am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Sascha Feuchert im Gespräch mit MDR Kultur über ′Trost – Literatur in Zeiten von Verfolgung und Holocaust′

11.05.2017

9. Mai 2017

Gab es unter Künstlern und Intellektuellen einen besonderen Zusammenhalt oder Solidarität in den Konzentrationslagern? Und konnten Dichter und Schriftsteller in den Lagern Trost aus der Literatur ziehen?
Diesen Fragen ging Sascha Feuchert in einem Gespräch mit MDR Kultur nach, das am 9. Mai 2017 ab 18:05 Uhr gesendet wurde. Das Gespräch war Teil der Sendung MDR Kultur Spezial zum Thema "Literatur: Liebe und Hass. Wie Dichter sich streiten und vertragen".

Solidarität sei unter den Bedingungen der Konzentrationslagerhaft kaum möglich gewesen, so führt Feuchert aus, die Häftlingsgesellschaft habe sich in Auschwitz etwa unter den Bedingungen des Zwangs und täglichen Überlebenskampfes weitgehend entsolidarisiert. Dennoch habe es so etwas wie eine "Gemeinschaft durch Erzählen" gegeben, "eine Gemeinschaft, die durch Literatur gestiftet" wurde, wie etwa Primo Levi in "Ist das ein Mensch" berichtet. In den Gettos habe es sogar eine ausgeprägte Kulturgemeinschaft und Künstlerzirkel mit einem starken Zusammenhalt gegeben. Am Beispiel Primo Levis und Ruth Klügers etwa werde zudem sehr deutlich, dass Literatur sogar eine Überlebensfunktion in den Lagern haben konnte. Levi hat sich etwa intensiv mit Dantes "Göttlicher Komödie" beschäftigt und Ruth Klüger rezitierte für sich Gedichte und dichtete zudem selbst, um in der Haftsituation etwas Erleichterung zu finden. "Intertextualität", so betont Feuchert, "ist dann keine Spielerei mehr", sondern liefere Deutungsmuster für das eigene Schicksal und die Bewältigung des eigenen Traumas.
Auch heute sind in vielen Ländern der Welt Schriftsteller und Meinungsfreiheit (immer noch oder erneut) bedroht. Die wichtigste Aufgabe für Institutionen wie den PEN, dessen stellvertretender Vizepräsident Sascha Feuchert in Deutschland ist, sieht Feuchert daher darin, Öffentlichkeit herzustellen. Aber auch Lobbyarbeit und Interventionen vor Ort seien sehr wichtig, ebenso wie Hilfe für die betroffenen Familien. Viele Autoren, vor allem junge Autoren, engagierten sich aktuell in diesen Bereichen sehr. Denn auch in Deutschland, so betont Feuchert, sei Meinungsfreiheit unter Druck. Journalisten würden an der Arbeit gehindert und 'Hate Speech' löse politische Reflexe aus, die durch neue Gesetzte Meinungsfreiheit bedrohten. "Wir brauchen keine neuen Gesetzte", betont Feuchert, "wir brauchen die Anwendung derer, die wir schon haben".

Das vollständige Interview können Sie hier hören.


Drucken


TOP
Arbeitsstelle Holocaustliteratur
Otto-Behaghel-Str. 10 B / 1 · D-35394 Gießen · Deutschland
arbeitsstelle.holocaustliteratur@germanistik.uni-giessen.de