am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Valentine Goby: Kinderzimmer

Etwa 560 Kinder kamen laut Geburtenbuch alleine zwischen September 1944 und April 1945 im Konzentrationslager Ravensbrück zur Welt. Nur wenige dieser Babys, die im ‚Kinderzimmer‘ des Lagers unter denkbar widrigsten Bedingungen untergebracht wurden, überlebten. Davon – von einer Geburt in Ravensbrück und dem Kinderzimmer – erzählt der Roman von Valentine Goby.

Mitte April 1944 wird die Französin Suzanne Langlois, die bis zu ihrer Verhaftung unter dem Decknamen Mila für die Résistance tätig war, in das Konzentrationslager Ravensbrück deportiert. Sie ist Anfang zwanzig und am Beginn ihrer Schwangerschaft. Kurz vor ihrer Deportierung hatte sie einem verletzten Mitglied der Résistance Unterschlupf gewährt und dabei war es einmalig zu Intimitäten zwischen den beiden sich fremden Menschen gekommen.
Einiges weiß Mila bereits vor der Deportation über die Deutschen und die Konzentrationslager, etwa, dass dort Juden, Alte und Kranke getötet werden. Wohin sie genau gebracht wird und was sie erwartet, weiß sie jedoch nicht, ebenso wenig was dort mit Schwangeren geschieht. Die Ankunft im Lager löscht jedoch alles bisher Bekannte aus: "Für Mila hat noch nichts einen Namen. Wörter existieren, die sie nicht kennt. […] Eine Sprache, die eine Wirklichkeit bezeichnet, die jenseits ihrer selbst, jenseits des Lagers unbegreiflich ist. […] Das Lager ist eine Rückentwicklung zum Anfang, zum Nichts, alles muss man neu lernen, alles muss man vergessen" (S. 20f.). Unbegreiflich erscheint Mila, dass die Frauen, die ihr begegnen, Menschen sein sollen, dass sie am Leben sein können: "Sie starrt auf die Frau. Das Gesicht der Frau. Die Knochen. Die Augenhöhlen zwischen den Knochen. Das Loch des Mundes. […] Das Knochengesicht hat Beine ohne Knochen. Beinwunden. Hellgelber Eiter rinnt aus dem offenen Fleisch, das wie pfirsichfarbener Marmor von violetten Adern durchzogen ist. Eine kranke Frau, denkt sie". (S. 21f.) Schon sehr bald lernt sie jedoch, dass diese "Hässlichkeit, die sich von Gesicht zu Gesicht, von Fetzen zu Fetzten wiederholt, der gleiche dürre Körper vervielfacht" (S. 34), die Realität von Ravensbrück ist und auch sie dieser nicht entkommt.
Mila verbirgt ihren Zustand, nur einige wenige Vertraute werden bis zur Geburt eingeweiht. Als die Wehen einsetzen, erfährt sie mit Erstaunen, dass es nicht nur eine Entbindungshelferin gibt, sondern auch ein Kinderzimmer, gewissermaßen eine Säuglingsstation, in der die im Lager geborenen Kinder ‚aufbewahrt‘ werden, bis sie – üblicherweise etwa nach drei Monaten – an Unterernährung, Unterkühlung und Krankheiten sterben. So ergeht es auch ihrem Sohn James, den sie zunächst erstaunlicherweise gesund zu Welt bringt. Trotz aller erdenklichen Bemühungen gelingt es ihr jedoch nicht – ebenso wenig wie den allermeisten anderen Müttern –, ihren Sohn am Leben zu halten. An seiner Stelle 'adoptiert' sie nach kurzer Bedenkzeit den zwei Wochen alten Sascha, dessen Mutter im Lager gestorben ist. Auf Vorschlag der Säuglingsschwester Sabine wird Sascha an James‘ Stelle für tot erklärt, so dass James offiziell weiterhin am Leben bleibt. Mila und das neue Baby James überleben schließlich Ravensbrück.

Die Handlung in Ravensbrück ist eingebettet in eine kurze Rahmenerzählung. Suzanne Langlois ist viele Jahrzehnte später als Zeitzeugin zu Besuch in einer Schulklasse, um über ihre Zeit in Ravensbrück zu sprechen. Sie beginnt ihren Bericht mit den inzwischen "fünfzigmal, hundertmal" (S. 9) gesprochenen Sätzen. Als sie erzählt, dass sie, die Häftlinge, aus dem Zug aussteigen und zum Lager Ravensbrück gehen, wird die inzwischen alte Dame mit der Frage einer Schülerin konfrontiert, wann genau sie verstanden habe, dass sie nach Ravensbrück gebracht werde. Die Frage löst bei der Überlebenden tiefe Verunsicherung aus, denn die Frage kann sie nicht beantworten. "Sowieso hätte sie nicht verstehen können, dass sie nach Ravensbrück fuhr; auch wenn sie den Namen gehört hätte, wäre er nichts anderes gewesen als eine Zusammensetzung gutturaler, dumpfer Töne, er ergab überhaupt keinen Sinn, bevor man da war, bevor man es erlebte" (S. 11). Sie kann nicht mehr weitersprechen, die inzwischen vielfach eingeübten und automatisierten Sätze über Ravensbrück lassen sich nun nicht mehr sagen: "Die gelebte Geschichte hat keinen möglichen Anfang mehr" (S. 13). Denn wann ihr bewußt wurde, dass sie in Ravensbrück war, lässt sich nicht mehr rekonstruieren, das Lager war eine ständige Erfahrung von Nichtwissen und Erkenntnis. Aber die heutige Überlebende weiß natürlich, dass der Ort, an den sie gebracht wurde, Ravensbrück war, dieses Wissen kann sie nicht mehr rückgängig machen.

Mit einer nüchternen und eher knappen Sprache, ohne jedes Pathos, aber dennoch sehr präzise und eindringlich, erzählt der Roman das Schicksal Milas und einiger ihrer Leidensgenossinnen. Er zeigt, dass es auch so viele Jahrzehnte nach den Ereignissen weiterhin möglich ist, die Geschichten des Holocaust heutigen Lesern zu vermitteln, auch dann, wenn die Autorin eine gänzlich Unbeteiligte ist.
Valentine Gobys Buch basiert auf Zeitzeugenberichten und persönlichen Gesprächen, die die Autorin mit Überlebenden des KZ Ravensbrück geführt hat, vor allem mit Marie-José Chombart de Lawe, die aufgrund ihrer Tätigkeit in der Résistance verhaftet und als Säuglingsschwester im Kinderzimmer von Ravensbrück tätig war. Ihre Memoiren hat sie 2015 unter dem Titel "Résister toujors" veröffentlicht.
Die Idee zum Roman kam Goby jedoch durch das Gespräch mit einem Mann, der ihr erzählte, er sei in Ravensbrück geboren worden. Erstaunlich war für Goby daran weniger, dass es in Ravensbrück Geburten gegeben hat – bei etwa 132.000 Frauen, die zwischen 1939 und 1945 aus ganz Europa nach Ravensbrück verbracht wurden, davon die meisten im gebärfähigen Alter, wohl kaum verwunderlich –, sondern vielmehr, dass der Mann als Säugling das Lager überlebt hatte. Am Anfang waren die Frauen in Ravensbrück noch zur Abtreibung gezwungen worden, aber als zwischen 1943 und 1944 immer mehr schwangere Frauen kamen, ließen die Deutschen Geburten zu – nur um die Babys dann systematisch verhungern zu lassen. Die ausgehungerten, erschöpften und kranken Mütter hatten schon sehr bald nach der Geburt meist keine Milch mehr, um ihre Kinder zu stillen, und Milchpulver wurde nur in völlig unzureichenden Mengen zur Verfügung gestellt. Im Kinderzimmer lagen die Babys nachts alleine, häufig ohne Decken in Eiseskälte, da die deutschen Krankenschwestern darauf bestanden, auch im Winter die Fenster offen zu lassen. Auch das schildert der Roman.

"In Ravensbrück stehen nur noch drei Baracken, was bleibt davon, wenn es keine Bücher darüber gibt?", fragt die Autorin Goby 2014 im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur.  Es gibt sie jedoch – zum Glück –, die Bücher über die Konzentrationslager und den Holocaust. Und seit 2017 liegt der Roman "Kinderzimmer", der 2013 unter dem Titel "Kinderzimmer" auf Französisch erschien und für den Goby 2014 den renommierten Prix des Libraires erhielt, erstmals auch in deutscher Übersetzung von Claudia Steinitz vor.

Von Charlotte Kitzinger

Valentine Goby: Kinderzimmer.

Berlin: ebersbach & simon, 2017.
236 Seiten, 19,95 Euro.
ISBN: 978-3-86915-140-3.


Drucken


TOP
Arbeitsstelle Holocaustliteratur
Otto-Behaghel-Str. 10 B / 1 · D-35394 Gießen · Deutschland
arbeitsstelle.holocaustliteratur@germanistik.uni-giessen.de