am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Interview mit Charlotte Knobloch und Sascha Feuchert zur kommentierten Neuausgabe von Hitlers ′Mein Kampf′ in dänischer Zeitung erschienen

01.02.2017

Die erste Neuausgabe seit 1945 von Adolf Hitlers "Mein Kampf" als kommentierte Fassung durch das Münchner Institut für Zeitgeschichte ist nicht nur in Deutschland viel und sehr kontrovers diskutiert worden. In der dänischen Zeitung "Kristeligt Dagblad" ("Christliches Tagblatt") ist am 28. Januar 2017 ein ausführliches Interview mit Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, und Sascha Feuchert, Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur und Vizepräsident des deutschen PEN sowie Writers-in-Prison-Beauftrager, dazu erschienen.

Charlotte Knobloch vertritt darin die Auffassung, dass "Mein Kampf" mehr als ein Buch sei. Es sei die ideologische Grundlage für den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg. Damals sei der Fehler gemacht worden, sowohl das Buch als auch die gesamte rechte Agitation und ihre unmenschliche Ideologie nicht ernst und wortwörtlich genug zu nehmen. Heute erlebten wir erneut, wie radikale rechtspopulistische und rechtsorientierte Theorien sozial akzeptabel gemacht würden. Die Veröffentlichung des Buches würde diesem Werk und damit solchen Inhalten ein hohes Maß an öffentlicher Aufmerksamkeit zukommen lassen. Es gehe jedoch darum, dass bestimmte Inhalte und Gedanken keinen Platz mehr in unserer politischen Kultur haben dürften. Wir erlebten jedoch täglich, wie Hassreden und Hetze unsere Gesellschaft spalteten und auch die Stimmung gegenüber Juden vergifte. Die legale Verbreitung dieses antisemitischen Werks sei daher unerträglich. Es sei immerhin die schlimmste antisemitische Schrift, die jemals in deutscher Sprache geschrieben worden sei.

Sascha Feuchert stimmt der Auffassung, dass "Mein Kampf" ein fürchterliches Buch sei, uneingeschränkt zu. Wenn man jedoch verstehen wolle, wie der Nationalsozialismus entstehen und an Macht gewinnen konnte und mit welchen Botschaften sich Hitler an seine Anhänger wandte, dann müsse man auch dieses Dokument genau analysieren. Das Buch sei auch Hitlers Autobiographie oder seine konstruierte Legende, mittels der er sich zum Heilsbringer des deutschen Volkes stilisiert habe. Auch heutige Rechtspopulisten präsentierten sich als eine Art Volkstribune, die die Macht des unterdrückten Volkes wiederherstellen wollen.  Während Hitler die Juden für alle Probleme verantwortlich gemacht habe, seien es bei den heutigen Rechten vor allem Muslime, die bekämpft würden. 
Das Buch sei ohnehin nicht zum Verschwinden zu bringen, es kursiere vor allem im Internet.  Die wissenschaftliche Ausgabe biete zumindest die Möglichkeit, Hitlers Strategien und Lügen aufzuzeigen und zu entlarven. Statt der Mystifizierung des Buches und des Inhalts könne so aufgeklärt werden. Die Publikation des Buches bedeute daher keineswegs Legitimierung des Inhalts – das Gegenteil sei der Fall, da die Edition ja vielmehr Hitler entkräften und seine Mechanismen aufdecken wolle.  

Den Link zum Artikel von Tobias Stern Johansen (auf Dänisch) finden Sie hier.  


Drucken


TOP
Arbeitsstelle Holocaustliteratur
Otto-Behaghel-Str. 10 B / 1 · D-35394 Gießen · Deutschland
arbeitsstelle.holocaustliteratur@germanistik.uni-giessen.de
News-Ticker