Holocaustliteratur

Spätestens seit den ausgehenden 1980er Jahren hat sich der Begriff "Holocaustliteratur" als Genre-Bezeichnung etabliert für eine Vielfalt von Texten, die die klassischen Gattungsgrenzen zwischen Epik, Lyrik und Drama überschreitet. Entwickelt wurde sie ursprünglich in Amerika, wesentlich initiiert durch die Literaturwissenschaftlerin Susan Cernyak-Spatz, die selbst den Holocaust überlebte. (2)

Die an der Gießener Arbeitsstelle in den vergangenen Jahren (mit)entwickelte Definition der Bezeichnung Holocaustliteratur schließt zunächst einmal alle literarischen Texte über den Holocaust ein. Grundlegend ist ein weites Verständnis der Metapher "Holocaust": Dieses umfasst alle Aspekte der nationalsozialistischen "Rassen"-, Verfolgungs- und Vernichtungspolitik gegen alle Opfergruppen. Eine solche weite Definition ist freilich nur legitim, wenn dabei der Einmaligkeitscharakter der planmäßigen Vernichtung der europäischen Juden nicht überdeckt wird, der das wesentliche und unvergleichbare Kennzeichen des nationalsozialistischen Terrors war. Daher wird dafür plädiert, dieses noch einmal gesondert mit der Metapher "Shoah" zu bezeichnen, die somit – um mit dem ehemaligen Direktor des Washingtoner US Holocaust Memorial Museum, Walter Reich, zu sprechen – "den schrecklichen Kern des Holocaust" bildete. Beide Begriffe stehen so gesehen in einem engen Verhältnis zueinander und werden nicht losgelöst voneinander verwendet.

Die nationalsozialistische Verfolgungs- und Ausgrenzungspolitik begann unmittelbar mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 und auch das Schreiben über diese Ereignisse setzte zu diesem frühen Zeitpunkt ein. Nach dem Gießener Verständnis von Holocaustliteratur umfasst die Genrebezeichnung daher sowohl einerseits die frühen Texte über die Verfolgungsmaßnahmen und die (in der Anfangszeit zum Teil noch wilden) Konzentrationslager (1933-1939) als auch die nach Kriegsbeginn errichteten Gettos und Vernichtungslager.(3) Dabei sollen selbstverständlich die komplexen historischen Entwicklungen der Verfolgungspolitik nicht verwischt werden, dafür soll aber nachdrücklich in literaturhistorischer Hinsicht betont werden, dass die Texte der verschiedenen Phasen der "Rassen"-, Verfolgungs- und Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten starke Bezüge untereinander aufweisen und sich Gattungskonventionen bereits sehr früh entwickelten, die auch die späteren Texte (bis heute) beeinflussen.
Texte der Holocaustliteratur sind v.a. insofern "literarisch", als sie keinen wissenschaftlichen Kriterien und Konventionen folgen, somit – im weiteren Sinne – immer "subjektabhängige" Interpretationen des Holocaust darstellen und keine wissenschaftlichen "Metadokumente" sind. Zu dieser Form der Interpretation kann auch die Fiktionalisierung des Geschehens gehören – eine Möglichkeit, die die "Holocaustliteratur" am deutlichsten vom Anspruch wissenschaftlicher Arbeiten unterscheidet.(4)

Zur Holocaustliteratur können somit neben Tagebüchern und Chroniken, die zur Zeit des Geschehens entstanden, auch Memoiren und Erinnerungen gehören, die nach den Ereignissen von Betroffenen verfasst wurden. Auch fiktionale Bearbeitungen in Romanen, Dramen und Gedichten, die z.B. erfundene Figuren, Ereignisse und Orte beinhalten und den Holocaust zentral behandeln, zählen wie ausgeführt dazu. Natürlich gehören auch Texte zum Genre, die von "Nicht-Betroffenen" geschrieben wurden. Allerdings – und das ist zu betonen – ist die Verbindung des Autors zum Geschehen, sein Status als unmittelbar Beteiligter (Täter oder Opfer) oder Unbeteiligter (z.B. als Angehöriger der nachfolgenden Generationen) an den Geschehnissen des Holocaust selbstverständlich zentral für die Beurteilung des jeweiligen Textes.

(vgl. zur wissenschaftlichen Begründung des Begriffs Holocaustliteratur auch ausführlich: Sascha Feuchert [Hg.]: Holcaust-Literatur: Auschwitz. Stuttgart: Reclam 2000. S. 5-26.)


Fußnoten

(1) Der nachstehende Text ist nur der Versuch einer allgemeinverständlichen Zusammenfassung der Gegenstandsbereiche der Arbeitsstelle Holocaustliteratur. Zur genaueren wissenschaftlichen Verortung des Begriffs "Holocaustliteratur" vgl. die untenstehende Literaturangabe sowie u.a. die weiterführende Arbeit von Katja Zinn: Literarische Versionen des Gettos Litzmannstadt: Holocaustliteratur als Spiegel von Erinnerungskultur, dargelegt an Texten von Opfern, Tätern, Zuschauern und Nachgeborenen. Dissertation, Justus-Liebig-Universität, Gießen 2009 (http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2009/7144/) sowie die grundlegenden Ausführungen von James E. Young: Beschreiben des Holocaust. Darstellung und Folgen der Interpretation. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1997.

(2) Vgl. Susan Cernyak-Spatz: German Holocaust-Literature. New York (u.a.): Lang 1985.

(3) Zur weiteren Differenzierung wird daher in manchen Kontexten auch von "Holocaust- und Lagerliteratur" gesprochen.

(4) Wobei man selbstverständlich beachten muss, dass auch historiographische Werke immer Interpretationen sind. Allerdings ist diese wissenschaftliche Form der Interpretation dazu verpflichtet, umfangreich Quellen auszuwerten und in ihren Schlüssen soweit wie möglich "objektiv" oder besser: "intersubjektiv" zu bleiben.

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