einweisung von 20 000 Juden aus dem Deutschen Reich sorgte durch Sprachschwierigkeiten und Mentalitätsunterschiede für erhebliche Spannungen, eine vollständige Integration gelang nie.
Zu den Aufgaben der Selbstverwaltung zählte auch die Auswahl derjenigen, die deportiert werden sollten. Etwa fünf Monate nach den ersten Transporten erreichten Litzmannstadt erste Informationen über das schreckliche Schicksal dieser Menschen. Die Verwaltung entschied weiterhin, wer zu den Transporten eingeteilt wurde, im festen Glauben, Schlimmeres zu verhüten. Tatsächlich schockierte das brutale Eingreifen der Deutschen, als die vorgegebene Anzahl nicht rechtzeitig erreicht wurde, die Bevölkerung dermaßen, dass dieses Mittun gerechtfertigt schien. Historische Analyse und Bewertung werden hier schwierig, doch Andrea Löw nimmt sie abwägend und sensibel vor. Im Mittelpunkt dieser sorgfältigen Untersuchung steht nicht die Frage, wie es zur Judenverfolgung kam, sondern wie sie sich im konkreten Fall von Litzmannstadt auf die Menschen auswirkte. Andrea Löw gelingt es, dies für eine Vielzahl von Aspekten darzustellen.

KLAUS A. LANKHEIT.

Andrea Löw: Juden im Getto Litzmannstadt. Lebensbedingungen, Selbstwahrnehmung, Verhalten. Wallstein Verlag, Göttingen 2006. 584 S., 46,- [Euro].


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Aus: Hagener Rundschau, 20.01.2007:
Die Geschichte der Juden im Getto Litzmannstadt

Die Hagenerin Dr. Andrea Löw lernte für die Recherche Polnisch und Jiddisch – Ein Jahr Spurensache in Polen

Von Jens Helmecke

Hagen. Über den Holocaust ist bereits viel geschrieben worden. Denkt man an Gettos, fällt schnell das Stichwort Warschau. Die Hagener Historikerin Dr. Andrea Löw hat mit ihrer Doktorarbeit über die Gettoisierung der Juden in Lodz Neuland betreten. Sie gewährt einen neuen Blick auf die dramatischen Geschehnisse zwischen 1939 und 1945, weil er erstmals von innen kommt.

Statt allein über die Ereignisse und die damit verbundenen menschlichen Schicksale zu schreiben, hat sich die 34-Jährige auf die Suche nach Originalquellen gemacht. Aufzeichnungen der Gettobewohner, ihre Tagebücher, teils auf deutsch, polnisch oder jiddisch verfasst, hat Löw lange untersucht, mit Überlebenden gesprochen. Um die Opfer selbst zu Wort kommen lassen zu können, lernte sie an der Uni Krakau polnisch, eignete sich Jiddisch an und studierte 2003/2004 ein Jahr lang in polnischen Archiven, hauptsächlich in Warschau. „Ich habe mich schon früh im Studium für das Thema Holocaust interessiert.“ Der israelische Historiker Saul Friedländer brachte die Hagenerin im Gespräch auf die Idee, die Originalquellen zu erforschen.
In besonderer Weise ist es Andrea Löw dabei gelungen eine bedeutende wissenschaftliche Arbeit zu verfassen, die es auch dem Laien ermöglicht, einen Zugang zu diesem Thema zu finden. Löw hat es geschafft, aus hunderten Quellen, Zeugnissen der Geschehnisse, eine ebenso spannende wie bewegende Geschichte im besten Sinn zu verfassen. Sie schildert die Zeit von 1939 bis 1945, in der in Lodz anfänglich rund 233 000 Juden lebten, in einer beinah romanhaften Weise. Nicht immer zur Zufriedenheit ihres Doktorvaters, aber „ich wollte, dass auch Nicht-Historiker sich für dieses Thema interessieren“, sagt Löw.
45 000 Juden kamen zwischen `39 und `45 im Getto Litzmannstadt, wie die Deutschen Lodz nannten, um.
Einige konnten flüchten, viele wurden in die Konzentrationslager deportiert. Am Ende überlebten nur ein paar hundert von ihnen die Befreiung durch die Rote Armee.
Die Gettobewohner wollten mitbestimmen, wie später an die Verbrechen erinnert wird. Auf der Spurensuche fand Löw die zentralen Figuren in der Geschichte des Gettos und etliche, die den Alltag regelmäßig aufgezeichnet haben. Mordechai Chaim Rumkowski etwa bestimmte die Geschicke im Getto wesentlich – und stand bei vielen Juden heftig in der Kritik. In ihren Augen machte er sich zum Handlanger. Rumkowski organisierte die Stadt in der Stadt bis hin zur Gettoregierung, die scheinbar über Wohl und Wehe entschied – solange die Deutschen sie ließ.
Liest man das beinah 600 Seite starke Buch, „erscheinen die Menschen im Getto nicht mehr als anonyme, statistisch erfasste Opfermasse, sondern als Individuen mit einer je eigenen Geschichte“, hofft die Autorin.

Dr. Andrea Löw liest am 14. Februar um 20 Uhr in der Buchhandlung Thalia (Hagen) aus ihrem Buch.


Aktuelles:
[03.09.2010] Bericht über Tagebücher von Friedrich Kellner im Gießener Anzeiger
[01.09.2010] Änderung der Telefonnummer von Sascha Feuchert
[31.07.2010] Gießener Anzeiger berichtet über Werkstattgespräch mit Steve Sem-Sandberg
[31.07.2010] Ausstellung zu Leben und Werk Hilda Stern Cohens ausleihbar
[31.07.2010] Mitglied werden im Förderverein
[10.04.2008] Aktuelle Besprechungen der Getto-Chronik